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Florida: Pythons bedrohen den Nationalpark Everglades - dieser Mann jagt sie

Pythons sind die Plage der Everglades, der Sumpfgebiete Floridas. Sie fressen alles, was ihnen begegnet. Das tut der Natur nicht gut. Und deshalb braucht es Männer wie ihn: den "Wildman".

Pythons bedrohen den Nationalpark Everglades in Florida

The Wildman weiß: In den späten Stunden des Tages kommen die Pythons aus dem Wasser

"Eine Schlange", sagt Dusty Crum, "trägt keine Schuhe."

Deshalb geht er barfuß.

"Eine Schlange", sagt er, "hat kein Messer und keine Pistole."

Deshalb ist er unbewaffnet. Der Kampf soll fair sein, wenn er ihn schon führen muss.

"Wenn die Schlange gewinnt, gewinnt die Schlange", sagt er.

Die Sonne wandert glutrot hinter das Sumpfgras der Everglades in Florida, Dusty Crum sitzt hoch oben auf dem Hochsitz, den er auf die Ladefläche seines Pick-ups geschraubt hat, und starrt in diesen feuchten Dschungel aus Gras, Büschen und Sumpfzypressen, in dem sich die Schlangen verbergen.

Schweigen.

Beschützer der Everglades

"Ich bin kein Jäger", erklärt er schließlich. Schweigen. Starren in den Sumpf. Jetzt, in den Abendstunden, kommen die Schlangen aus dem Wasser hervor und suchen Wärme am Ufer.

"Ich bin der Beschützer der Everglades." Seine Stimme wird weich. "Es ist nicht die Schuld der Schlangen, dass sie hier sind. Wir sind alle Gottes Geschöpfe. Auch die Schlangen. Sie sollen nicht leiden."

Und doch muss er sie töten. "Es ist eine historische Aufgabe. Ich kämpfe für die kleinen Tiere, die Otter, die Waschbären und die Hasen", sagt er. Gottes Kreaturen opfern, damit andere seiner Geschöpfe leben können. Ein moralischer Zwiespalt, der nervöse New Yorker zum Psychotherapeuten rennen lassen würde. Dusty Crum aber ist in den Sümpfen Floridas aufgewachsen. Hier macht man sich keinen Kopf. Hier macht man, was nötig ist, auch wenn es einem in der Seele wehtut. Hier geben sie einem den Spitznamen "Wildman", und man trägt ihn mit Stolz.

Deshalb sitzt Dusty "Wildman" Crum unermüdlich auf seinem Hochsitz, wirkt mit seinen Falkenfedern im langen Haar und der Kette mit den Alligatorenzähnen und Wildschweinhauern wie ein verirrter Wikinger auf nacktem Kriegsfuß. Unten, in der Fahrerkabine, steuert Zoch, ein Nachbarjunge, den Pick-up im Schritttempo über einen Damm durch die Everglades.

Pythons sind Würgeschlangen, aber Zähne haben sie auch. Und ein Biss ist höllisch schmerzhaft

Pythons sind Würgeschlangen, aber Zähne haben sie auch. Und ein Biss ist höllisch schmerzhaft

Die Everglades gehören zu den berühmtesten Nationalparks der USA, sie reichen vom Lake Okeechobee im Norden bis an die Südspitze der Florida-Halbinsel. Eigentlich sind sie ein Fluss, dessen Wasserader bis zu 60 Kilometer breit sein kann und nur wenige Zentimeter tief. Vom Fluss sieht man nicht viel, fast die gesamte Fläche ist mit Gras und Büschen bewachsen, an den höheren Stellen mit majestätischen Zypressen. Man merkt von ihm auch nicht viel, weil er nur rund einen Meter pro Stunde fließt. Die Everglades können ein Paradies sein, man kann hier Flamingos, Ibisse, Pelikane und Kormorane beobachten oder sich von desillusionierten Vietnam-Veteranen auf lärmenden Propellerbooten Alligatoren zeigen lassen. Doch irgendwann, das hat ein Paradies wohl so an sich, kam eine Schlange und begann, alles kaputt zu machen.

Die Schlange war keine einheimische, sondern ein Dunkler Tigerpython, Python molurus bivittatus. Sie gehört zu den größten der Welt, kann weit mehr als fünf Meter lang werden. Das wurde sie lange Zeit nur in den Tropen und Subtropen Süd- und Südostasiens. Doch dann wuchs und gedieh sie auch in Florida, und das ist das Problem, mit dem sich Dusty Crum die Nächte um die Ohren schlägt.

Anfangs 900 Baby-Pythons

Darüber, wie der Python in den amerikanischen Sumpf kam, gibt es zwei Theorien. Die erste besagt, dass es in den 1980er Jahren in Florida schick war, Reptilien als Haustier zu besitzen, je exotischer, desto besser. So landeten Tausende Tiere etwa aus Afrika oder Asien auf Miamis Flughafen und wanderten von dort in die Terrarien. Besonders oft starrte in diesen Jahren der Tigerpython in die Wohnzimmer Floridas. Er blickte in zunehmend entsetzte Gesichter ihrer Besitzer, die nicht damit gerechnet hatten, dass sich ihre 25 Zentimeter große Babyschlange um das 20-Fache vergrößern würde. Möglicherweise setzten viele ihre ungeliebten Haustiere einfach aus. Dusty Crum ist Anhänger der zweiten Theorie. Sie sieht die Schuld bei Hurrikan "Andrew", der 1992 eine Reptilienzuchtanlage zerstörte und deren Bewohner in die Wildnis freisetzte. "900 Baby-Pythons sind damals in den Everglades-Nationalpark gelangt", sagt Dusty.

Egal, wie es dazu kam, fest steht: Seit Anfang der 2000er Jahre breiten sich in den Everglades Kreaturen massiv aus, die alles strangulieren und schlucken, was ihnen über den Weg läuft.

"Wir schätzen, dass um die 100.000 Pythons da draußen sind", sagt Dusty und nickt in Richtung Sumpf. "Sie sind eine große Bedrohung, denn sie haben einen beinahe unstillbaren Appetit." Vor ein paar Jahren untersuchte die University of Florida den Einfluss der Pythons auf die heimische Tierwelt. Wissenschaftler setzten 95 Hasen dort aus, wo man die Schlangen vermutete. Nach elf Monaten hatten Pythons 73 Hasen mitsamt Peilsendern verschlungen.

Eine Geldbörse aus Dustys Schlangenhaut-Kollektion, mit der er seinen Verdienst aufbessert

Eine Geldbörse aus Dustys Schlangenhaut-Kollektion, mit der er seinen Verdienst aufbessert

"Auch Vögel sind heute rar, ich habe lange keinen Waschbären gesehen, früher gab es viele hier", sagt Dusty, die Augen auf den zunehmend in den Schemen der Dämmerung versinkenden Sumpf gerichtet. Dieses von Dusty beobachtete Verschwinden rief auch einen Herpetologen, einen Reptilienforscher, von der Universität North Carolina auf den Plan, der die Theorie lieferte: "Waschbären und Opossums bringen die Schlangen wohl nicht mit einer Bedrohung für sich in Verbindung. In den Everglades gab es einfach keine Schlange, die groß genug war, einen Waschbären zu fressen, und zwar 18 Millionen Jahre lang."

Nur eine Spezies erweist sich als erstaunlich resistent gegen die Invasoren: die Baumwollratte. Vielleicht liegt das daran, dass die Pythons viele ihrer anderen Feinde erledigt haben, wie Füchse und Rotluchse. Vielleicht auch daran, dass Baumwollratten sich rasanter fortpflanzen als Hasen. Die Baumwollratten stehen nun ziemlich weit oben auf dem Speiseplan der Moskitos. Die wiederum verbreiten das Everglade-Virus, das die Ratten in sich tragen. Es kann beim Menschen Fieber, Kopfschmerzen und in einigen Fällen eine Schwellung des Gehirns verursachen.

Je mehr sich die Hiobsbotschaften um die Pythons in den Everglades häuften, desto größer wurde der Druck auf die Behörden. Das South Florida Water Management District beschäftigt deshalb seit vergangenem Jahr 25 Pythonjäger. Ihre Aufgabe: die Everglades wieder zu dem Lebensraum zu machen, der er Millionen Jahre lang war. Und fragt man dort nach dem Besten, erhält man die Telefonnummer von Dusty Crum. Dem Mann, der eine der größten Pythonschlangen gefangen hat, die jemals in Florida gesichtet wurden, majestätische fünf Meter und 18 Zentimeter lang.

Stoische Menschen

"The Wildman" sitzt nun schon seit zwei Stunden oben auf seinem Ausguck, nur der Lichtstrahler in seiner Hand wirft grelle Punkte in den regungslosen Sumpf. So läuft das schon die ganze Nacht: Dusty starrt und leuchtet, Nachbarjunge Zoch starrt und steuert. Ihre Bilanz bisher ist mager: eine Braune Wasserschlange vom Feldweg gerettet (einheimisch und ungefährlich). Einen Alligator gesehen (weit entfernt).

"Nur stoische Menschen können gute Schlangenjäger sein", sagt Dusty. "Mal finde ich drei Tage hintereinander keinen Python. Aber wenn ich endlich einen finde, dann hat sich alles gelohnt." Die Zeit bis dahin überbrückt Dusty mit Nachdenken. Über das Leben, die Tiere, die Menschen, die Orchideen. Die verkauft er in seinem Zweitberuf im Städtchen Venice in Westflorida. "Mit den Orchideen ist es anders als mit den Schlangen. Orchideen bringen mir Ruhe und machen mich ausgeglichen. Sie versuchen nicht, mich zu töten", sagt Dusty. Sie bringen ihm aber auch nicht diesen Kick, der ihm diese ganze Warterei erträglich macht.

Während er erzählt, langsam und bedächtig, weicht sein Blick nicht von dem Sumpf zu seiner Seite. "Ich hatte einmal diese Schlange, es war elf Uhr nachts, ich konnte nur ein kleines Stück von ihr sehen. Ich musste ins Wasser tauchen und sie aus dem Wasser ziehen. Doch sie war schnell, drückte mir fast die Luft ab, mir blieb nichts anderes übrig, als ihr in den Schwanz zu beißen. Dann drückte ich sie mit meinen Beinen zusammen und konnte mich aus der Umklammerung befreien, es war knapp."

Schlangensuche ist Nachtarbeit. Die Männer befahren einen schmalen Damm, eine Art Hochsitz ist auf die Ladefläche des Pick-ups montiert

Schlangensuche ist Nachtarbeit. Die Männer befahren einen schmalen Damm, eine Art Hochsitz ist auf die Ladefläche des Pick-ups montiert

Wenn Pythons nah genug an ein Beutetier herankommen, schlagen sie mit dem Vorderkörper blitzschnell nach vorn, beißen sich in dem Tier fest und wickeln dann den Schlangenkörper um Brust und Hals des Opfers. Mit jedem Atemzug der Beute zieht die Schlange ihre Körperschlinge fester um die Brust. Am Ende stirbt das Opfer an Herz-Kreislauf-Versagen. Dann würgt der Python sie in einem Stück runter. Dabei kann das Beutetier sehr viel dicker oder größer als die Schlange selbst sein.

"Faszinierende Tiere", sagt Dusty und zündet sich eine weitere filterlose Zigarette an. "Ich habe einmal den Kadaver eines Pythons gefunden, vier Meter lang. Er hatte versucht, einen zwei Meter langen Alligator zu schlucken, und war geplatzt."

Vier Sekunden

Ein guter Jäger müsse die Gefahr einschätzen und die Schlange lesen können, erklärt er. "Jede Schlange hat ein anderes Temperament. Eine Schlange kann aggressiv sein. Eine Schlange kann nur ihre Ruhe wollen. Aber wenn du dich einem Python langsam und behutsam näherst, wird er auch behutsam mit dir umgehen, du musst immer darauf achten, was die Körpersprache der Schlange dir erzählt."

Es muss wohl Schlange Nummer 29 gewesen sein, die hinsichtlich ihrer Körpersprache nicht ehrlich zu Dusty gewesen ist, jedenfalls lag da dieses Prachtexemplar, sie sonnte sich auf dem Weg, er ging hin und wollte ein Foto machen, doch als sein Fotoapparat klickte, verschwand sie im Wasser. "Ich konnte gerade noch ihren Schwanz packen, doch da fiel mir mein Hut vom Kopf, und ich war für einen Moment blind, weil mir meine Haare vor den Augen hingen. Die Schlange biss mir sofort in den Arm, und ich musste mir mit aller Kraft die Zähne aus dem Fleisch drücken." Er hebt seinen Arm, um die Bisspuren zu zeigen, als seien sie Jagdtrophäen auf seiner Haut. Pythons sind Würgeschlangen, aber auch die haben Zähne. Etwa 100 bis 150 finden sich im Rachen eines Exemplars, sie dienen nicht zum Kauen, sondern zum Festhalten und Runterschieben der Beute. Deshalb sind sie alle nach hinten gerichtet, und wenn sie sich festbeißen, dann, so Dusty, "tut das erst einmal höllisch weh, und man hat ein großes Problem".

"Manchmal guckt man sich die Augen aus", sagt er. Einen besseren Job kann sich Dusty jedoch nicht vorstellen

"Manchmal guckt man sich die Augen aus", sagt er. Einen besseren Job kann sich Dusty jedoch nicht vorstellen

Ein guter Schlangenjäger, sagt Dusty, lernt aus solchen Erfahrungen. Er lernt: Du hast vier Sekunden. Mit der linken Hand verwirrst du die Schlange. Du fuchtelst einfach herum, das lenkt sie ab. Mit der rechten Hand packst du zu. Zack. Du greifst sie dir gleich hinter dem Kopf. Dann ziehst du das Panzerband ab, das du dir vorher um den Zeigefinger der linken Hand gewickelt hast, und wickelst es um das Maul der Schlange, damit sie dich nicht beißt. Zack.

Doch dazu ist es in dieser Nacht noch nicht gekommen, zweimal meinte er, eine Schlange ausgemacht zu haben, dann war es doch nur Plastikmüll. Da taucht plötzlich ein weiterer Pick-up auf dem Damm auf. Zwei bullige Typen steigen aus, sie tragen Gummistiefel. "Oh, das ist 'The Predator'", sagt Dusty. "Ein Kollege."

Da stehen sie sich nun gegenüber wie in einem Western. Vier Männer, die auf Sumpfgras starren.

"Was gefangen?", fragt The Predator. Dusty schüttelt den Kopf und klettert von seinem Hochsitz. The Predator sagt zu dem Mann neben ihm: "Das ist Dusty."

Mindestlohn

Der Mann salutiert voller Ehrfurcht, als sei er Ehrengardist beim Staatsempfang. "Hab viel von dir gehört, Mann!"

"Wie sieht's bei euch aus?"

"Ich habe fast eine gefangen", sagt der Neuling.

"Was ist passiert?"

Der Mann druckst rum.

"Du schämst dich", sagt Dusty.

"Bin ausgerutscht."

"Das liegt an deinen Gummistiefeln. Wildman braucht diesen Kram nicht. Auch keine Handschuhe", sagt Dusty.

Der Mann guckt wie ertappt zu Boden. Da holt Dusty aus seinem Pick-up die Früchte seiner Arbeit zum Bestaunen hervor, Portemonnaies und Sneaker aus dem Leder der Schlangen, die er gefangen hat. Dusty hat eine eigene Kollektion kreiert, denn ein Schlangenjäger kann vom Schlangenfangen allein nicht leben. Die Tiere liefert er bei der Wasserbehörde ab, dort werden sie gemessen und getötet. Er bekommt 8,50 Dollar die Stunde, das ist wenig mehr als der Mindestlohn, plus 50 Dollar für Schlangen unter anderthalb Metern und 25 Dollar pro 30 Zentimeter länger. Gestern haben Dusty und Zoch wieder einmal unter dem Truck geschlafen, weil sie sich kein Hotelzimmer leisten konnten.

Wenig später sind sie wieder auf der Pirsch. "Manchmal guckt man sich die Augen aus", seufzt Dusty. Doch mit ihm muss man nicht über andere Jagdmethoden diskutieren. "Wir haben noch immer kein Gift gefunden, das nur die Pythons tötet und nicht gleich alle anderen Tiere mit. Wissenschaftler erzählten mir von einem Pheromon, das sie entwickelten, um die Schlangen anzulocken, ich habe von ihnen nie wieder etwas gehört. Letztes Jahr wurden sogar zwei Kobrajäger aus Indien eingeflogen, sie stapften durch den Sumpf auf der Suche nach Schlangennestern. Eine Höllenarbeit. Am Ende fingen sie in einem Monat 33 Schlangen und zerstörten einige Eier. Das kann ich auch vom Pick-up aus."

Glück

Kurz nachdem Dusty das sagt, springt er vom Hochsitz, rennt den Damm hinunter, plötzlich geht alles schnell: verwirren mit der linken Hand. Packen mit der rechten, Zack. Der Python ist drei Meter lang, kein Prachtexemplar. Einer von den etwas über 1000 Pythons, die Dusty und seine Kollegen innerhalb eines Jahres gefangen haben. Nummer 108 für Dusty Crum.

Er steckt die Schlange in einen Sack und schnürt ihn zu. Dann steigt er wieder auf seinen Pick-up-Hochsitz. Irgendwo da draußen sind noch immer gut 100.000.

Sisyphos musste einen Felsblock auf einen Berg rollen, es war eine Strafe. The Wildman starrt in den Sumpf, es ist sein Glück.

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