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Ontario: Vielfalt ist unsere Stärke

Über Toronto spöttelte ein von der britischen Queen geadelter Schelm: "Sauber und sicher - wie ein New York, das von Schweizern geführt wird". War der Ausspruch von Sir Peter Ustinov als Kompliment für Kanada gemeint?

Von Jochen Affeldt

Formal gesehen ist Königin Elisabeth II. noch das Staatsoberhaupt des Landes, lokal vertreten durch die Generalgouverneurin Michaëlle Jean. Erst seit 1982 gehört Kanada offiziell nicht mehr dem "United Kingdom" an. York nannten die Briten ihre Siedlung am Ontario-See - 1850 wurde die Stadt von den nordamerikanischen Königstreuen in Toronto umbenannt. So neurotisch-geschäftig wie New York City ist Toronto nicht, aber dafür ein guter Platz zum Leben. 2,5 Millionen Einwohner haben ihre Heimat direkt in der Metropole und ganz augenscheinlich kommt man gut miteinander aus.

Torontos Chinatown, das zwischen der Dundas Street und der Yonge Street nicht zu verfehlen ist, verkündet mit greller chinesischer Neonreklame ein buntes Mosaikstück des Einwanderstaates. Im Einkaufszentrum Dragon City erwirbt man chinesischen Haushaltsbedarf oder lässt sich von chinesischen Ärzten auf traditionelle Weise kurieren. Beim Metaphysiker Master Li wird die Zukunft aus den Handlinien vorhergesagt, im Rocky Gao Tech Salon gibt es den asiatischen Einheitshaarschnitt auf Wunsch mit Ölung.

Ethnisch geprägte Stadtviertel

In Greektown an der Danforth Avenue Ecke Pape findet man die zweitgrößte Hellenen-Gemeinschaft außerhalb Griechenlands und natürlich viele Restaurants mit originärer Küche. Die blau-weißen Fahnen hängen hier gleich neben den kanadischen und wie in Chinatown zeigen zweisprachige Straßenschilder selbstbewusst die ethnische Prägung des Viertels.

Gleich in der Nähe der ungehinderte Grenzübertritt nach Italien. Guter Cappuccino und italienische Küche sind an jeder Ecke von Little Italy obligatorisch. Wie ein Schnappschuss aus "Der Pate" wirken die würdevollen, älteren Herren, die sich in die hintere Ecke der kleinen Bar zurückgezogen haben, um in Ruhe die Dinge zu bereden. Ein Videoladen verleiht ausschließlich italienische Produktionen wie "La Vendetta di Ercole" und der kanadische Sender Radio Uno verkündet Claudio Baglionis Gesangsauftritt in der spektakulären Roy Thompson Hall.

Im Stadtteil Roncesvalles zwischen Howard Avenue und Queen Street West verbreiten die Bäckereien der polnischen Gemeinde osteuropäisches Flair, die Passage nach Indien führt über die Gerard Street East mit ihren duftenden Garküchen und Basaren.

Jeder darf ein Nationalist sein

Es scheint gut mit der kanadischen Seele vereinbar, zwei Nationalitäten gleichzeitig im Herzen zu tragen. Selbst wenn man auf dem nordamerikanischen Kontinent geboren wurde, darf man sich durchweg griechisch, japanisch oder sonst wie fühlen und echter Nationalist sein. Als Kanadier aber wählt man aus Überzeugung demokratisch und verehrt die Toronto-Maple-Leafs-Eishockeymannschaft mit der ganzen Leidenschaft des Lokalpatrioten. Kein Problem in einem Land mit so viel Platz.

"Diversity ist our Strength", steht unter dem Wappen der Stadt. Vielfalt ist ganz bestimmt auch die Stärke ganz Kanadas. Früher waren es vor allem Menschen aus dem britischen Königreich, Franzosen, Amerikaner, Italiener, Niederländer, Deutsche, Polen und Ukrainer, Kroaten und Serben. Heute strömen die Einwanderer vor allem aus Asien ins Land, insbesondere seit der Rückgabe von Hongkong an China. Dazu kommen knapp 700.000 Angehörige der First Nations, auch Indianer genannt, und knapp 400.000 Métis, die Mischlingsnachfahren der Siedler. Mehr als 50.000 Inuit und weitere 30.000 Menschen gemischter indigener Herkunft komplettieren das Bild. Anders als der Besucher vermutet, sind Englisch und Französisch lediglich die Muttersprache von 59,7 Prozent der Bevölkerung.

Peter Ustinov hatte französische, russische, schweizerische, italienische und äthiopische Vorfahren. Er war Botschafter der UN-Kinderhilfsorganisation Unicef, Präsident des World Federalist Movement und auf seine Anregung hin entstanden zwei Institute für Vorurteilsforschung. "Ich bin ethnisch sehr schmutzig", sagte er über sich selbst, "und sehr stolz darauf." Die kanadische Stadt am Ontariosee hat ihm bestimmt gefallen.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, wen Sie kennlernen müssen und wo Sie Ihr Haupt betten sollten.

Reisetipps

Jäger der verlorenen Geschichte

Wer Toronto kennen lernen möchte, kommt an diesem Mann nicht vorbei: Bruce Bell ist der Jäger der verlorenen Stadtgeschichte. Ein engagierter Historiker, Autor und Stadtführer. Der galante Guide führt die Besucher im wahrsten Sinne des Wortes hinter die Kulissen. Seiner charmanten Art öffnen sich viele Türen, die für Andere verschlossen bleiben. Mit ihm erkundet man den lebendigen Markt der St. Lawrence Hall, schleicht durch die Säle des King Edward Hotels, entdeckt das Hockey Hall of Fame Heritage Building und vieles mehr. Und Bell verknüpft dazu sehr amüsant und mit viel Fachwissen die Stadtgeschichte.

Natur - zum Greifen nah

Nur zwei Autostunden von Toronto entfernt, rauscht das Wasser auf einer Breite von 800 Metern gut 53 Meter in die Tiefe - als Niagara-Falls weltbekannt. Echte Wildernis fürs Wochenende bietet der Algonquin Provincial Park. Nach kanadischen Maßstäben liegt er als ein Naherholungsgebiet vor der Tür. Nur 200 Kilometer nordwestlich bietet der älteste Naturpark der Provinz 3000 Elchen und 2000 Schwarzbären ein Zuhause. 30.000 Biber bauen hier an ihren Dämmen. Kanuten können hier auf rund 1600 Kilometer Flussläufen die Naturschönheit erkunden.

Übernachten

Mitten im Ausgehviertel von Toronto stellt das Hotel le Germain in der 30 Mercer Street einen eleganten Ruhepol dar. Angenehm frisches, aber zurückhaltendes Design, viel Platz und warme Farben sowie genau die richtige Portion Aufmerksamkeit des Personals zeichnen dieses feine Boutiquehotel aus. Im dazugehörigen Restaurant Chez Victor zeigt sich auch der frankophone Teil des Landes von seiner exquisitesten Seite auf dem Teller. Prädikat: Rundum sehr empfehlenswert.

Gegenkultur auf Celluloid

Weltweites Aufsehen erregt immer wieder das "Toronto International Film Festival". Vom 4. bis zum 13. September. Hier zeigt sich Kanada und besonders auch Toronto als treibende Kraft des nordamerikanischen Independent-Kinos. Als "unbedingt kanadischer Filmemacher" bezeichnet sich ganz folgerichtig der renommierte David Cronenberg.

www.ontariotravel.net
www.torontotourism.com

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