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Oasis of the Seas: Außen pfui, innen hui

360 / 64 / 65 - so lauten die Traummaße für einen Schiffsbauer: Die "Oasis of the Seas" ist das größte Kreuzfahrtschiff, das jemals gebaut wurde. Noch vor seiner Taufe wird der Vergnügungskahn vor der Küste Floridas auf Herz und Nieren getestet. stern.de ist mit an Bord.

Von Swantje Dake, auf See

Schön ist sie nicht. Blässlich an der Nase, kühl, geradezu abweisend, weil spiegelglatt und kantig an der Taille. Und das Hinterteil? Statt knackiger Rundung ein großes Loch. Von der Kaikante nach oben geschaut ist die "Oasis of the Seas" ein uncharmanter Klotz, erinnert mehr an einen anonymen Hochhauskomplex als an einen eleganten Ozeanriesen

Jede Kategorie ein Stich

Aber die "Oasis" protzt mit Traummaßen für ein Schiffsquartett, denn jede Kategorie ist ein Stich. 360 Meter lang - das gab es noch nie bei einem Kreuzfahrtschiff. Das ist länger als der Eiffelturm oder das Hotel Burj Al Arab hoch sind. 342 Meter misst die "Queen Mary 2". Die 64 Meter Breite sind imposant ausladend und 65 Meter in der Höhe schließen so manche Brückendurchfahrt aus. 6296 Passagiere können in den 2706 Kabinen untergebracht werden - umsorgt von 2165 Crewmitgliedern aus 71 Ländern.

Die US-Reederei Royal Caribbean war angetreten, das größte Schiff der Welt zu bauen. "Größer bedeutet nicht automatisch besser", so Adam Goldstein, Präsident von Royal Caribbean International. "Wir wollen unseren Kunden aber mehr Auswahl und mehr Möglichkeiten geben." Vor wenigen Wochen ist es in einer finnischen Werft fertig geworden. Die 225.282 Bruttoregistertonnen haben es unbeschadet trotz heftiger Herbststürme über den Atlantik bis in den Heimathafen Fort Lauderdale in Florida geschafft. Kommenden Montag wird der 1,4-Milliarden-Dollar-Koloss im Rahmen einer Wohltätigkeitsveranstaltung zu Gunsten lebensbedrohlich erkrankter Kinder getauft. Und die "Oasis" gibt sich nicht mit einer Taufpatin zufrieden, sieben US-Schauspielerinnen und Sportlerinnen werden es sein.

Aber erstmal wird der ganze Stolz der Reederei herumgereicht wie ein Neugeborenes. Und wie beim Nachwuchs tönen Offizielle und Lautsprecherdurchsagen bei jeder Gelegenheit von "our beautiful ship". Mehrere Kurztripps vor der Küste Floridas mit Reederei-Mitarbeitern und ihren Familien, loyalen Reisebüromitarbeitern und superlativhungrigen Journalisten aus aller Welt sollen die frohe Kunde verbreiten: Dieses Schiff übertrifft alles bislang Dagewesene. Das kann man ohne mit der Wimper zu zucken auch genau so zugeben - entscheidend ist, ob der Kreuzfahrtgast danach sucht.

Prachtdampfer mit Botox-Behandlungsräumen

Nicht verheimlichen kann die "Oasis", dass sie ein amerikanisches Schiff ist. Strategisch clever platziert: das Kasino. Auf Deck 4 liegt es zwischen dem Opus-Restaurant, in dem abends bis zu 3065 Passagiere ihr Drei-Gang-Menü speisen, und dem Opal-Theater, in dem Broadway-Musicals vor mehr als 1000 Menschen gezeigt werden. Dem Blinken und Blitzen, dem Klingeln und Scheppern der unzähligen Automaten entkommt man am Abend nicht.

Auf der "Mein Schiff", einem alten Royal-Caribbean-Schiff, wurde das Kasino beim Umbau stark verkleinert, weil es im deutschen Markt keine große Rolle spielt. Für Kreuzfahrten mit amerikanischen Gästen ist die Spielhölle eine nicht zu unterschätzende Geldquelle. Donuts, Cupcakes und Icecream von amerikanischen Gastroketten flankieren den Boardwalk auf Deck 6. Wer auf der Royal Promenade auf Deck 5 das Schiff betritt, findet sich in einer amerikanischen Shopping-Mall wieder. Im Spa-Bereich gibt es ganz selbstverständlich Botox-Behandlungen und Zahnbleichungen.

Kreuzfahrten zum Schleuderpreis

Und dieser amerikanische Dampfer soll der Reederei die Zukunft sichern. Während die US-Bürger bereits große Kreuzfahrtfans sind und auch die Briten ihren Urlaub gern auf dem Wasser verbringen, hadert der Rest der Welt noch. Die Deutschen holen auf: Eine Million Bundesbürger wird wohl in diesem Jahr in den Ferien zur See fahren. Sämtliche Reedereien hoffen auf das Potential der nicht-amerikanischen Märkte. Zumal: Der amerikanische Markt ist ausgereizt und mit der Wirtschaftskrise stark eingebrochen. Kreuzfahrten ab Florida gibt es derzeit zum Schleuderpreis. "Klar würden auf wir gern mehr Geld für unser Angebot nehmen", so Goldstein.

Um die "Oasis of the Seas" zu sehen, muss der Kreuzfahrtpassagier den Weg über den Atlantik in Kauf nehmen - im Flugzeug. Denn zunächst wird der Koloss ausschließlich in der Karibik eingesetzt. Aber das Fahrtgebiet wird zur Nebensache degradiert. St. Thomas, St. Maarten und Nassau auf den Bahamas werden bei einwöchigen Trips angesteuert. Labadee, eine Bucht Haitis, die die Reederei gekauft hat, ist der einzige Landgang bei einer viertägigen Tour.

Das Schiff ist sich selbst genug

Aber wer will schon Land sehen, wenn man im größten Frischwasserpool auf See abtauchen, Kletterwände erklimmen, durch einen Park mit mehr als 12.000 Pflanzen wandeln, Runden auf einem nostalgischen Karussell drehen, mit einer Seilbahn in schwindelerregender Höhe über den Boardwalk schweben, auf einer künstlichen Welle surfen, zwischen 24 Restaurants und Bars wählen und Eislaufen kann?

So wird auch auf der Probefahrt keine Zeit auf Landausflügen verschenkt, kein teurer Diesel für weite, schnelle Fahrten in die seichten Gewässer der Karibik ausgegeben. Das Schiff als Vergnügungspark beschäftigt so sehr, dass man sich nicht auch noch mit dem Gefährt als solchem auseinandersetzen kann. Jeder Winkel wird gefilmt und fotografiert, bestaunt und getestet. Was zuerst sehen, was zuerst (aus)probieren?

Und wer so sehr mit der Innenansicht beschäftigt ist, sich mit gläsernen Fahrstühlen von unten nach oben katapultieren lässt, Treppenstufen im Laufschritt nimmt, der stellt nicht die Frage, wie warum so ein Gigant schwimmt, wie man 8000 Menschen im Notfall evakuiert und er vergisst, dass er nicht auf einer Schönheit schippert. Denn von innen wirkt der Koloss nicht monströs. Viel Glas, zurückhaltende Farben, viele Blickwinkel auf die oberen und unteren Decks, kleine Ecken und Nischen lassen das größte Schiff der Welt überschaubar wirken. Und auch bei Schiffen kommt es auf die inneren Werte an. Wer die mag, stört sich nicht an der äußeren Hülle.

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