Hawaii Aloha unterm Vulkan


Wenn einerseits der Weg das Ziel ist, es andererseits darüber hinaus noch ein Ziel gibt, dann ist das ganz etwas Besonderes. Maui bietet genau das, man muss wissen wo. stern.de führt Sie an ein paar abgelegene Orte im Einklang mit der Natur.
Von Ole Helmhausen

Wenn Blicke töten könnten. "Dafür hab ich mir die Schuhe versaut?" Die Joggingschuhe stecken knöcheltief im Matsch. Wenn es sich wenigstens gelohnt hätte. Umzingelt von Bananenstauden und Guavebäumen, starrt die junge Dame wütend durch ein Loch im Gebüsch. Auf der anderen Seite sind, tief unter ihr und kaum erkennbar, die Hanawi-Fälle. Deren Wasser stürzt jedoch nicht Hals über Kopf dem Pazifik entgegen, wie das die Broschüren verkünden, sondern schwappen in aller Ruhe von Becken zu Becken und entwickeln auch kurz vor dem Meer keinen rechten Sinn für Dramatik. Die junge Dame, sie stammt aus Philadelphia, ist empört. Verdrossen rutscht sie auf dem glitschigen Dschungelpfad zum Mietwagen zurück, die Eltern mit betretenen Mienen im Schlepptau.

Dabei ist die Aufregung völlig umsonst. Die Familie von der Ostküste hat nicht die falsche Jahreszeit erwischt, sondern nur die falsche Stelle. Denn auf Maui hängen Wetter und Wasserpegel nicht von der Jahreszeit ab, sondern davon, wo man sich gerade aufhält. Während am Mile Marker 24, wo es zu den Hanawi-Fällen geht, nur noch der Matsch unter den Füßen an den letzten Schauer erinnert, lässt keine zehn Kilometer weiter ein tropischer Regenguss den Dschungel dampfen. Hier und da tauchen gleich neben der Straße die steilen, mit knorrigen Eukalyptusbäumen überwucherten Flanken des 3000 Meter hohen Haleakala aus der Suppe auf. Überreife Mangos, sackweise von den Bäumen gefallen und vom Verkehr zermatscht, verwandeln viele Stellen in Rutschbahnen.

Serpentinen schlängeln sich die Steilküste entlang

In jeder Achsel des von tiefen Falten durchzogenen Vulkans tun Wasserfälle nun, was von ihnen erwartet wird: Sie lassen es so richtig krachen! Die Flüsse des Haleakala, dank der Sintflut von oben um ein Vielfaches angeschwollen, kippen ihr Wasser so dicht neben der Straße aus, dass man sich in einer Waschstraße wähnt. Selbst das Autoradio ist nicht mehr zu verstehen. Und so plötzlich, wie dieses grandiose Spektakel hinter einer Kurve auftauchte, verschwindet es auch wieder. Fünf Minuten später ist die Straße knochentrocken. Lichtspeere dringen durch das dichte Blätterdach auf den Asphalt, Vögel singen. Sobald die Vegetation zurücktritt, sieht man, wo man eigentlich ist: drei-, vierhundert Meter über dem Pazifik, in einer von über 600 Serpentinen, durch die sich der schmale Highway No. 360 die Lavasteilküste entlang nach Hana schlängelt. Seit 1982 erst durchgehend asphaltiert, bringt er es über 83 Kilometer auf genau 617 Haarnadelkurven. Und 57 einspurige Brücken, bei denen sich Autofahrer mit dem entgegenkommenden Verkehr verständigen müssen.

Der Highway 360 gehört zu den Traumstraßen der Welt. Dabei ist er nicht nur das Ziel. Das Beste kommt zuletzt. Am Ende der in die Arme gehenden Fahrt liegt das "letzte Stück des wahren Hawaii". So zumindest versprechen es die Prospekte. Doch wer auf einen Empfang durch leicht bekleidete Hula-Tänzerinnen schließt, wird enttäuscht. Das 1700-Seelen-Städtchen zwingt zum Reality Check, Resultat: Das "Paradies Südsee" ist eine abendländische Erfindung. Hana ist nicht Honolulu, nicht Waikiki. In den kleinen Straßen gibt es keine internationalen Hotelketten, keine Fastfood-Franchises und keine Shopping-Malls. Das einzige Restaurant der Stadt hat nur an drei Tagen geöffnet, zu mehr fehlt die Masse. Kaum 200 Hotelbetten gibt es, und kein Haus darf höher als die Palmen sein. Die Hälfte der Einwohner besteht aus mehr oder weniger reinblütigen Hawaiianern, die Pidgin-Englisch und oft noch Polynesisch sprechen und in ihren Gärten nur für den eigenen Bedarf produzieren. Die andere besteht aus zugewanderten Philippinos, Japanern, Portugiesen, Amerikanern. Ein bunt gemischter Genpool, doch in einem sind sich alle einig: Hana soll bleiben, wie es ist.

Hana und die Idee mit dem Golfplatz

"Es war wie eine Invasion Außerirdischer", erinnert sich John Romain, Besitzer des Bamboo Inn, an eine Gemeindeversammlung vor zehn Jahren. Die damaligen Besitzer des Hana-Maui, des einziges Luxushotels in Hana, wollten einen Golfplatz bauen. "Sämtliche Gesellschafter kamen angerollt, in Anzügen und mit dicken Aktenkoffern bewaffnet." Das habe ausgesehen, als trügen sie reichlich Bares mit sich herum, und tatsächlich: Brauchte die Gemeinde nicht eine neue Turnhalle? Ein neues Spritzenhaus? "Unsere Ältesten, die Kapunas, sind nicht darauf hereingefallen", sagt Romain, während er die Fische in seinem Teich füttert. Die eine Seite des in schwarzen Lavabrocken gefassten Gewässers stammt noch aus der voreuropäischen Zeit, als den bei Flut in den Teich gespülten Fischen der Rückweg ins Meer mit einem ausgeklügelten Mauersystem verbaut wurde. Die andere Seite hat Romain gemeinsam mit den Kapunas, den traditionellen Experten im Ort, restauriert. " Die Kapunas wollten wissen, was dann mit ihren Fischgründen geschehe und sorgten sich, was die Ahnen dazu sagen würden!" Aus dem Golfplatz wurde deshalb nichts. "Die neuen Besitzer ziehen mit der Gemeinde an einem Strang. Der General Manager ist Hawaiianer und tanzt abends für seine Gäste Hula. In welchem 5-Sterne-Hotel gibt's das sonst noch?"

Einst war das zwischen den Matten des Haleakala und dem von Regenwald überzogenen Aschekegel Ka'uiki Hill eingeklemmte Städtchen ein Stützpunkt der Könige von Maui. Auch Maui, Hawaiis sinnenfroher Halbgott und Namensgeber der Insel, mochte Hana. Hier verwandelte er den Liebhaber seiner Tochter in den Ka'uiki Hill und seine Tochter in den warmen Regen, der den Ort so oft in Nebelschwaden hüllt. Die Weißen handelten mit Zucker, holten Japaner und Philippinos und machten auch aus den Einheimischen Plantagenarbeiter. In den 1940er Jahren fiel die Zuckerindustrie den sinkenden Weltmarktpreisen zum Opfer. Ein Industrieller aus San Francisco sprang ein: Paul Fagan kaufte Land, gründete eine Ranch und importierte 300 Hereford-Rinder, von denen die rund um Hana grasenden 3000 Wiederkäuer abstammen. 1946 eröffnete er den luxuriösen Ka'uiki Inn, das spätere Hana-Maui-Hotel. Im Jahr darauf holte Fagan sein Baseballteam, die San Francisco Seals, nach Hana und ließ sie auf einem eigens vor dem Hotel angelegten Spielfeld zum Frühjahrstraining antreten. Das lockte die Reporter an, die die Kunde vom "Heavenly Hana" aufs Festland trugen. Die ersten Touristen ließen nicht lange auf sich warten auf, wohlhabende Geschäftsleute meist, die die Ruhe in Hana dem Rummel in Honolulu vorzogen.

Und ruhig ist es hier bis heute. Hana ist sogar so ruhig, dass Tagesausflügler, angelockt von Slogans à la "Where old Hawaii is still alive", enttäuscht wieder abziehen. Der Hana Beach Park? Schöner Sand, schöner Strand. Die Wanalua-Kirche von 1838? Ganz nett. Hasegawas General Store? Der einzige Kaufladen weit und breit, wohl wahr, und echt authentisch, aber eine Sehenswürdigkeit? Hatota Tehiva schmunzelt und wendet die Mahi-Mahi-Stückchen auf seinem Rost. Der bullige Hawaiianer betreibt einen Grill im Vorgarten, bis er das Geld für einen Familienausflug aufs Festland zusammenhat - in Hana ein häufig betriebener Nebenerwerb und für Besucher eine gute Möglichkeit, Einheimische kennenzulernen. "Die Weißen suchen Aloha und merken gar nicht, dass sie hier auf Schritt und Tritt davon umgeben sind."

Während er die Teller seiner hungrigen Nachbarn füllt, erklärt er, was es mit Hawaiis bekanntestem Exportartikel auf sich hat. "Aloha ist ein Lebensgefühl, ist die Basis unserer Kultur. Wir leben in Einklang mit der Umwelt, die wir als großen Bruder ansehen, der uns versorgt und schützt, solange wir ihn pflegen und respektieren." Aloha durchdringe alle Bereiche des Alltags. Den Einkaufswagen von Hasegawas wieder zurückbringen. Jemandem die Tür aufhalten. Müll aufsammeln, die Ältesten respektieren. Etwas pflanzen, Fremde willkommen heißen - alles Aloha. Bewahren und beschützen, für die Leute von Hana sei das keine leere Floskel, sondern Teil ihrer uralten Kultur. "Wir nennen das Malama, seit unsere Ahnen aus Tahiti hier ankamen", sagt Tehiva stolz.

Das Paradies ist nicht ausgeschildert

Hana ist das, was man in Amerika "natural beauty" nennt. Die kleinen Häuser ertrinken im schwer duftenden Jacaranda- und Bougainvillea-Dickicht. Hunde dösen auf Betten aus Hibiskusblüten. Zu den schönsten Stellen Hanas muss man sich durchfragen. Kein Schild verrät, wo sie zu finden sind. Der Weg zum Kaihalulu Beach zum Beispiel. Er führt von der Sackgasse neben dem Gemeindezentrum durch ein Loch in der Hecke zunächst zu einem verlassenen japanischen Friedhof. Von dort aus rutscht man - auf eigene Gefahr - eine steile Böschung hinunter, bis man einen schmalen Pfad erreicht, der hoch über der donnernden Brandung zu dem von schwarzen Lavawänden umgebenen Strand aus erodierter roter Asche führt. Durch Wellenbrecher aus Lava vorm wütenden Pazifik geschützt, ist das Wasser der Bucht kobaldblau und ein Paradies für Schwimmer und Schnorchler. Ein paar Minuten außerhalb liegt, auch er nicht ausgeschildert, der Hamoa Beach, Teil eines erodierten Aschekegels, dessen zerfetzte, überall herumliegende Lavabrocken von den alten Hawaiianern "Kaiwi O Pele" (Knochen von Pele) genannt wurden.

Doch wo einst die Götter aufeinander einschlugen, liegt heute einer der schönsten Sandstrände des Hawaii-Archipels, ein herrliches Revier für Schwimmer und Surfer. Selbst zur größten historischen Attraktion der ganzen Insel gelangt man nicht, ohne zuvor gründlich nachgefragt zu haben. Die Kahanu Gardens, ein weitläufiges, der schwarzen Steilküste zulaufendes Gelände mit Kokos-, Pandanus- und Bambuswäldern, beherbergen die Reste des größten Tempels Hawaiis: Im 14. Jahrhundert errichtet, ist der Pi'ilani-hale Heiau noch heute 15 Meter hoch. Über ein Gatter steigen muss schließlich, wer Hana von oben sehen will. Das Fagan Memorial, ein Kreuz zu Ehren des 1960 verstorbenen Gönners, liegt auf einem Hügel hinter der Stadt, zu Füßen des wolkenverhangenen Haleakala. Der Weg dorthin führt zwischen grasenden Kühen - und ihren duftenden Hinterlassenschaften - hindurch.

Abends im Hana-Maui tanzt Auntie Carol. Carol ist über 70 und Leiterin einer der zwei hiesigen Hula-Schulen. Hula, haucht sie schüchtern ins Mikrofon, sei Poesie in Bewegung, eine Spiegelung der Schönheit ihrer Heimat. Und sobald Trommel und Ukulele erklingen, wird sie eins mit Mutter Natur. Ihr Körper wiegt sich wie die Palmen im Wind, ihre geschmeidigen Hände erzählen Geschichten, ihr Lächeln verzaubert die Gäste. Malama Maui, Maui beschützen und bewahren, nirgends wird die Liebe der Insulaner zu ihrer Heimat deutlicher. Später holt Auntie Carol Doug Chang, den General Manager, auf die Tanzfläche, und der nötigt wiederum die Rezeptionistin, die Köchin und zwei Kellner zum Hula. Mit wunderschönen Bewegungen erzählen sie bis spät in die Nacht uralte Geschichten von Göttern, Königen und Prinzessinnen. Erst nach Mitternacht löst sich die Veranstaltung auf. Aloha, sagt Auntie Carol zum Schluss, sei Geben ohne Nehmen. Die übriggebliebenen Gäste sehen aus, als hätten sie etwas verstanden.


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