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Kreuzfahrt in China: Shanghais neues Ufer

Die Karibik - kennt man. Expedition durch die Arktis - längst gesehen. Das Mittelmeer - vielfach bereist. Wer als Kreuzfahrer zu neuen Ufern aufbrechen will, reist nach China. Die Chinesen haben allerdings ein Problem mit dem Touristentrend.

Von Stefan Schomann

Es kommen wieder Schiffe in die Stadt. Shanghais Skyline ist seit April um eine spektakuläre Attraktion reicher: um mächtig große, leuchtend weiße und unwiderstehlich romantische Kreuzfahrtschiffe. Sie legen im Herzen der Stadt an, gleich hinter der frisch renovierten Waibaidu-Brücke, auch Gardenbridge genannt, in der Biegung des Huangpu. Seit hundert Jahren verbinden deren stählerne Arkaden die monumentale Uferzeile des Bund mit dem Stadtteil Hongkou.

So wie die Brücke den Metropolenmythos Shanghai beschwört, so will die Stadt mit dem Kreuzfahrtterminal anknüpfen an ihre beste Zeit, an die turbulenten zwanziger und dreißiger Jahre, als internationale Luxusliner hier jährlich 40.000 Passagiere anlandeten. Die Abschottungspolitik der Kommunisten brachte den Tourismus erst zur See, dann gänzlich zum Erliegen. Mit dem neuen Terminal kehrt Shanghai nun auf die Kreuzfahrerweltkarte zurück. Mit 800.000 Passagieren rechnete man für das Jahr 2010. Allerdings tauchte in der Zwischenzeit ein Problem auf: Eine Brücke über den Huangpu kurz vor dem Terminal. Sie ist so niedrig, dass nur Schiffe unter 87.000 Bruttoregistertonnen hindurch fahren können. Ein Drittel der Kreuzfahrtschiffe, darunter die meisten Neubauten, sind jedoch deutlich größer und höher. Für die großen Pötte wird direkt im Jangtse-Delta ein weiteres Terminal gebaut, der in wenigen Monaten eingeweiht werden soll.

Wasserscheue Chinesen

An der Renaissance der Kreuzfahrt wollen die italienischen Reedereien Costa und MSC maßgeblichen Anteil haben. MSC ist als Investor am Terminalgebäude beteiligt. Costa hingegen nutzt Shanghai als Heimathafen für ganz Ostasien. Und während die anderen ihre Passagiere von draußen nach China bringen, will Costa gleichzeitig auch Chinesen auf die Weltmeere entführen. Doch Kreuzfahrten besitzen hier keinerlei Tradition. "Zwei Drittel aller Chinesen denken dabei als erstes an die ,Titanic'", erklärt Leo Liu, Direktor der Asien-Pazifik-Abteilung. "So dass wir sie erst einmal auf den Geschmack bringen müssen." Einem Volk maritime Kultur zu vermitteln, das mit historischer Wasserscheu geschlagen ist - zu diesem hehren Zweck kreuzt die "Costa Classica" seit diesem Jahr und die "Costa Allegra" seit 2006 durchs Gelbe Meer, nach Taiwan und nach Südostasien.

Rund um das grünschillernde, wie ein riesiger Wassertropfen geformte Terminal wächst derzeit eine neue Skyline. Hongkou, bislang als letzter innerstädtischer Bezirk weitgehend unverändert, wandelt sich vom Hinterhof zur ersten Adresse. Ungeniert nennt sich der neue Uferabschnitt "North Bund", nördliche Kaimauer. Noch zwei Kilometer vom Fluss entfernt nutzen Geschäfte und Büros dieses glamouröse Etikett. Vorreiter der Entwicklung sind die Doppeltürme des Hotels Hyatt on the Bund unmittelbar neben dem Terminal. Sein elegantes, kühles Design hebt sich wohltuend ab vom gängigen Schwulst und Kitsch. Zudem genießt man von dieser Schlüsselstelle in der Flussbiegung einen der schönsten Rundblicke der Stadt - mitsamt der Traumschiffe vor der Haustür.

Moderne im Schlachthof

Entlang der neuen Uferpromenade entstehen weitere Hotels, hinzu kommen ein Autotunnel und zwei weitere U-Bahn-Linien. Traditionell ein Viertel der kleinen Leute, legt Hongkou sich ein komplett neues Image als Shanghais "Tor zur Welt" zu. Im Ausland war es bislang vor allem als Zuflucht für rund 18.000 jüdische Flüchtlinge bekannt. Auch sie kamen vor siebzig Jahren per Schiff, in dreiwöchiger Passage aus Europa. Die Gedenkstätte in der Ohel-Moishe-Synagoge wurde kürzlich generalüberholt.

Jüngstes Beispiel der Kultur-Offensive ist ein wuchtiger Komplex, der schlicht nach seinem Baujahr benannt wurde: 1933. Es handelt sich um eines der bedeutendsten Beispiele der architektonischen Moderne in Shanghai - den alten Schlachthof. In seine kühnen Betongewölbe ziehen nun Designerbüros, Multimediafirmen und Modeschöpfer ein, kultige Restaurants und trendige Boutiquen.

Einmal mehr erfindet Shanghai sich hier neu. Die sprießende Skyline am Huangpu kommt einer Kampfansage an den großen Bruder gegenüber gleich: Pudong war gestern - jetzt gibt Hongkou kontra. Dort, wo die großen Schiffe liegen.

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