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Biken und Klettern: Schnee in Afrika

Dort, wo die alten Griechen das Ende der Welt vermuteten, beginnt ein ganz besonderes Abenteuer: Eine Expeditionsgruppe überquert das Atlas-Gebirge in Marokko. Mit Mountainbikes und Steigeisen.

Von Johannes Schweikle

Als der Sandsturm nachlässt, trauen sich die Jungs aus dem Dorf zu den Zelten. In Plastikschlappen stellen sie sich mit Respektabstand auf. Sie lächeln, schließlich gibt einer von den Großen den Plastikball frei. Zwei Dutzend Jungen bolzen auf dem steinigen Boden Afrikas, jeder Schritt wirbelt rotbraune Erde auf, und die tief stehende Sonne sendet magisches Licht in die Staubfahnen.

Acht Expeditionsteilnehmer schauen zu. Sie sitzen um den Tisch im Esszelt. Seit fünf Tagen sind sie auf Schotterpisten und Maultierpfaden unterwegs. An ihren Beinen klebt eine Kruste aus Schweiß, Sonnencreme und Staub. "Das ist die Marokko-Panade", sagt Hansjörg Pfaundler. Neben dem Küchenzelt steht das Wasserfass. Aber nur die Hälfte der Gruppe hat noch genug Energie, um die Panade abzuschrubben.

Hansjörg Pfaundler, 44 Jahre alt, ein Bergführer aus Tirol mit Piratentuch über dem tief gebräunten Gesicht, führt eine Frau und sechs Männer durch Marokko, von Marrakesch über den Hohen Atlas bis zum Atlantik. Das Besondere an dieser Tour: Sie kombiniert zwei Arten des Schwitzens, Radfahren und Bergsteigen. Dieser Duathlon vereint das Beste aus beiden Welten. Mit den Mountainbikes geht es durch die fruchtbare Haouz-Ebene bis an den Fuß der Gebirgskette. Weil aber auch der härteste Biker die hohen Berge nie von oben sieht, tauschen die Expeditionsteilnehmer nach zwei Tagen die Radschuhe gegen die Bergstiefel. Steigeisen helfen dann beim Weg auf den höchsten Gipfel Nordafrikas, den Dschebel Tubqal, 4167 Meter über dem Meeresspiegel. Von der Südseite des Gebirges bis zum Ziel bei Agadir sitzt die Gruppe wieder im Sattel und profitiert von der größeren Reichweite der Bikes.

Eintauchen in eine andere Zeit

Die Tour wird zu einer Zeitreise. Ein paar Kilometer hinter Marrakesch verlässt die Expedition die asphaltierte Straße. Die Häuser in den Dörfern sind aus gestampftem Lehm gebaut, auf einem Minarett nisten Störche. Für die Dorfkinder sind die Radfahrer eine Sensation: Mit ausgestreckten Armen und offenen Mündern zeigen sie auf die acht Mountainbiker, rennen rufend auf sie zu. Als die eine Pause einlegen, wagen sich zwei kleine Jungs bis an die Stollenreifen und drehen vorsichtig am Hinterrad von Oliver, einem der Teilnehmer.

"Bonne chance", rufen die Bauern - viel Glück. Die langen Kleider der Frauen heben sich bunt von all den erdfarbenen Tönen ab. Esel schreien, Hirten in langen Kapuzenmänteln treiben ihre Schafe über karges Geröll, Ziegen klettern in steilen Felswänden zu grünen Halmen. Die langsame Fortbewegung auf der tiefen, kaum befahrenen Schotterpiste erlaubt es, solche Details aufzunehmen. Immer wieder sticht der Kontrast ins Auge: Die schwarzbraune Steinwüste wandelt sich in den Tälern zu Oasen, die von üppigem Grün strotzen. Auf Terrassenfeldern wächst Getreide; Mohn und Hibiskus leuchten rot, bei der Rast spendet ein mächtiger Walnussbaum Schatten.

Hansjörg, der Guide, hat sich die fünf Kontinente auf die rechte Schulter tätowieren lassen. Die Berge zwischen Patagonien und dem Himalaja sind seine Welt. Am zweiten Tag der Marokko-Tour zeigt sich, wie geschickt er improvisieren kann. Bei der Auffahrt zu einem 2279 Meter hohen Pass durchquert die Gruppe eine Furt. Das kalte Wasser reicht bis zur Kurbel, alle müssen volle Pulle treten, um nicht mitten im Bach umzufallen. Dabei reißt am Rad der Teilnehmerin Mireille die Kette. Am Ufer holt Hansjörg Werkzeug aus dem Rucksack, nach 20 Minuten ist der Schaden behoben.

Traditionelle Verknüpfung

Die Kombination von Radfahren und Bergsteigen hat im Alpinismus Tradition. Anderl Heckmair, der Erstbesteiger der Eigernordwand, setzte sich nach dem Ersten Weltkrieg in München aufs Rad und fuhr bis zum Fuß der Berge. Dort versteckte er es unter einem Busch und begann zu klettern. Dass ihm schlicht das Geld für eine Bahnfahrt fehlte, war kein Nachteil: So wurde die Anreise zum kostenlosen Konditionstraining.

Das Abenteuer am Hohen Atlas funktioniert dagegen mit aufwendiger Logistik. Ein Begleitfahrzeug transportiert Zelte und Ausrüstung, Wasser und Verpflegung. Nach zwei Tagen kommen die Mountainbikes in den klapprigen Mercedes-Lieferwagen, und der fährt sie in einem weiten Bogen zur Südseite des Gebirges.

Ibrahim Ait Idar führt die dreiköpfige Begleitmannschaft an. Er ist 45 Jahre alt, ein schmächtiger Berber mit dunklem Schnurrbart und einer Riesenzahnlücke. Umsichtig belädt er täglich den großen Dachgepäckträger, abends kocht er. Nach dem Essen zelebriert er ein Ritual: In hohem Strahl schenkt er aus einer verbeulten Kanne Tee mit Minze ein. "Berber-Whisky", sagt er und grinst. Markus und Günter, zwei Bergkameraden aus Oberbayern, haben zwischen den Lenkern ihrer Räder eine Leine gespannt. Im Abendwind trocknen Radhosen und Trikots, gezeichnet mit Salzrändern.

Schnee auf 2950 Metern

Am dritten und vierten Tag steigt die Gruppe zu Fuß zum Hauptkamm des Atlas-Gebirges. Bis zur Neltner-Hütte sind auf dem Saumpfad bergauf und bergab Kolonnen von Mulis unterwegs. Die schwer bepackten Tiere marschieren trittsicher und stur. Wer ihnen nicht auf der Bergseite ausweicht, bekommt einen gefährlichen Schubs mit der Hinterflanke. Auf 2950 Metern meldet Markus: "Erste Schneeberührung in Afrika."

1000 Meter höher lässt Hansjörg die Steigeisen anschnallen. Die weiße Flanke fällt mit 45 Grad in die Tiefe, der Führer nimmt zwei der Expeditionsteilnehmer ans kurze Seil. Vom Atlantik her weht ein eisiger Westwind, auch in den dicken Handschuhen frieren die Finger. Doch nach gut drei Stunden Aufstieg scheint der Dschebel Tubqal der Expedition gewogen - der Wind schläft ein. Im islamischen Marokko steht auf dem Gipfel kein Kreuz, sondern eine stählerne Pyramide. Geboten wird eine spektakuläre 360-Grad-Rundumsicht: Im Norden branden Wolken wie ein Urmeer an den Atlas, Marrakesch liegt unter der weißen Decke verborgen. Im Süden staffeln sich kahle Gebirgszüge unter einem fahlblauen Himmel. Am Horizont ragt die Kette des Anti-Atlas empor, dahinter verbirgt sich die Sahara in sandigem Dunst. Hansjörg lässt seinen Flachmann mit Tiroler Obstler kreisen. "Ich war schon auf vielen Gipfeln", sagt er überwältigt, "aber so ein Erlebnis ist selten."

Der Abstieg beginnt abwechslungsreich. Auf den steilen Schotterflanken kann man abfahren: Beine steif machen, die Hacken ins feine Geröll drücken und rutschen. Fast wie im Schnee, fast wie Kinder, die einen Mordsspaß daran haben, mit der Balance zu spielen. Aber dann werden die Steine größer, und der Berg will kein Ende nehmen. Der Pfad ist kaum noch auszumachen, die Schlucht wild und unberührt, Getränkebuden scheinen auf einem anderen Planeten angesiedelt. Irgendwann taucht der türkisgrüne Ifni-See wie eine Fata Morgana in der dunklen Steinwüste auf. Aber all die Schönheit nützt nichts: Zu dieser Etappe gehören 2400 Höhenmeter Abstieg. 13 Stunden ist die Expedition kletternd und wandernd auf den Beinen. Im Lager angekommen, verzieht Hansjörg wegen einer einzigen Treppenstufe schmerzhaft das Gesicht. "So einen langen Abstieg hatte ich wirklich noch nie", sagt er.

Am nächsten Morgen freut sich jeder, den gröbsten Dreck von seinem Bike zu wischen und die Kette zu ölen. Zu Fuß tut jeder Schritt weh, aber weil das Radfahren andere Muskeln beansprucht, geht's im Sattel erstaunlich gut. Kamele stehen zwischen Olivenbäumen, am Horizont tauchen die ersten Sanddünen auf. Nur der Teilnehmer Stefan leidet. Gestern brannten Blasen an seinen Füßen, heute quält er sich mit Darmschmerz bis ins Etappenziel. Je größer die Strapazen, desto intensiver genießt die Expedition die Ruhe. Beim Abstieg vom Dschebel Tubqal lässt der Führer auf einem kleinen Plateau Rast machen, 3500 Meter über dem Meer. Ein großer Steinblock dient als Tisch. Es gibt Brot und Tomaten, Ölsardinen und Orangen. Nach der Anstrengung des Bergsteigens schmecken diese einfachen Lebensmittel besser als manches aufwendige Menü in der Zivilisation. Kein Laut ist zu hören, die heiße Luft flimmert. Im Süden lässt sich die Wüste erahnen, am Horizont zeichnet sich ein Tafelberg schemenhaft ab. "Zwei Tage auf dem Rad, zwei Tage zu Fuß - dieser Rhythmus ist genau richtig", sagt Hansjörg. "Ich könnt so weitermachen. Bis hinunter nach Kapstadt."

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