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Panama: Ein indianischer Traum

Kein Fernsehen, kein Telefon: Die Kuna auf dem San-Blas-Archipel im Norden Panamas achten auf Distanz zum Rest der Welt. Wer auf ihren Inseln Urlaub macht, taucht tief ein in die karibische Ruhe und Harmonie.

Das Einzige, was uns in dieser Idylle quälte, waren die Langusten, die ja eigentlich lecker sind, die wir jetzt aber nicht mehr sehen können, weil es sie jeden Tag zum Mittagessen gab", schrieben Julia und Frank aus Bad Kreuznach, vermutlich mit leichtem Rülpsen, ins Gästebuch der "Kuna Lodge", bevor sie sich dann unter Palmen in die Hängematte legten. Fluch der Karibik! Mariscos bis zum Abwinken! Frisch vom Fischer, der von seinem Einbaum aus vor trägen Urlauber-Augen die Reusen aus dem flachen Wasser der Lagune zieht und den Fang sofort an Onesimo, den stets lächelnden Koch des führenden Hotels am Platz, verkauft. Es ist nicht schwer, auf Playón Chico die Top-Adressse zu sein: Das Indianerdorf vor der Nordküste Panamas besitzt nur diese eine Herberge. Sie ist allerdings exklusiv gelegen. Von der Hauptinsel mit dem Dorf 500 Meter entfernt auf einem Eiland in der Größe eines Kleingartens. Sieben mit Palmwedeln gedeckte Bungalows, ein nach allen Seiten offenes Restaurant, drei Dutzend Kokospalmen und der Sonnenuntergang zum Weinen schön. Nicht zu vergessen die flinken Geckos, die sich beim Sun Downer an die geleerten Rumgläser heranpirschen und sich kopfüber hineinstürzen - ihre Gier nach Süßem scheint unendlich zu sein. Nicht zu vergessen auch die winzigen Taschenkrebse, die auf der Suche nach einem besseren Leben das Meer verlassen und sich unter dem Ausguss-Stöpsel der Gästewaschbecken eingenistet haben. Von da lassen sie sich auch durch Fluten mit Schuppen-Shampoo nicht vertreiben. Und dann gibt es noch die Seeschildkröten aller Größen. Sie paddeln durch einen Pferch aus Bambusstöcken im nur einen Meter tiefen Wasser am Bootssteg und werden als maritime Haustiere mit den GarnelenResten vom Gäste-Dinner durchgefüttert. Urlaub auf Playón Chico bedeutet Natur pur und aktives Faulenzen, wie Dolce-farniente heute so schön heißt. Kein Fernsehen, kein Telefon und aus dem Transistorradio des Personals die Nachrichten nur im weichen Spanisch Panamas. Doch Elektrizität vom Dieselgenerator für eine Glühbirne pro Zimmer und die Kühltruhe im Restaurant. Abends drücken die beiden Indianermädchen, die als Kellnerinnen, Zimmermädchen und Fotomotive in einem agieren, denGästen Petroleumlampen in die Hand für 50 Schritte durchs Dunkel vom Restaurant zum Bungalow.

Die Nordküste von Panama ist Indianergebiet. Oft nur einen Steinwurf vom Festland entfernt leben hier auf rund 60 bewohnten Koralleninseln des San-BlasArchipels, die oft kaum geräumiger sind als ein Fußballfeld, etwa 20 000 Menschen vom Volk der Kuna. Mit einer zweimotorigen Twin Otter sind die größeren Inseln von Panama City aus in einer knappen Stunde täglich vormittags per Linie zu erreichen. Dazu kommt noch als Transportmittel der knallrote Langustenflieger aus der Hauptstadt, der jeden Nachmittag die Küstenroute abklappert. Hat er den Laderaum nicht mit Krustentieren voll gekriegt, dann lastet er die Maschine mit einem oder zwei Passagieren aus. Straßen hinein nach Kuna Yala, wie das Land in der Kuna-Sprache heißt, gibt es nicht. Die Indianer legen gar keinen Wert darauf, an die Welt der "Mergi", der Weißen, eng angebunden zu sein. 20 Jahre nach Gründung der Republik Panama 1903 wollten die Latinos ihre indianischen Mitbürger zwangszivilisieren. Sie verboten ihnen, die traditionellen Halsketten, Ohr- und Nasenringe zu tragen und Schildkröten zu jagen. Daraufhin jagten 1925 die Kunas ihre Bevormunder zum Teufel. Es gab Tote auf beiden Seiten und nach einer Intervention der USA, die Ruhe rund um den Panama-Kanal wollten, ein Autonomieabkommen, das bis in unsere Tage hält. Die Kunas erkannten die panamesische Oberhoheit an, und die Regierung ließ die Indianer in Frieden. Heute regieren die Kuna sich selbst. Mitten im Dorf steht der Congreso, die Versammlungshalle. Im Zentrum des Holzbaus mit einem Palmwedeldach schaukelt der Sahila, der Bürgermeister. Traditionell führt er seine Geschäfte im Liegen aus der Hängematte heraus. Der alte Herr trägt bei 30 Grad feuchter Hitze sehr formal Hut, Hemd und Krawatte. Die übrigen Männer laufen im modernen Drittwelt-Outfit herum: Jeans, T-Shirt, Nike-Sportschuhe. "Der Sahila ist angezogen wie die Engländer, die uns vor über 100 Jahren gegen die Spanier geholfen haben, das vergrößert seine Autorität", erklärt Domingo, der Tourismusbeauftragte des Dorfes. Zweimal pro Woche hält der Bürgermeister eine Ansprache an die Frauen der Gemeinde. Da ermahnt er sie, die Kinder pünktlich in die Schule zu schicken, aber auch, die alten Gottheiten zu ehren.

Die Wunderhelfer aus Europa, in Wahrheit meist Piraten oder Glücksritter, haben ihre Spuren in der Naturreligion der Kuna hinterlassen. Dieser Glaube hat sich bis heute gegen alle christlichen Missionierungsversuche behauptet. Wie der Sahila tragen auch die oft mannshohen magischen Holzfiguren, die als Medium bei Heilritualen dienen, Hut und Krawatte. Der Einblick in die spirituelle Welt der Indianer ist für Besucher eine der faszinierendsten Erfahrungen auf dem San-Blas-Archipel. Für die Kuna haben nicht nur Menschen und Tiere, sondern auch jede Pflanze und die meisten Dinge eine Seele. Gerät diese rundum beseelte Welt aus dem Lot, etwa durch Krankheit oder Tod, muss man auf die Geister zurückgreifen. Yenia Chiari ist in Playón Chico der Mensch mit dem besten Draht zum Drüben. Die junge Frau liegt in ihrer Hängematte, raucht eine Pfeife und lässt vor sich in einem kleinen Becken aus Ton Kakaobohnen rösten. Der aromatische Rauch der Bohnen zieht die guten Geister an. Nach mehreren Minuten angestrengten Paffens fällt die Seherin in eine kurze Trance. Als sie wieder aufwacht, weiß sie von den Geistern, was dem Patienten fehlt, der ihr gegenübersitzt. Er hat was mit der Leber. Yenia stellt ein halbes Dutzend Holzfiguren vor dem Ratsuchenden auf. Die Kakaobohnen glühen. Mit dem magischen Rauch werden die bösen Mächte aus dem kranken Leib heraus und in die Holzfiguren hineingezwungen. Erleichtert geht der Patient von dannen. "Wir Kuna glauben, dass alle Dinge zusammenhängen und wir Menschen kein Recht haben, das Gleichgewicht der Natur zu stören", sagt Domingo. Deswegen entschuldigen sich die Indianer bei jeder Heilpflanze, die sie abschneiden. Wenn sie Bananen ernten, lassen sie stets ein paar Büschel an den Stauden: "Wir wollen sie den Vögeln nicht wegnehmen." Und Stollen oder Schächte in die Erde zu treiben, um nach Gold zu suchen, halten sie für lebensgefährlich. Domingo: "Da würde die Erde ihre Festigkeit verlieren und in sich zusammenbrechen."

An der Mole von Playón Chico liegt ein kolumbianischer Frachter, so betagt und angerostet, als wäre er direkt aus einem Roman von Gabriel García Márquez hierher gefahren. Zwei hünenhafte Schwarze laden Kokosnüsse ein, neben den Mariscos der wichtigste Exportartikel der Inseln. Drei Polizisten, die einzigen Vertreter der panamesischen Staatsmacht, schauen gelangweilt zu. Die beiden Wandgemälde auf dem Dorfplatz hinter ihnen übersehen sie geflissentlich. Sie zeigen die Porträts der beiden Anführer des siegreichen Aufstands von 1925 und ein großes Hakenkreuz, das indianische Symbol für ihre Autonomie. Kuna-Frauen verkaufen den Kolumbianern Fisch und geröstete Bananen. Um den Hals haben sie schweren Goldschmuck hängen - der Handel mit Kokosnüssen ist ein lukratives Geschäft. Um Arme und Beine schnüren sie sich Binden aus aufgereihten Porzellanperlen in Orange und Rot. Die älteren tragen auch noch den traditionellen Goldring durch die Nasenscheidewand und den Nasenrücken entlang einen dunklen Strich. Der schreckt Dämonen ab. Die Blusen der Frauen sind knallbunt, genäht aus kunstvoll zu mythischen Motiven angeordneten Stoffflicken. Diese Molas verkaufen die Frauen heute auch an Touristen zu ziemlich happigen Preisen. Obwohl sie abgeschieden auf ihren Inseln leben, weltfremd sind die Kuna nicht. Marí, eins der Allzweckmädchen von der Kuna Lodge, war als Austauschschülerin in Osnabrück, das sie als pulsierende Weltstadt empfand, wenn auch etwas frostig. Sie freut sich jedes Mal, wenn Besuch von der "Grete" kommt. Die "Grete" ist ein alter Fischkutter aus Bremen. Seit Monaten liegt er in Sichtweite der Lodge. An Bord sind ein pensionierter Lufthansa-Pilot und eine Kinderärztin, die eigentlich die ganze Welt umrunden wollten. Doch dann blieben sie hier hängen. Warum? "Frieden, Ruhe, Harmonie", sagt der Ex-Kapitän und grüßt den US-Aussteiger John, der im Schlauchboot mit seinem Terrier an Bord vorbeibraust. John ankert mit seiner Yacht ebenfalls in der Nähe. Jetzt will er sein Hündchen Gassi führen. Auf festem Boden: dem Inselchen der Kuna-Lodge, mit dem einzigen Rasen weit und breit.

Teja Fiedler / print

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