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Mexiko: Im Rausch der Farben

Die Kultur der Indianer, die koloniale Architektur der Spanier und das Licht der Sierra Madre locken Künstler ins mexikanische Oaxaca - eine Pracht, die auch für Touristen reizvoll ist.

Häuserwände in Purpur, Blutrot, Weinrot, Rosa, Ocker, Grün und Ultramarin. Oaxaca ist Farbe. Und es ist Licht. Klares am kühlen Morgen, wenn die Sonne durch die Blätter der Lorbeerbäume auf dem Z?calo schießt, dem zentralen Platz, wo in Wolldecken gewickelte Bauern, die seit Tagen unter ihren Transparenten und roten Fahnen vor dem Rathaus lagern, den Rausch des Mescal ausschlafen und flinkhändige Schuhputzer das Rindsleder an den Füßen der Frühaufsteher polieren. Hartes Licht, das messerscharfe Schatten der Arkaden auf die Caféhaus-Tische wirft und ungefiltert in die engen Straßen der 1500 Meter hoch liegenden Stadt am Rande der Sierra Madre fällt, schmerzhaft blendend, wenn sich mittags die Autos hupend und stinkend durch sie hindurch quälen und die Mexikaner auf die schattige Straßenseite wechseln. Warm gelbes Licht, wenn die Sonne spätnachmittags noch die Türme der Kirche Santo Domingo trifft, die wuchtig aus den ein- und zweigeschossigen Häusern zu ihren Füßen ragen, und der letzte Strahl durch das Westfenster sticht und die prunkvolle Goldwand am Altar zum Leuchten bringt.

Wenn die Sonne hinter den Bergen verschwunden ist, verlängern Straßenlaternen den warmen Gelbton. Dann tanzen kunterbunte Luftballons in Trauben über den Z?calo, wo Indianerfrauen darauf warten, dass Eltern und Verliebte sie ihnen abkaufen. Studenten, Familien, Touristen flanieren über den Platz. Die Verstärkeranlage einer Schülerband und kreischende Teenager überschallen das große Blasorchester in einer gusseisernen Rotunde. In den Straßencafés spielen Mariachi-Kapellen mit Gitarren und Trompeten auf.

Oaxaca ist auch Aufbau und Gliederung. Die Karrees sind geordnet wie auf einem Schachbrett. Die Altstadt, 1987 von der Unesco zum Weltkulturerbe geadelt, ist aufgeräumt und gefegt. Das Kopfsteinpflaster zum Teil verkehrsberuhigt. Die Häuser, von außen wenig Barock, eher Bauhaus und Art deco, aber gebaut, lange bevor es solche Begriffe gab. Innen, in den blühenden Patios, koloniales Ambiente.Farbe hatte Oaxaca im 18. Jahrhundert reich gemacht. Aus den Schildläusen auf den Kakteen presste die Stadt ihr Rot, aus Schnecken vor der Küste das helle Blau. Bis ein deutscher Chemiker, dem ein Verwandter die rote Farbpaste der Schildläuse aus Mexiko nach Berlin schickte, diese im Labor gewann. Die Industriefarbe verdrängte die natürliche, Oaxaca verarmte. Heute lebt die Stadt wieder von der Farbe, an die Fassaden getüncht, von Indianern in Decken und Teppiche gewebt, von Malern, die das Licht nach Oaxaca zog, auf die Leinwand gebracht. In fast jedem Caf? sind kleine Vernissagen, in den Bogengängen der Patio-Häuser hängen Bilder, zwei Dutzend Galerien liegen in der Altstadt. Gute Gemälde haben auch in Oaxaca ihren Preis. Käufer sind wohlhabende Mexikaner. Kunsthandwerk ist wohlfeil und vor allem für Touristen produziert. Broterwerb für viele in Oaxaca, wo es keine Industrie gibt.

Künstler haben die Stadt in den zurückliegenden Jahren geprägt: vor allem Francisco Toledo. Der Maler, schmal, klein, fast unauffällig in seinem Leinenhemd, wären da nicht diese wachen Augen, spielt seine Rolle herunter: "Wir sind eine Gruppe, Anwälte, Ärzte, ja auch Künstler." Und doch ist es Toledo, der einflussreiche Leitwolf der 1993 gegründeten Gruppe, der die hässlichen Denkmäler, die mexikanische Politiker in die Stadt stellten, wieder abbauen ließ. Der Mc-Donald's die Altstadt versperrte und traditionelle Techniken wiederentdeckte, wie sie für das Taller Arte Papel Oaxaca gebraucht werden, jene dicken, bräunlichen Papierbögen, deren Fasern sich ertasten lassen.Nachmittags sitzt Toledo zwischen Kunststudenten im Innenhof seines Instituto de Artes Gráficas de Oaxaca. Es ist ein altes Kolonialhaus, von ihm gekauft, renoviert, mit einer Bibliothek und Tausenden von Bildern bestückt - darunter Picassos - und dann der Stadt geschenkt. Ein anderes seiner Häuser ist ein Kunst-Kino, ein weiteres Fotogalerie. Gerade lässt er aus einer alten Jugendstilfabrik eine Malschule entstehen.Aber der bekannteste zeitgenössische mexikanische Maler spricht bitter über das, was auch sein Werk ist. "Als ich 1953 hierher kam, lebten in einem solchen Haus 50 Menschen, heute sind die Häuser der Altstadt Hotels, Cafés und Pizzerien. Die alten Bewohner können die Mieten schon lange nicht mehr bezahlen."Erdbeben zerstörten Häuser, das Geld aber vernichtete Lebensstrukturen. Erhalt und Renovierung der denkmalgeschützten Häuser blieben wohlhabenden Eigentümern vorbehalten, viele Gebäude gehören den Abkommen der spanischen Eroberer. Toledo spricht von zu vielen Studenten, zu vielen Besuchern und meint damit zu viele Gringos. "Sie duschen ständig, und wir haben nicht so viel Wasser."Zwei Universitäten, eine Technische Hochschule, kleinere Privatuniversitäten - auch die 38 000 Studenten in den Bars, Kneipen und Internetcafés prägen die Innenstadt. Ein Dutzend Sprachschulen ziehen junge Nordamerikaner an. Die renommierteste, das Instituto Cultural, ist wie ein kleiner Campus mit grüner Wiese hinter alten Mauern angelegt. Die Schüler leben meist in Familien.Viele kommen auch nach Oaxaca, um noch etwas dazuzulernen: Kochen und Zubereiten. Zum Beispiel Kaktussuppe, Kaktussalat, hauchdünn tranchiertes Rindfleisch mit Soßen aus Schokolade, Chili und Sesam oder Chapulines, geröstete Heuschrecken - mexikanische Küche, die mehr ist als Tacos. Eingeweihte unter den jungen Reisenden finden dann abends zum glasüberdachten Patio des Tanzclubs Candela. Biegsame Frauen und hahnenstolze Männer, schweißgebadet, tanzen Salsa zur Musik von Live-Kapellen.

"Die Touristen, die nur Vergnügen suchen, fahren nach Acapulco, die zu uns nach Oaxaca kommen, wollen etwas lernen", sagt der Lehrer Juan Montes Jara, der eine Privatschule für lernbehinderte Kinder gegründet hat und Touristen durch die Stadt führt. Sein Urteil fällt gnädiger aus als das des Malers Toledo. Die Besucher der Stadt interessieren sich für die Hochkulturen der Zapoteken, eines der ältesten Völker Südamerikas, die schon 500 Jahre vor Christus von der hoch über der heutigen Stadt Oaxaca gelegenen Residenz Monte Albán aus das Land beherrschten, für die Mixteken, die sie ablösten, für die Azteken, die im 15. Jahrhundert die Herrschaft übernahmen. Oder sie wollen in d er Stadt mit dem kolonialen Charme mehr über die uncharmanten Seiten jenes Hernán Cortés erfahren, der sich das Aztekenreich 1521 untertan machte. Viele aber wollen einfach nur Spanisch lernen. Deutsche kommen seltener nach Oaxaca, und diejenigen, die kommen, steigen aus Bussen und bleiben oft nur für einen Tag. Einer, der nicht mit dem Bus kam, blieb: Toledos deutscher Nachbar Dieter Kronzucker. Eins der mit "geschmackvoll" am treffendsten charakterisierten Häuser der Altstadt hat er wieder aufbauen und gestalten lassen. Das Haus war eine Ruine, als es der langjährige Lateinamerika-Korrespondent 1970 entdeckte. Vom Säulengang des Innenhofs standen noch zwei Stützen, der Brunnen im Patio war nur noch Schutt, die Eigentümer scheinbar unauffindbar. Heute ist der Innenhof weiß, in der Mitte wachsen Granatapfelbäume. Ein Art-Hotel und Ort der Ruhe. Sechs Zimmer nur und zwei Suiten, abends nicht mehr als 20 Essensgäste - nur nach Voranmeldung. "Das hat nichts mit Arroganz zu tun," sagt Kronzucker. "Ich will, dass meine Gäste sich geschützt fühlen." Ursprünglich sollte es nur ein Haus für Freunde werden. Jetzt ist es eines für jeden, der sich rechtzeitig anmeldet. García Márquez war längere Zeit zu Gast, um sein Manuskript von "Leben, um davon zu erzählen" noch ein letztes Mal zu überarbeiten. Der Journalist und seine Lebensgef@Dhrtin Barbara Tilian, die wesentlichen Anteil an der Gestaltung des Hauses hat und immer wieder Ausstellungen vorbereitet, sind heute Teil der engagierten, Kunst fördernden Stadtgemeinde. "Das Haus trägt sich", sagt Kronzucker, "verdienen wollen wir damit nicht." Kronzuckers Casa Oaxaca, früher einmal ein Klostergebäude der Dominikanerinnen, wurde bei seiner Renovierung zum Ausgrabungsort. Wo der Pool ist, fand man Skelette von Föten, Zeugnisse des weltlichen Lebens von Mönchen und Nonnen während der Kolonialzeit. Das eigentliche Oaxaca aber, jenseits von Kultur und Bildung, wuchert heute über seine Ränder, Slums wachsen den Monte Albán hinauf, jenen Berg mit den mehr als zwei Jahrtausende alten Pyramidensockeln, auf denen die Zapoteken ihre Tempel errichteten. Erst vor 70 Jahren wurden sie unter der Vegetation entdeckt. Damals lebten 50000 Menschen in der Provinzhauptstadt, heute gehen Schätzungen bis zu einer halben Million.Die Menschen in Oaxaca haben wenig Ähnlichkeit mit den europäischen blassen Gesichtern der Heiligenfiguren in der Kirche Santo Domingo. "Wir sind fast alle indianischer Abstammung," erklärt Juan Montes Jara, der Lehrer und Touristenführer. Dennoch verlaufen heute klare Klassengrenzen zwischen Mexikanern und Indianern, die noch immer ihre Tonaldialekte sprechen. Indianer sind vor allem eins: arm.Gleich hinter dem Zócalo beginnt ihr quirliges Oaxaca, in dem jeden Tag Markt ist, Handelsplatz für 20 Indianerstämme. Bauern und Händler in leuchtendem Leinen kommen aus der Sierra Madre del Sur. Sie bieten Obst an, Gemüse, luftgetrocknetes Fleisch und viele, viele bunte Blumen. Für die Touristen gibt es Wolldecken, die leuchten wie die Sonne, Flechtkörbe, funkelnden Gold- und Silberschmuck, strahlend weiße Kleider mit zarter Seidenspitze, Hängematten in den Farben des Regenbogens. Entlang der Strassen, die aus Oaxaca führen, wachsen auf großen Feldern Agaven, jene Kaktuspflanzen mit spitzen, fleischigen Blättern, aus denen der Mescal gewonnen wird, der arme Bruder des Tequila. Dieser Brandy, der Oaxaca in Malcolm Lowrys Roman "Unter dem Vulkan" zu literarischem Ruhm verholfen hat, wird noch immer in den Pulquerias, den Bars mit ihren Schwingtüren, ausgeschenkt. Touristen sind hier selten zu finden. Beim Mescal mit dem Wurm auf dem Flaschenboden bleiben die Mexikaner unter sich.

Kuno Kruse und Christian Irrgang (Fotos)

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