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Kolumne: Wenn Backpacker zu Hühnern werden

Auf Sansibar werden Touristen unterteilt in Kishuka und Kuku: in geizige Backpacker oder spendierfreudige "Hühner". Rucksackreisende auf Selbstfindungstrip sind für die Einheimischen allgemein eine alberne Spezies.

Von Roland Brockmann

Backpacker sind Individual-Touristen. So individuell, dass es oft schon wieder zum Klischee wird

Backpacker sind Individual-Touristen. So individuell, dass es oft schon wieder zum Klischee wird

"Kishuka", fluchte der Barkeeper auf Swahili, als ich kein Trinkgeld gab. War das etwa eine sansibarische Beleidigung? Ich fragte nach. Erst grinste der Barmann, er hieß Abdullah, dann erklärte er: "So nennen wir hier auf Sansibar die Backpacker".

Nun war ich zwar kein Rucksackreisender, empfand "Backpacker" aber auch keinesfalls als Schimpfwort. Schließlich gelten die gemeinhin als echte Entdecker abseits touristischer Trampelpfade, unterwegs stets im Einklang mit dem Leben der Einheimischen. War das vielleicht schlecht? "Pauschaltourist" - ja, das hätte mich getroffen. Schließlich war ich seit über einem Jahr in Afrika.

Hühner bevorzugt

Die Inselbewohner, so klärte mich Abdullah auf, sehen das etwas anders. Sie unterscheiden in bereits erwähnte Kishuka und Kuku, zu deutsch Huhn oder auch Hahn. Und damit meinen sie alle, die in einem anständigen Hotel wohnen, auch mal ein Taxi nehmen, statt schwer bepackt unter der brennenden Äquatorsonne zu Fuß eine Billigabsteige zu suchen, um zwei Dollar Fahrgeld zu sparen. Also Touristen, die nicht mit dem Rucksack reisen, sondern viele Souvenirs kaufen und vor allem: Trinkgeld geben! Kishuka hingegen gelten als Billigtouristen. Ich musste nicht lange überlegen, welche Spezies bei den Sansibari besser ankommt. Aus lokaler Perspektive rangieren die Kuku klar über den Kishuka, die als Geizhälse gelten. Das also hatte Abdullah gemeint.

Überhaupt, so der Barmann, würden die Inselbewohner Rucksackreisende eher als armselige Gestalten betrachten. Kishuka sei nämlich ursprünglich ein um die Hüfte gebundenes Tuch. Die ersten Backpacker auf Sansibar hätten das traditionelle Kleidungsstück aber bald auch für sich entdeckt. Daher der Name. Ohne allerdings zu begreifen, wo man das Lendentuch trägt und wo nicht - keinesfalls nämlich außerhalb des Hauses. Kein Einheimischer käme je auf die Idee, damit, wie die Backpacker, in aller Öffentlichkeit herumzulaufen.

Woraus aber erklärt sich Kuku? Liegt es daran, dass die Pauschaltouristen stets wie die Hühner in Scharen auftreten? Oder aber selbstbewusst wie ein Hahn stolzierend, ungebeugt von der Last eines Rucksacks? Das wusste der Barkeeper selber nicht so genau.

Ethnografie der Backpacker

Auch die Wissenschaft interessiert sich immer mehr für die Subkultur der Backpacker. "Alleine mit einem Rucksack um die Welt reisen - viele bewundern das", meint die Ethnologin Jana Binder in ihrer "Ethnographie über Backpacker" und fügt hinzu: "Am meisten aber bewundern die Rucksacktouristen sich selbst." Als überzeugte Individualisten haben sie für gewöhnliche Reisende nur Verachtung übrig. Trotzdem sind sie stets gequält von Selbstzweifeln, wie aktuell ein deutscher Kinofilm zeigt: Der halbdokumentarische Film "Hotel Very Welcome". Dieser, so Binder, spüre "vor allem den vielen kleinen und leisen Momenten auf einer Rucksackreise nach. Egal ob in einem Zelt in der indischen Wüste, in einem Hotel in Bangkok oder auf einer Party im Süden Thailands, immer steht die Frage im Raum: ‚Was mache ich hier? Warum bin ich hier?' Unmittelbar gefolgt von der Frage: ‚Aber was würde ich woanders tun?'"

Solch existentielle Fragen stellte sich Barmann Abdullah nicht. Völlig unklar war ihm hingegen, warum sich die Rucksackreisenden all die Strapazen überhaupt antun. Warum reisten sie nicht einfach bequem und komfortabel? Schließlich kamen doch alle aus dem reichen Westen. Mein Einwand, sie seien jung und würden mit wenig Geld möglichst weit kommen wollen, leuchtete ihm nicht recht ein.

Der Platz an der Sonne

Und wieso traf er die Backpacker nie da, wo er selbst nach Feierabend seinen Sundowner nahm? Da war es doch viel billiger, und auch von der kleinen lokalen Bar aus sah man die Sonne untergehen. Warum folgten alle stets dem "Lonely Planet"? Ihr Reisehandbuch wie das Buch Gottes unterm Arm, rannten sie schnurstracks zur empfohlenen Aussichtsterrasse - wo doch nur weitere Weltenbummler warteten. Wollten sie am Ende unter sich bleiben? Das fragte sich der Barmann. Und ich mich nun auch.

Suchen all die selbsternannten Individualisten am Ende gar weniger die Anderen und das Fremde, als vielmehr sich selbst? "Die Dritte Welt wird zur Spielwiese der Selbsterfahrung. Einheimische sind zur Kulisse degradiert", befürchtet Günter Spreitzhofer in seinem Buch "Alternativtourismus als Motor für Massentourismus und soziokulturellen Wandel".

Illusionen am Lagerfeuer

Soziokultureller Wandel? Darunter verstand Abdullah vor allem Beachboys. Auf Sansibar nennt man sie übrigens Papasi - zu deutsch: Zecke. Geduldig lauern sie an strategischen Plätzen den Urlaubern auf, um sich im richtigen Moment an sie zu heften. Ganz wie ihre Namensgeber aus dem Tierreich. Bevorzugte Opfer, so Abdullah, seien die Individualreisenden, denn Pauschaltouristen würden von ihren offiziellen Tourguides souverän abgeschirmt. Nur den Kishuka könne man eine allseits bekannte Schmuddelherberge als Geheimtipp aufschwatzen, weil Pauschaltouristen in der Regel all inclusive buchen.

"Oft genug stammen die Papasi gar nicht von der Insel", sagte Abdullah, "sondern vom Festland". Sie selbst, begriff ich, sind sozusagen Reisende im Gefolge der Rucksackfreunde. Optisch von den Backpackern nur noch durch die Hautfarbe unterscheidbar. Trugen doch Papasi wie Kishuka meist die gleichen Insignien der Coolness - Sonnenbrillen, Khakishorts und Trekkingsandalen. Abends hocken sie ums Lagerfeuer vereint, und wenn erst der Mond aufgeht, der erste Joint kreist und Trancesound aus dem Ghettoblaster dröhnt, dann ist ganz egal, ob der Ozean gerade an den Strand von Sansibar oder Goa in Indien brandet - nachts im Rausch klingen alle Wellen gleich. Die Kuku lauschen derweil auf ihrer Hotelterrasse einer kostümierten Truppe lokaler Tarab-Musikanten - zugegeben auch fern vom authentischen Leben der Inselbewohner, dafür aber auch frei von Illusionen.

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