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Kuba: "Treu vereint hinter Fidel"

Das Ferienparadies Kuba ist nur für Touristen ein Traum. Denn die haben genug Geld, um sich eine Scheinwelt zu erkaufen. Der Alltag der Kubaner hat mit Mojitos und Salsa jedoch wenig zu tun.

Von Heike Sonnberger

"Ihr wollt den Bus zurück in die Stadt nehmen? Aber kubanische Busse sind schrecklich, malísimo, terrible!" Der dickliche Aufseher am Haupttor der Necrópolis Cristóbal Colón, dem größten Friedhof Havannas, schaut die zwei Touristinnen ungläubig an. Ein Taxi sollen sie doch anhalten, wie alle westlichen Besucher. Sein schattiges Bänkchen wird er auf jeden Fall nicht aufgeben, um in der sengenden Mittagshitze mit ihnen die Haltestelle zu suchen.

Die Haltestelle ist eine Straßenecke, an der sich Menschen gegen die Hauswände drücken, um der grellen Sonne auszuweichen. Die wabernden Schlieren über dem Asphalt in der Ferne geben einen rostigen Bus frei, der die Straße hinauf ächzt. Die Wartenden laufen zur Straße, recken die Hälse und kneifen die Augen zusammen, raten seine Nummer: P4 oder M5? Egal. Der Bus ist voll und hält nicht an. Verschwitzte Arme und Rücken drücken von innen gegen die Klapptüren. Die Fenster sind blind vom Staub. Noch drei weitere Busse tuckern vorbei, erst der vierte hält. In ihm hängt ein Schild. Darauf: "Diesen Bus verdanken wir dem Schweiß unserer Arbeiter. Lasst uns sorgsam mit ihm umgehen."

Zwei Welten wie zwei Währungen

In Kuba existieren zwei Welten. Genau wie zwei Währungen. Der Peso Convertible ist für Privilegierte und Ausländer und erkauft in Kuba eine Scheinwelt. Der Peso Cubano ist für Einheimische und fast nichts wert. Ein Convertible entspricht einem Dollar - ein kubanischer Peso zählt gerade mal drei Cents.

Touristen reisen mit Pesos Convertibles - und sitzen in weißen Lada-Taxis oder klimatisierten Viazul-Bussen. Sie übernachten in schicken Hotels und in reichen Privathäusern. Sie rauchen Cohibas und nippen im Karibikparadies Varadero an kühlen Mojitos. Kuba, das ist für die Salsa und Sonne, Tabak und Rum und ein toller Urlaub. Und das will Kubas Regierung auch so: Getrennte Welten, Busse fürs Volk, Touristen in Taxis. Das Land wird für Devisen verkauft und reiche Ausländer auf die rechten Pfade gelenkt.

Viele Kubaner fragen sich, was es also nutzt, sechs Jahre zu studieren, wenn sich das Gehalt eines Architekten kaum von dem eines Bauarbeiters unterscheidet. Alle sind gleich, alle sind gleich arm. "Es lohnt sich einfach nicht, für den Staat zu arbeiten", schimpft Joel*, Touristenführer im Örtchen Viñales westlich von Havanna. Darum führt er lieber Touristen in die Berge, das ist illegal, aber zumindest bringt es Geld. Denn Touristen zahlen in Convertibles - und an einer Tour verdient er ein ganzes Monatsgehalt.

Grenzen, die zerfließen

Doch die Grenzen zwischen den beiden Welten zerfließen immer mehr. Ohne Convertibles leben längst nur noch die ärmsten Kubaner. Alle anderen haben reiche Verwandten in den USA, oder versuchen irgendwie selbst, ihre mageren Gehälter aufzubessern. Und das mit beeindruckender Kreativität. Der Taxifahrer in Havanna hält kurz am Straßenrand, um auf dem Weg zum Strand das Kabel seines Taximeters durchzuknipsen. Denn alles, was das Taximeter zählt, bekommt der Staat - und er am Ende des Monats sein kubanisches Gehalt. In Camagüey bieten Leute ihre Korridore, Wohnzimmer und Gärten als Zweiradparkplätze an. Im Rum-Museum in Santiago zieht der Aufseher eine Flasche Rum aus einem löchrigen Rucksack. "Billiger als im Laden!" Geklaut aus der Fabrik. In Baracoa bändeln junge Mädchen mit deutschen Rentnern an.

"Negocios" nennen die Kubaner ihre privaten Nebenverdienste. Und es ist schwierig, sie vor dem Regime zu verbergen. Denn private Einkünfte sind nur erlaubt, wenn der Staat an ihnen mitverdient. Es ist Kubanern gestattet, Touristen bei sich aufzunehmen, für zwanzig Dollar die Nacht. Allerdings nur, wenn sich der Haushalt registrieren lässt und monatlich je nach Lage und Größe rund 200 Dollar an die Behörden zahlt. Auch wenn gar keine Touristen kommen. Viele der "casas particulares", wie sie sich nennen, machen in der Tiefsaison wieder zu. Die etablierten haben gekachelte Fußböden, einen Fernseher und zwei CD-Spieler.

Auf einer Leinwand eingesperrt

Doch es geht den Kubanern nicht nur ums Geld: Im ganzen Land spürt man Verbitterung über die ideologische Unterdrückung. Ein Beispiel: Trinidad im Juni. Touristengruppen wälzen sich in der Mittagshitze durch die engen Kopfsteinpflasterstraßen. Vorbei an den Großvätern, die in Hauseingängen auf ihren Schaukelstühlen wippen und den Hunden, die auf Fensterbänken Siesta halten. Die bunten Fassaden und verschnörkelten Fenstergitter wirken wie die Kulisse aus einem Theaterstück.

Einer der Hauptdarsteller ist Künstler Victor García . Sein Studio liegt drei Straßen östlich des Plaza Mayor. Touristen bekommen bei dem 43-Jährigen einen intimen Einblick in die dynamische Kunstszene der Insel, denn die zeigt sich nirgendwo so kritisch und gewagt wie in dem Trinidader Studio. Eine einsame Gestalt ist dort auf einer Leinwand eingesperrt zwischen den Querbalken der kubanischen Flagge. Einer anderen hat García Nägel in den Schädel gehauen, Nägel in den Nationalfarben Rot, Weiß und Blau.

Ungerechte Gleichberechtigung

Auch García lebt von Touristendollars, doch er malt nicht für sie. Er malt, um soziale Missstände in seinem Land aufzuzeigen, um zu revoltieren gegen Fidel Castros "Revolution".

Er ist frustriert. García zahlt die Hälfte aller Einnahmen an die Regierung, trotzdem verdient er an einem Silberring fast so viel wie ein gelernter Ingenieur oder Arzt in einem ganzen Monat. Kein Wunder also, dass sich viele junge Kubaner lieber illegal am Tourismus bereichern, als sich an Universitäten weiterzubilden. "Diese Leute tragen null zu unserer Gesellschaft bei, und ihre Kinder sitzen trotzdem in der gleichen Schulbank wie meine, und werden in den gleichen Krankenhäusern behandelt." Für Gacía ist diese sozialistische Gleichberechtigung einfach ungerecht.

García kann Kritik in Bildern vermitteln, weil das die Funktionäre vom lokalen Zweig des CDR, dem Kommittee zur Verteidigung der Revolution, nicht verstehen. "Die denken, ich bin Patriot, weil ich mit der kubanischen Flagge arbeite", grinst García über seine tief sitzende Brille hinweg. Offen aussprechen kann er seine Gedanken jedoch nicht, denn dann werden die Funktionäre hellhörig.

Er darf auch nicht zugeben, dass er privaten Internetzugang hat, denn das ist illegal. Nur Touristen dürfen sich in den vielen Etecsa-Internetcafés für sechs Dollar die Stunde ins WorldWideWeb einloggen. Alle kubanischen Städte hat das CDR in Bezirke gegliedert: ein stringentes, effizientes Netz zur Nachbarschaftsüberwachung.

Irgendwie ins Ausland

Wie so viele Kubaner möchte García sein Land einmal verlassen und dahin reisen, wo die Touristen herkommen. Doch auch hier schiebt der Staat einen Riegel vor. Einmonatige Ausreisegenehmigungen gibt es nur mit Einladung von Übersee. "Wenn Fidel mehr Vertrauen in seine eigene Politik hätte, dann würde er uns gehen lassen." Den Namen des Staatschefs spricht García ganz leise aus.

Viele junge Kubaner, wie Joel aus Viñales, gehen trotzdem irgendwie. Joel wird im Herbst heiraten - eine Frau die er gar nicht kennt. Aber das macht nichts. Wichtig ist: Sie ist Honduranerin und wird ihm die lang ersehnte Einladung schicken, mit der er Kuba verlassen kann. In Honduras werden sie heiraten, und dann in die USA einreisen. Dort bekommt er als Kubaner sofort die Staatsbürgerschaft - und sie kommt als seine Frau mit.

"Cada vez más eficientes"

Propagandaposter an Hauswänden, Mauern und entlang der Schnellstraßen versuchen verzweifelt, den Geist der Revolution am Leben und die Leute im Land zu halten. "Treu vereint hinter Fidel" steht da und "Vaterland oder Tod". Oder auch "Cada vez más eficientes" - "Jedes Mal ein bißchen effizienter". Das glaubt in Kuba kaum noch jemand, obwohl sich manchmal tatsächlich was tut.

Zum Beispiel hat die Regierung vor kurzem 600 neue Astro-Überlandbusse aus China geordert. Seither funktioniert der Transport zwischen den Städten besser, auch wenn die Wartelisten für die Bustickets lang und die Fahrpläne unbequem sind, um die Busse voll auszunutzen. Voll ausgenutzt wurde der Kauf auch in den Medien: Fidel sorgt für sein Volk, trotz Sanktionen durch den Erzfeind Amerika. Cada vez más eficientes.

Es ist umstritten, wie sehr "el bloqueo", die Wirtschaftsblockade - 1962 von den USA gegen Kuba verhängt - dem Land tatsächlich schadet. Korruption und Ineffizienz nagen auffälliger an ihm. Missstände lassen sich jedenfalls vortrefflich auf "el bloqueo" abwälzen. Kuba, der sozialistische David, unterdrückt vom imperialistischen Nachbarn. Zumindest in ihrer Opferrolle sind Kubaner vereint. Nur wer der Täter ist, darin sind sie sich nicht einig.

*Alle Namen von der Redaktion geändert

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