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Kontra längere Laufzeit Atomstrom verlängern und Tempolimit einführen? Dieser Pseudo-Kompromiss wäre grober Unfug

Ein Straßenwärter hält an der Autobahn A81 am Hegaublick ein Schild mit der Aufschrift «130» in den Händen
Ein mögliches Tempolimit auf deutschen Autobahn wird seit Jahrzehnten diskutiert
© Patrick Seeger / DPA
Es ist wie in der Ehe: Unsinn hat Charme – aber am Ende zahlt (mindestens) einer drauf.
Dieser Text ist Teil eines Pro und Kontras zur Frage, ob Deutschland angesichts der drohenden Energiekrise die Laufzeit der Atomkraftwerke verlängern sollte. Die Gegenmeinung lesen Sie hier.

Wenn ich mit meiner Frau essen gehen möchte und sie sagt, sie wolle zum Asiaten, ich aber Lust auf meinen Lieblingsitaliener habe, was machen wir dann? Erst gibt es Sushi und gebratenen Reis, dann Pizza, Pasta, Pannacotta. Am Ende sind wir kugelrund, pleite und keiner kann sagen, von welchem Kontinent der Duft stammt, der beim permanenten Aufstoßen entweicht. So kann man keine Ehe führen. Nicht einmal, wenn der Druck groß ist, ganz fest zusammenzuhalten, weil die Schwiegermutter Krieg führt.

Eigentlich geht das keinen was an. Denn in normalen Zeiten liegen das Private und das Politische weiter auseinander, als unsere bärtigen Väter immer behauptet haben. Aber seit Christian Lindner mit seiner Franca vor Gott und die Sylter Sansibar getreten ist, gilt das zumindest für die Ampelkoalition nicht mehr. An einem ruhigen Wochenende wie dem vergangenen konnte daher eine Diskussion nach dem Muster der Italiener-Asiate-Kontroverse aufflammen: Da das Gas knapp wird, lassen wir einfach die Atomkraftwerke länger laufen – Jubel bei der FDP. Und im Gegenzug gibt es ein Tempolimit auf der Autobahn – Jubel beim Rest der Regierung. Alle zufrieden außer Putin? Was für ein Unsinn.

Die Atomkraft ist in diesem Spiel ein asiatisches Restaurant, dessen Fisch haarscharf an der Gammelgrenze ist, das völlig überzogene Preise verlangt und dessen Deutschenfraß durch ein noch nicht völlig aufgeklärtes Phänomen niemanden satt machen kann. Außerdem schickt der Laden noch Jahre nach dem Besuch hohe Rechnungen für die Entsorgung der großen und giftigen Reste auf den Tellern. Selbst der Wirt hat keine Lust mehr und will aussteigen. Es sei denn, man gibt ihm noch mehr Geld.

Atomkraft-Verlängerung: Viele Probleme, wenig Ertrag

Nicht im Spiel, sondern in der Wirklichkeit besteht die deutsche Atomstromproduktion aus drei verbliebenen Meilern, die Ende des Jahres abgeschaltet werden sollen. Wenn sie weiter laufen, ließe sich dadurch etwa ein Prozent des deutschen Gasbedarfs einsparen. Damit das klappt, müssten gigantische Probleme überwunden werden – von Haftungsrisiken über die Brennstoffbeschaffung bis hin zu Sicherheitsprüfungen und der Frage, wer die Dinger eigentlich bedienen soll.

Als Maßnahme zur Energieversorgung ist das grober Unfug. Gute Politik ist die Forderung trotzdem. Sie lenkt davon ab, dass der FDP ansonsten wenig einfällt. Sie setzt die notorisch erfolgreichen Grünen unter Druck. Wenn es im Winter wirklich kalt werden sollte, können die liberalen Superchecker sagen: „Hättet Ihr nur auf uns gehört!“ Genial. Der Porsche fahrende FDP-Lenker Christian Lindner wäre nicht so gut wie er ist, wenn er nicht verstanden hätte, dass es nicht reicht, einfach nur etwas zu fordern. Man muss auch geben. Zum Beispiel ein Tempolimit. Das Recht auf Raserei ist ohnehin nicht zu halten. Da kann man es den anderen in der Ampel auch gegen längere Atomlaufzeiten verkaufen – es kostet sie die Vernunft und die  Identität, sie bezahlen mit Streit in den eigenen Reihen. Wunderbar. Für die FDP. Nicht für das Land. Und um das ging es doch bei der Forderung, dass jetzt aber Schluss sein soll mit dem Parteiengezänk. Oder?


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