Libyen Die Braut des Mittelmeeres


Lange Zeit war Libyen vom Tourismus abgeschnitten. Mittlerweile docken immer mehr Mittelmehr-Kreuzfahrer im nördlichen Tripolitanien an und stoßen auf eine ursprüngliche Mischung aus orientalischem Charme und römischer Vergangenheit.

In der klaren Stuten-Quelle am Rande der Wüstenstadt Ghadames baden drei Jungen. Haschim hat hier nie gebadet. "Wir fürchteten uns vor dem bösen Quellgeist", entschuldigt sich der 45-jährige Libyer lächelnd. Über 2000 Jahre hat das Quellwasser die Oase versorgt, die seit Urzeiten als Drehscheibe des Karawanen-Handels und auch als Truppenstützpunkt eine wichtige Rolle spielte. Haschim erzählt die Gründungslegende, nach der eine Stute Wasser aus dem Wüstenboden schlug, um ihren Reiter in der Weite der Sahara vor dem Verdursten zu retten. Inzwischen ist das Wasser versiegt. Das gemauerte Becken wird von anderen Quellen gespeist.

Angenehme Kühle herrscht in dem Labyrinth aus fensterlosen Häusern und überdachten Gewölbegängen. Haschim kennt jeden Winkel. Er ist in Ghadames aufgewachsen. Doch er wohnt nicht mehr in der alten Stadt, deren Name sich, glaubt man der Legende, von "Ghada ams", dem Rastplatz von "gestern Mittag", ableitet. Niemand wohnt mehr hier. Alle sind in benachbarte Neubauten mit modernem Komfort gezogen.

Männer in traditioneller Kleidung diskutieren vor den Moscheen

Hauptsächlich Touristen bevölkern die von der Unesco geschützte Stadt nahe der Grenze Libyens zu Tunesien und Algerien. Doch wenn sie das von einer sieben Kilometer langen Mauer umschlossene Areal im Hochsommer durchstreifen, treffen sie auf die ehemaligen Bewohner. Männer in traditioneller Kleidung sitzen diskutierend vor den Moscheen. Viele kehren während der Mittagsglut in die Kühle der Lehmsiedlung zurück, wo ein ausgeklügeltes System der Luftzirkulation die Temperaturen um 15 Grad Celsius senkt.

Haschim freut sich über die Besucher aus dem Ausland. Besonders viele Gäste werden im Oktober erwartet, wenn Ghadames Schauplatz des Folklorefestivals ist. Erst seit wenigen Jahren kann man wieder von nennenswerten Touristenzahlen sprechen. Seit der Aussöhnung mit dem Westen ist das über lange Zeit isolierte Libyen auch touristisch interessant geworden. Besonders fortgeschrittene Orientreisende wissen die Ursprünglichkeit des Landes zu schätzen. Für Haschim bedeutet das Arbeit. Er hat in Dresden studiert, was seine hervorragenden Deutschkenntnisse erklärt.

Ankunft in den Hafenstädten

Die meisten Touristen nehmen zunächst Kurs auf den Norden des Landes. Sie kommen mit Kreuzfahrtschiffen übers Mittelmeer. An der fast 2000 Kilometer langen Küste gibt es jedoch kaum Badetourismus. Bevorzugtes Ziel sind die drei namensgebenden Küstenstädte Tripolitaniens. Die einstigen phönizischen Handelsniederlassungen Sabrata, Oea - das heutige Tripolis - und Leptis Magna, die später in das Römische Reich eingegliedert wurden, bildeten den historischen "Drei-Städte-Bund".

Um von Ghadames nach Tripolis zu gelangen, müssen rund 650 Kilometer mit dem Bus überwunden werden. Die Menschen unterwegs sind freundlich und unaufdringlich. Selbst der Touristenpolizist sitzt eher unauffällig neben dem Busfahrer und managt die Polizeikontrollen. Es geht vorbei an alten Wohnburgen, in denen sich die sesshafte Bevölkerung früher vor Überfällen nomadisierender Stämme schützte. Nach wie vor beeindruckend sind die dazugehörenden Speicherburgen, vor allem in Kabao und Nalut auf den Felsgipfeln des Nafusa-Gebirges, das sich bis 968 Meter aus der Ebene erhebt und Zufluchtsgebiet der Berber war. Auch hier findet sich ein heimischer Führer, der die Anlage auf Deutsch erklärt.

Olivenhaine und Mandelplantagen

Die Olivenhaine und Mandelplantagen, die die Straßen säumen, wurden zumeist von italienischen Kolonisten in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts angelegt. In Tripolis hinterließen sie das moderne italienische Viertel, was der Stadt den Namen "Braut des Mittelmeeres" einbrachte. Aus der antiken Vergangenheit sind in der Metropole kaum mehr Reste zu finden. Doch das Nationalmuseum in der alten Festung am Platz der Märtyrer, dem früheren Grünen Platz, bietet einen eindrucksvollen Überblick über die Geschichte des Landes.

Von dessen Erdölreichtum ist in Tripolis nur wenig zu spüren. Auch seine Frauen scheint das islamische Land tagsüber zu verstecken. Die wenigen, die man sieht, tragen nach islamischer Sitte Kopftuch. Männer dominieren das Straßenbild. Niemand bettelt. Keine Händler machen Jagd auf zahlungskräftige Touristen.

Spuren der römischen Vergangenheit

Einen Tagesausflug von Tripolis nach Osten liegt Leptis Magna - eine römische Stadt von einzigartigem Erhaltungsgrad. Obwohl bisher nur etwa zu 30 Prozent ausgegraben, beeindrucken die Thermen, Foren, Tempel und Paläste. Vor allem der römische Kaiser Septimius Severus, der hier geboren wurde, ließ in seiner Regierungszeit unzählige Granit- und Marmorsäulen, Bodenplatten und Quader aus Ägypten, Griechenland und Italien heranschaffen. Eine Pferderennbahn liegt unmittelbar an der Küste in Nachbarschaft eines 16.000 Menschen fassenden Amphitheaters.

Sabrata, rund 70 Kilometer westlich als letzte der drei Städte gegründet, wird überragt von einem punischen Grabturm und dem von Septimius Severus gestifteten Theater mit eindrucksvollem Bühnenhintergrund. Nach dem Rundgang lässt sich der Blick auf die antike Ruinenstätte vor der im Mittelmeer untergehenden Sonne bei einem typischen Minztee genießen.

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