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Karneval in Rio: Heiße Rhythmen und viel nackte Haut

Rio de Janeiro im Samba-Fieber: In der Zuckerhutstadt herrscht der Ausnahmezustand. Mit den Auftritten der 14 Tanzschulen im Sambadrom vor 70.000 Zuschauern steuert der weltberühmte Karneval auf seinen Höhepunkt zu.

Viel nackte Haut und eine heftige Diskussion um Zensur und "gute Sitten": Der Auftakt der weltberühmten zweitägigen Karnevalparade am Montag in Rio de Janeiro hätte bunter nicht sein können. Anders als im Vorjahr war blanker Busen wieder ein Markenzeichen der "größten Party der Welt" in Brasilien. Einige Frauen waren sogar nur mit Farbe "bekleidet". "Das war trotz Nieselregens Ausgelassenheit pur", jubelte die Zeitung "Jornal do Brasil".Kaum jemand brachte den Geist der "tollen Tage" in Brasilien besser zum Ausdruck als die 84-jährige Dodó: "Ich werde tanzen und defilieren bis ich sterbe. Karneval ist ein Nationalfest und lässt uns unsere Sorge vergessen." Die schwarze Putzfrau hatte als "Trommelschlagchefin" der Karnevalsgruppe "Portela" gerade den ersten Umzugstag nach Tagesanbruch abgeschlossen. Hunderte von Zuschauern schliefen unterdessen ihren Rausch auf den Tribünen des vor 20 Jahren von Stararchitekt Oscar Niemeyer gebauten Sambastadions "Sambodromo" aus.

Jede Schule mit bis zu 5000 Mitgliedern

Die Parade verfolgten 70 000 im Sambadrom und Millionen vor TV- Schirmen zu Hause, in Kneipen und Vereinen. Die Straßen Rios und anderer Städte waren leergefegt. Zu heißen Rhythmen und mit sehr viel Farbe, Kreativität und tollen Allegoriewagen zeigten die ersten 7 von 14 Samba-Schulen ihr Können. Jede Schule präsentierte sich mit bis zu 5000 Mitgliedern - darunter vorwiegend Slumbewohner, aber auch Sport- und Show-Stars, Politiker und Touristen wie Chemienobelpreisträger Roald Hoffmann - knapp eineinhalb Stunden lang. Die prächtigen Kostüme sind bis zu 20 000 Euro teuer und bis zu 25 Kilogramm schwer.Es gab aber auch Wermutstropfen. Die Justiz verbot den Auftritt von drei Allegoriewagen. Zankapfel waren riesengroße Gipspuppen, mit denen 64 Stellungen der indischen Liebeskunst Kama Sutra sowie der Liebesakt von Adam und Eva nachgestellt wurden. Als "unanständig und inakzeptabel" hatte auch Rios Erzbischof Eusebio Scheid die Figuren kritisiert. Der zuständige Karnevalkünstler Joaosinho Trinta zog die Wagen aber nicht zurück, sondern verdeckte die Figuren mit Plastikdecken. Auf einigen war riesengroß das Wort "Zensur" zu lesen.

Heftige Kritik wegen Sex-Motivs

Von Künstlern, Politikern und Medien kam prompt heftige Kritik. Und sogar ein örtlicher UN-Vertreter erklärte sich mit Trinta solidarisch. Während andere Samba-Schulen - die für den Umzug jeweils bis zu 1,5 Millionen Euro ausgaben - Sozialkritik, Wissenschaft, den Amazonas-Urwald oder Persönlichkeiten zu Themen ihrer Umzüge machten, hob "Grande Rio" unter dem Motto "Lass uns das Hemdchen anziehen, mein Liebchen" die Bedeutung des Kondoms - auch für den Anti-Aids- Kampf - hervor.Sex ist beim Karneval in Brasilien ohnehin stets das Hauptthema. Es heißt, dass es während der "tollen Tage" keine festen Paare gibt. Die Regierung verteilte elf Millionen Kondome kostenlos. Bereits im vergangenen Jahr war die Zügellosigkeit aber etwas eingedämmt worden:Viele Städte verboten den "erzwungenen Kuss". Männer durften bis dahin zu Karneval Frauen auch ohne deren Einverständnis küssen. Und die Polizei war ständig unterwegs, um Kindesmissbrauch zu verhindern.

410.000 Besucher in der Zuckerhutstadt

Nach Angaben der Tourismusbehörde Riotur kamen zum diesjährigen Karneval 410.000 Besucher in die Zuckerhutstadt. Das ist ein neuer Rekord. Hunderttausende Touristen besuchen auch den Nordosten Brasiliens, wo der Straßenkarneval - anders als in Rio - der Höhepunkt ist. In Salvador und Recife feierten am Wochenende insgesamt jeweils fast zwei Millionen Menschen ausgelassen auf den Straßen.

Emilio Rappold / DPA

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