HOME

Seidenstraße: Höchst verbindlich

Abführmittel, Weltneuheiten, Alexander der Große - der legendäre Handelspfad brachte mehr zusammen, als der Name "Seidenstraße" vermuten lässt. Und populäre Irrtümer halten sich so hartnäckig wie die Mythen um die Trasse selbst. Bis heute.

Die erste Karawane

Die erste Karawane die ihren Weg zwischen Orient und Okzident fand, muss um das Jahr 100 v. Chr. aufgebrochen sein. Ein paar Hundert Mann waren es vielleicht, die eine Reise ins Ungewisse antraten. An ihrer Seite: Kamele, beladen mit durchsichtigem, in allen Nuancen schimmerndem Seidenstoff.

Von Chinas alter Hauptstadt Chang'an, dem heutigen Xi'an, zogen sie zunächst bis Dunhuang, wo sie bald das Jadetor passierten: die westlichste Befestigungslinie des Reiches, das Ende der Zivilisation. Nun begann das eigentliche Abenteuer, galt es doch, auf einer nördlichen oder südlichen Route das Tarimbecken und die mörderische Takla Makan zu umgehen. Allzu leicht konnte man hier die Orientierung verlieren, oft endete das Unterfangen auch tödlich. Die Wüste bot keinerlei Rastplätze, lebenswichtige Wasservorräte reichten nur für kurze Zeit. Jene erste Karawane blieb deshalb wahrscheinlich selten stehen, wurde wohl unerbittlich von ihren Führern vorangetrieben, gute 30 Kilometer pro Tag. Doch westlich des Sandmeeres warteten kaum weniger bedrohliche Herausforderungen: die hohen, oft über 4000 Meter gelegenen Pässe des Pamir, das Dach der Welt. In der dünnen Luft müssen Yaks die Lasten getragen haben, denn Kamele kamen in Eis und Schnee nicht mehr voran.

Erst nach diesen Strapazen erreichte der Tross legendäre Städte wie Samarkand und Buchara, deren Namen noch heute wie eine orientalische Verheißung klingen. Und in denen die Schätze umgeschlagen und von anderen Karawanen, einem Staffellauf gleich, weitertransportiert wurden. Über Teheran, Bagdad und Antiochia (heute Antakya) gelangten die wertvollen Waren schließlich ans Mittelmeer. Sie hatten das Imperium Romanum erreicht, Morgen- und Abendland verbunden.

Seit jenem ersten Marsch durch die schroffen Weiten Asiens umrankt Märchenhaftes den ältesten transkontinentalen Trampelpfad der Erde. Neben den fantastischen Geschichten aus Tausendundeiner Nacht haben sich aber auch viele Irrtümer verbreitet. Die fünf populärsten:

Der Name Seidenstrasse

Der Name Seidenstrasse ist uralt, heißt es. Weit gefehlt. Die Bezeichnung, die sofort in ferne Oasen entführt, taucht erstmals 1877 in Berlin auf. Dem viel gereisten Geografen Ferdinand von Richthofen gelingt die magische Wortschöpfung im ersten Band einer fünfteiligen Abhandlung über China, in der er lapidar definiert: Seidenstraßen sind "Straßen, welche der Seidenhandel nahm". Im selben Jahr schmückt der findige Asien-Forscher auch einen Vortrag vor der Gesellschaft für Erdkunde mit der klingenden Neuerung: "Über die centralasiatischen Seidenstraßen bis zum 2. Jahrhundert n. Chr.". So eingängig war die Kreation des deutschen Professors, dass sie sich heute in den unterschiedlichsten Sprachen der Welt wiederfindet, sogar im Chinesischen.

Nur eine einzige Straße

Ferdinand von Richthofen achtete mit der Genauigkeit eines Forschers auf den korrekten Plural: "Seidenstraßen". Denn vielmehr als auf einer einzigen Straße zogen die Karawanen auf einem Geflecht aus Haupt- und Nebenrouten: dem längsten Wegenetz der vormodernen Welt. Viele Reisende, so auch die Reporter des GEO Specials Seidenstraße, wählten den anfangs beschriebenen Weg von Xi'an bis ans Mittelmeer. Und hatten am Ende der Strapazen doch nur einen Bruchteil gesehen: Mit zahlreichen Verästelungen in Zentralasien und wichtigen Ausläufern zum Roten Meer, nach Indien und Japan dürfte die Gesamtlänge der Seidenpfade bei nahezu einer halben Erdumrundung gelegen haben.

Nur Seide wurde transportiert

Richtig ist, dass Chinas wichtigstes Exportgut bis ins 10. Jahrhundert jenes kühle, feine, schmiegsame Gewebe war, von dem die Römer lange dachten, es wachse auf ihnen unbekannten Bäumen. Die Karawanen allerdings, die gen Westen zogen, hatten stets weit mehr geladen: neben Seide auch Jade, Felle und prächtige Teppiche; Keramik, Zimtrinde und Tee. Auch mit Rhabarberwurzeln waren manche bepackt, einem beliebten Abführmittel. In umgekehrter Richtung reisten die berühmten himmlischen Pferde aus dem Fergana-Tal, die der chinesische Kaiser begehrte, Schmucksteine wie blauer Lapislazuli oder grüner Malachit, Korallen, Bergkristalle und Goldarbeiten. Weihrauch stand so hoch im Kurs wie Hirschgeweih, Knoblauch, Rizinusöl und Elfenbein. Auch Kohlrabi gelangte über die Seidenstraße erstmals nach China; wie eine Art Kopfsalat, wie der Spinat. Letzteren empfahl man gegen Vergiftungen - und zur Behandlung von bösem Kater.

Nur Waren wurden bewegt

Keinesfalls, der bedeutende Fernhandelsweg war auch wichtiger Missionspfad für Weltreligionen, Tauschbörse von Weltkulturen, Einfallsroute für Welteroberer wie Alexander den Großen oder Dschingis Khan. Und vor allem eine Straße der Ideen: Weltneuheiten wie das Papier gelangten vermutlich Ende des 7. Jahrhunderts von China über Indien nach Westen, die Drucktechnik folgte und mit ihr ab dem 11. Jahrhundert ein völlig neues, bald äußerst begehrtes Produkt: der Geldschein, ein in Europa unbekanntes Zahlungsmittel, das Marco Polo auf seinen Reisen zwei Jahrhunderte später verwundert in den Händen hielt. Auch der magnetische Kompass und das Spinnrad aus dem Reich im Osten revolutionierten das Leben im Westen.

Die Seidenstraße ist Vergangenheit

In diesem Punkt irrte sogar Namensgeber Ferdinand von Richthofen. "Die Völker von Europa", schloss er seinen erwähnten Vortrag vor 130 Jahren, "brauchten das kostbare chinesische Product nur noch in geringer Menge. Der Begriff transcontinentaler Seidenstraßen hat für die fernere Zeit seine Bedeutung verloren." Das Gegenteil ist der Fall: Heute ist der interkulturelle Gedanke, den die Seidenstraße als erstes großes Beispiel der Globalisierung vorwegnahm, aktueller denn je. Dem Verlauf der alten Karawanenwege folgend, entstehen wieder Seidenstraßen - aus asphaltierten Pisten, Eisenbahntrassen und Pipelines. Die neue alte Achse soll das Rückgrat eines riesigen Wirtschaftsraums zwischen Europa, Russland, China und Indien bilden. Der Mythos lebt.

Meike Kirsch

Wissenscommunity