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Istanbul: Schmelztiegel von Orient und Okzident

Schicke Gourmet-Tempel und wilde Party-Nächte auf dem Bosporus, prächtige Sultanspaläste und Klischees aus 1001 Nacht: Istanbul verbindet Welten - ein unvergessliches Erlebnis für einen Wochenend-Ausflug.

Von Helge Bendl

Der Taxifahrer gibt Gas, und es scheint, als gehe es um sein Leben. Dabei sorgt man sich eher ein wenig um sein eigenes. Diskussionen sind zwecklos, denn es ist Freitag morgen, der Chauffeur sagt freundlich lächelnd, dass ein Wochenende für Istanbul viel zu kurz ist ("Die Moscheen, die Paläste, die Basare - wie wollen Sie denn das alles anschauen?") und dass er einen deswegen besonders schnell ins Hotel bringen wird. Nebenbei erfährt man, dass Istanbul seine Formel-Eins-Rennstrecke bekommen hat (was den Hobby-Rennfahrer freut) und dass Deutsche und Türken Brüder sind ("Oder gab es mal einen Krieg? Nein!"). Am Ziel gibt es nicht nur gute Wünsche für den Aufenthalt, sondern auch ein kleines Geschenk: Ein "nazar boncugu", ein kleiner blauer Glasstein mit einem stilisierten weißen Auge darin. Der hilft vor dem bösen Blick (aber nur, wenn man das Auge geschenkt bekommt). Danke. Ein großzügiges Trinkgeld ist dem Mann sicher.

Istanbul. Was der Reiseführer an Gelehrtem schreibt haben wir schon im Flieger gelesen. Über Griechen und Römer, über Osmanen und Araber. Morgen ist Zeit für das Alte in der Stadt, das, was in Istanbul von Byzanz und Konstantinopel übrig geblieben ist. Jetzt heißt es die neue Stadt entdecken, die manchmal gar nicht türkisch zu sein scheint. Jedenfalls nicht so, wie man sich das hier in Deutschland manchmal vorstellt. Man muss nur einmal durch Beyoġlu bummeln, eines der Viertel auf der europäischen Seite der Stadt. Hier zeigt sich Istanbul ziemlich Multi-Kulti und liberal. Auf der zwei Kilometer langen Einkaufsstraße Istiklal Caddesi flanieren die jungen Türkinnen im Designer-Outfit bauchfrei, tätowiert und gepierct - und natürlich ohne Kopftuch. Ein paar Meter weiter zupfen alte Frauen zwar noch Baumwolle auf der Straße, doch viele Bars rund um den Taksim-Platz sind mindestens so hip wie ihre Verwandten in anderen europäischen Großstädten.

Ein Gefühl wie an der Seine

Dabei haben die engen Gassen durchaus ihren eigenen Charme bewahrt, und wer sich für ein Glas Tee ins Café am Straßenrand setzt, hat genügend Programm für die nächste halbe Stunde. Erst zieht der Haselnussverkäufer vorbei, dann sind Pflaumen im Angebot, der Kleinlaster mit den Melonen hat die melodischste Hupe des Viertels (weshalb er sie auch gerne und exzessiv einsetzt) und außerdem gibt es ja noch die Schuhputzer, die so lange freundlich fragen, bis sie einem für einen Euro das Leder aufpolieren dürfen.

Später am Nachmittag, nun mit perfekt glänzenden Schuhen, geht es weiter mit dem Rundgang durch Beyoġlu. Eine amerikanische Fast-Food-Kette hat einen "McTurk" im Programm und ist doch chancenlos gegen die Übermacht des Döner-Imperiums. Kontraste, wohin man blickt: Auf der einen Seite stehen halb verfallene Gebäude, ein paar Schritte weiter glänzen die Fassaden in rotem und gelben Ocker. Die Cezayir-Straße (wie sie auf dem Stadtplan heißt) heißt nur noch "Fransız Sokak" - die französische Straße. "Wenn man nichts tut, werden viele alte Gebäude bald einfach verschwinden und nur noch auf Postkarten weiterleben", sagt Atalay Taşdiken, der mit seinem Bruder Mehmet die Idee für das Projekt hatte und auch Investoren fand. Dank Patisserie, Antiquitätenladen und Kunstgalerie fühlt man sich am Rand Europas plötzlich wie an der Seine.

Ein Nacht im Gefängnis

Abends dann hofft man auf ein wenig französisch inspirierte Kochkunst, verbunden mit den Gewürzen des Orients - und wird nicht enttäuscht. Er hat das French Culinary Institute in Manhattan besucht, mit vielen Starköchen experimentiert: Umut Özkanca. "Im `Borsa´, dem Restaurant meines Vaters, servieren wir klassische türkische Küche. Doch ich wollte etwas Anderes probieren und im `Loft´, meinem neuen Restaurant, die Stile ein wenig vermischen." Das Konzept scheint aufzugehen: Wer am Wochenende einen Tisch reservieren möchte, sollte sich zwei Wochen im Voraus darum kümmern. Bis in den Herbst hinein hat das "Loft" seine Räume im Messezentrum verlassen und ist auf die Dachterrasse umgezogen - von hier aus blickt man hinab auf ein erleuchtetes Häusermeer und die Schiffe auf dem Bosporus. Später dann geht es noch ins "Nardis", in dem Önder Foncan und seine Frau Zuhal die besten Jazz-Musiker der Stadt auftreten lassen.

Sie war schön, die Nacht im Gefängnis. Wären sie alle so, die türkischen Gefängnisse, gäbe es dann diesen Ärger mit der Europäischen Union… Nein, natürlich hat man nicht hinter Gittern geschlafen, aber bis in die 1970er Jahre war dieses Gebäude ein Kerker für Dichter und Denker. Heute sind die Matratzen weich, die Ausblicke grandios (ohne Gitter vor den Fenstern) und das Essen zählt zum Besten, was die Stadt zu bieten hat. Der freundliche Concierge im "Four Seasons" (das in den letzten Jahren ständig unter die Top-Ten der besten Hotels der Welt gewählt wird) empfiehlt für heute einen Spaziergang durch den Stadtteil Sultanahmet, ein einziges großes Freilichtmuseum. Eines, das noch immer von Leben erfüllt ist (was man schon morgens um fünf Uhr bemerkt hat, als der Muezzin durch scheppernde Lautsprecher inbrünstig zum Gebet rief). Schon beim Frühstück auf der Hotel-Terrasse hat man gleich die erste Sehenswürdigkeit im Blick: die Hagia Sophia, vor dem Bau des Petersdoms in Rom die größte Kirche der Christen (heute ist sie ein Museum). Daneben die Blaue Moschee mit ihren schlanken Minaretten. Eine grandiose Szenerie.

"Nachtigallennest" und die "Lippen der Schönen"

Wer allerdings in diesen historischen Gebäuden zu viel Zeit verbringt hat später im Topkapi-Palast das Nachsehen. In den Harem des Sultans kommt man(n) heute nicht mehr hinein, sorry, man(n) muss draußen bleiben. Das liegt, die Zeiten haben sich doch geändert, nicht daran, dass die Eunuchen den Eingang besonders streng bewachen. Sondern daran, die Führungen im Sommer oft schnell ausgebucht sind. Doch mit Schatzkammer und hundert weiteren Räumen bleibt trotzdem genügend zu bestaunen: Der Blick vom goldenen Baldachin auf die Stadt - hier speiste einst der Regent - ist das Eintrittsgeld schon wert.

Der große Basar nebenan hat keine Einlassbeschränkung (ist aber sonntags geschlossen). Zwar ist hier vieles ein wenig teurer als anderswo in der Stadt, und nirgendwo anders lernt man so schnell nette Freunde kennen, die einem einen Teppich verkaufen wollen. Aber das Epizentrum der Geschäftigkeit ist einfach faszinierend, stundenlang kann man hier bummeln: Orientalische Gerüche und mobile Teeverkäufer, Plastikblumen und Goldschmuck, echt gefälschte Handtaschen und das Bauchtanzkostüm, das man schon immer mal haben wollte (versucht einem jedenfalls der Besitzer einzureden). Mit dieser Karriere wird es indes nichts, und das liegt an Erdoġan Bilim und seiner Mannschaft: Am Ufer des Bosporus tischen sie im Restaurant "Feriye" das auf, was die Sultane früher aßen (und die scheinen gut und reichlich gegessen zu haben). Wenn nicht allzu viel Betrieb herrscht (also selten), dann erklärt der Kellner auch, wie die türkischen Namen für die Speisen zustande kommen, die für deutsche Ohren doch recht ungewöhnlich klingen: "Nachtigallennest" und "Lippen der Schönen", "Der Imam fiel in Ohnmacht" und "Frauenschenkel".

Relaxen und Party am Bosporus

Es ist Samstagabend, und vom "Feriye" sind es nur ein paar Hundert Meter zu den angesagten Bars und Clubs der Stadt, die im Sommer und Herbst fast alle am Bosporus-Ufer die Nacht zum Tag machen. "Reina" heißt der berühmteste - in einem halben Dutzend Restaurants kann man hier auch essen, bevor die Stühle beiseite geräumt werden und sich Tausende von Menschen zu türkischem Pop und europäischer Partymusik bewegen. Mehr ein Club als eine Bar ist "Anjelique" - bis vier Uhr nachts tanzt man hier mit Blick auf Asien. Die skurrilste Location haben indes die Fotografin Lal Dedoglu und der Designer Ender Sanal geschaffen: "buzADA" heißt das schwimmende Dock auf dem Bosporus. Tagsüber kann man hier in einem Schwimmbad seine Bahnen ziehen - das, so viel steht fest, ist das Programm für den morgigen Sonntag.

Abends verwandelt sich "buzADA" dagegen in eine Restaurant-Insel. Später in der Nacht wird einen Özgür Meriçten vom Boutique-Hotel "Bosphorus Palace" mit seinem Boot hier abholen, das macht er für seine Gäste. Doch zunächst heißt es die Szenerie genießen. Und sich bewusst werden, wie einzigartig dieser Ort ist. Denn wo sonst kann man mitten auf der Grenze zwischen Europa und Asien dinieren? Wo sonst kann man, wenn in den frühen Morgenstunden der DJ seine Platten auflegt, wo sonst kann man zwischen zwei Kontinenten bis um vier Uhr morgens die Nacht durchtanzen?

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