HOME

Istanbul: Nuckeln an der Wasserpfeife

Altmodisch? Von wegen! Überall in Istanbul entstehen gerade neue Wasserpfeifen-Cafés, denn das Rauchvergnügen der Großväter ist plötzlich wieder sexy geworden. stern.de-Autor Bernd Hauser hat sich in den Kneipen umgesehen und gekostet - Zug um Zug.

Pfefferminz, Banane, Erdbeere? Der Kellner hat jede Menge Geschmacksrichtungen anzubieten. Ich möchte aber keinen aromatisierten Tabak, der nach Fruchtbonbons riecht, sondern den traditionellen türkischen Tömbeki, der in der Steppe an der syrischen Grenze wächst. Der Kellner schaut skeptisch. Vielleicht nicht doch lieber Apfel-Tabak, oder "Cocktail", eine Multi-Frucht-Mischung, vor allem bei jungen Rauchern beliebt? Nein, Tömbeki soll es sein, bitte.

Ich sitze im Kuppelbau einer ehemaligen Koranschule. Die Unterhaltung ist leise, die Bewegungen der Gäste sind spärlich, nur der Ventilator flackert hektische Schatten über naive Wandgemälde: Damen im Harem, eine Audienz beim Sultan. Zu Füßen der Gäste stehen Apparaturen, die an Versuchsgeräte eines Chemielabors erinnern: Auf dem meterhohen Gerät glüht Holzkohle, im Gefäß am Boden blubbert Luft durch eine bräunliche Flüssigkeit, im Hals des Gefäßes sammelt sich Rauch. Aus dem Apparat führt ein Schlauch zu einem Rohr mit schmalem Mundstück, an dem schweigsame Männer saugen und um dann weiße Rauchschwaden zu entlassen.

Wasserpfeife rauchen boomt

Sie rauchen ihre Nargiles in Beyazit mitten in Istanbul, zwei Tramstationen von der Hagia Sophia entfernt. Vor den Fenstern liegt ein kleiner Friedhof, seit Jahrhunderten unberührt. Meterdicke Bäume wachsen aus den Gräbern. Jeden Tag kommt Osman Kanatli, 62, vorbei, der beim Erzählen seine goldüberkronten Eckzähne zeigt, Schneidezähne hat er nicht mehr. Osman ist Antiquitätenhändler, der Gebetsketten aus Schildpatt und Bernstein verkauft und seine Waren in der Hosentasche trägt, er sitzt hier Tag für Tag vier, fünf Stunden, schwatzend, schweigend, saugend.

Lange Zeit blieben Osman und die anderen Stammgäste unter sich, höchstens ein paar Touristen kamen herein, aber seit einiger Zeit beobachtet er, dass es im "Erenler Nargile Kahvesi" immer enger wird, Studenten kommen, Yuppies, darunter viele Frauen. Überall in Istanbul sind neue Wasserpfeifen-Cafés aus dem Boden geschossen, im Stadteil Tophane nahe der Galatabrücke verwandelten sich Zeilen von Klamottenläden über Nacht zu Nargile-Salons. Es ist, als hätte die Stadt eine fast vergessene Leidenschaft wiederentdeckt. Auf einmal ist das Rauchvergnügen der Großväter bei den Studenten sexy geworden, selbst in Diskotheken ziehen Jugendliche zu Türkpop und Techno den Rauch aus dem Lammdarm-Schlauch.

Der erste Zug

Die Bedienung im "Erenler" bringt mir die präparierte Pfeife. "Was körperliches Vergnügen angeht, sind uns die Orientalen entschieden überlegen. Die Nargile ist ein sehr eleganter Apparat", schwärmte Honoré de Balzac. "Sie bietet den Augen eine beunruhigende und bizarre Gestalt, die demjenigen, der sie benutzt, eine aristokratische Überlegenheit verleiht." Das Gefühl der Überlegenheit bleibt aus, als ich die Nargile zum ersten Mal probiere. Auf dem Pfeifenkopf aus Messing ist der gewässerte und von Hand zerrupfte Tabak auf eine Art Eierbecher aus Ton gepresst, er ist dunkel und feucht wie Novemberlaub, von einem Tabakblatt umwickelt. Darauf legt der Kellner mit einer Zange fingernagelgroße Stückchen Kohle. Meine Hand umschließt das Mundrohr, das mit weichem Teppich überzogen ist. Ich sauge, Kohle glüht auf, Rauch zieht durch ein Rohr ins Wasser, steigt blubbernd in den Flaschenhals und beim nächsten Zug durch Schlauch und Mundrohr in den Rachen.

Der Geschmack von tausend Zungen

Der Geschmack? Sagen wir vorsichtig: interessant. Nach zwei, drei weiteren Zügen fällt mir ein, wie wir mit zehn Jahren die ersten Rauchversuche unternahmen. Wir rissen trockenes Gras ab, zündeten ein Ende an und rauchten die Halme. Es kratzte genauso im Hals wie die Nargile. Vielleicht mache ich etwas falsch. Also noch ein paar Züge, ruhig, konzentriert. "Es kratzt", krächze ich und schmecke Lakritz im Gaumen. Ich hasse Lakritz. Ja, Mark Twain hat recht: "Der Rauch hatte einen scheußlichen Geschmack, und der Geschmack der tausend Zungen, der am Messingmundstück haftete, war noch scheußlicher", klagte er auf Orientreise zu einer Zeit, als noch nicht jeder Gast ein frisches Plastikröhrchen als Rohraufsatz bekam und nur die wohlhabenden Raucher private Mundstücke aus Bernstein oder Silber mitbrachten: "Nie wieder eine Nargile!"

Verwunderlich also, dass so viele junge Menschen plötzlich an Wasserpfeifen nuckeln. Özlem Günaydin, Bürokauffrau aus Delmenhorst bei Bremen, deren Vorname "Sehnsucht" bedeutet und der Nachname "Guten Morgen", vergleicht die Nargile mit dem Naschen von Kartoffelchips: Wenn man einmal probiert hat, möchte man nicht mehr damit aufhören. Der Rauch, der von ihren Lippen aufsteigt, riecht anders als der Tömbeki aus meiner Pfeife, nämlich blumig und süßer. Özlem raucht Melonengeschmack. Die Renaissance der Wasserpfeife in Istanbul ist zum Teil der Verbreitung des ägyptischen Tabaks zu verdanken, der bei der Fabrikation in künstlichen Aromen getränkt, besser: ertränkt, wurde und den Geschmack der Anfänger trifft.

Wasserpfeife rauchen - eine Oase der Ruhe

Der aromatisierte Tabak ist aber nur einer der Gründe für den Wasserpfeifen-Boom. "Die Menschen rauchen, weil sie verschnaufen wollen", sagt Gülsüm Kitapcioglu, 37. "Wir sind immer in Bewegung, immer auf dem Sprung" - in einer Stadt mit 15 Millionen Menschen, mehr als doppelt so viele wie es in der gesamten Schweiz gibt. Eine Megapolis, in der auf Schritt und Tritt Handys fiepen, zwanzigtausend Taxis hupen, Containerschiffe auf dem Bosporus tuten, Lautsprecher von den Minaretten scheppern, Händler schreien und Schulmädchen kreischen, weil ihre Brüder so tun, als kickten sie eine tote Ratte in ihre Richtung. Eine Pfeife ist wie eine Pause im Bilder- und Geräuschesturm. "Es ist wie eine Therapie", sagt Gülsüm. Sie genießt das sanfte Schwindelgefühl, das der Rauch bei ihr auslöse, und einen Kater bekomme man von der Nargile auch nicht. "Zeit ist heutzutage sehr kostbar", sagt Gülsüm, "ich habe ein Gefühl von Luxus, wenn ich zwei Stunden für eine Wasserpfeife investiere. Die Nargile ist mehr als eine Mode, sie ist ein Stück wiederentdeckte Kultur."

Bernd Hauser

Wissenscommunity