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Speed-Bergsteiger Benedikt Böhm: Formel-1-Geschwindigkeit im Himalaya

Minimales Gepäck, maximale Speed, so lautet die Erfolgsformel von Benedikt Böhm. Der Münchner Extremalpinist will den 8163 Meter hohen Manaslu besteigen. Auf Skiern geht es zurück zum Basislager.

Von Joachim Rienhardt

Benedikt Böhm ist ein vorsichtiger Mensch. "Oberhalb von 8000 Metern sind die Risiken selbst für die Besten unabwägbar. Je länger man sich da oben aufhält, umso größer ist die Gefahr zu sterben", sagt der 34-Jährige. "Man muss da so schnell wie möglich wieder runter." Seiner Maxime entsprechend steigt der Münchener jetzt auf den 8163 Meter hohen Manaslu, den achthöchsten Gipfel der Welt. In höchstens 24 Stunden will er vom 5000 Meter hohen Basislager aus den Gipfel erreichen und - damit es schneller geht - auf Ski wieder hinunterfahren. Das hat zuvor noch nie jemand geschafft. Das wäre Weltrekord.

"Speed-Bergsteigen ist die Formel 1 des Alpinismus, das ist die moderne Art, hohe Gipfel zu besteigen", sagt Böhm, der früher als Langläufer und im Nationalkader der Skibergsteiger des Deutschen Skiverbandes Wettkampferfahrung gesammelt hat. Heute gelten er und sein Partner Sebastian Haag, 33, als jene Alpinisten, die den schnellen Aufstieg und die rasante Skiabfahrt in der Todeszone perfektioniert haben.

"Ich war immer fasziniert vom Rennsport. Und mein Ziel war es immer, den Rennsport auf die hohen Berge zu übertragen", sagt Böhm. "Bei mir muss alles schnell gehen. Ich kann nichts langsam machen." In Zeiten, in denen Erstbesteigungen alle längst erledigt sind, hat für ihn diese junge Disziplin auch noch einen anderen Zweck: "Speed ist die einzige Möglichkeit, sich von der Masse abzusetzen."

Viagra gegen Lungenödem

Ewig vorbei sind die Zeiten, als Expeditionen in diese unwirtlichen Regionen noch Wochen dauerten. Aber wie Böhm und sein Freund Sebastian Haag, ein Tierarzt, die Riesen anpacken, ist einzigartig. Moderne Technik und extrem leichte Ausrüstung machen den neuen Stil erst möglich. "Minimales Gepäck, maximaler Speed" - das ist Böhms Motto.

Gespart wird an jedem Gramm. Im Rucksack sind nur zwei Liter Tee, ein Dutzend Powergels, Steigeisen, Daunenjacke, Cortison gegen Hirn- und Viagra gegen Lungenödem. Kocher zum Eis schmelzen? Quatsch. Zusätzlicher Proviant? Unnötiger Ballast. Zelt oder Lagerketten? Überflüssig. Geschlafen wird beim Speed-Bergsteigen nicht. Man hat zwar keine Rückzugsmöglichkeit im Fall von Schlechtwettereinbrüchen. Böhm und sein Freund sind trotzdem überzeugt, dass ihre Art die Berge zu besteigen, die sicherste von allen ist.

350.000 Höhenmeter pro Jahr

Spätestens seit ihrem Schlüsselerlebnis am Mustagh Ata in der Volksrepublik China vor sieben Jahren war das so. In über 7000 Meter Höhe entdeckten sie an dem dritthöchsten Berg des Pamir-Gebirges ein deutsches Ehepaar. Die Frau war bereits tot, ihr Mann starb in ihren Armen. "Sie waren einfach zu lang in der Todeszone", sagt Böhm. Zwei Tage später starteten sie ihre Speed-Begehung - 3500 Höhenmeter rauf und wieder runter in elf Stunden. Das war der erste von vielen. Den Gasherbrum II (8035 Meter) haben sie in 17 Stunden erledigt, vom Gipfel des Broad Peak (8051 Meter) waren sie in 15 Stunden wieder unten.

Das jährliche Trainingspensum der beiden Freunde umfasst 350.000 Höhenmeter. Mindestens. "Es kann sein, dass ich vor der Arbeit in München in der früh um drei Uhr nach Garmisch fahre und auf die Zugspitze renne", sagt Böhm. Er sitzt dann trotzdem um kurz nach neun Uhr als Geschäftsführer einer der weltweit führenden Hersteller für Skitourenausrüstungen an seinem Schreibtisch in München. "Und abends folgt dann die zweite Einheit." Insgesamt trainieren er und sein Partner 20 Stunden die Woche. Immer am Berg. Ski- oder Mountainbike-Touren, Bergläufe. Bei jedem Wetter. Hauptsache viele Höhenmeter.

Speed-Bergsteigen macht süchtig

Neulich, bei einer Dienstreise nach Fernost ist er zum Training in gut drei Stunden auf den 3776 Meter hohen Fujisan gerannt, auf Japans heiligen Berg. Zur Vorbereitung gehörte auch die Besteigung des Mont Blanc in lediglich acht Stunden. Böhm ist kein Romantiker, der die unwirtlichen Regionen der Himalaya-Riesen verklärt. Im Gegenteil. "Es ist immer eine Scheiß-Qual. Man muss sich da einfach hoch prügeln. Aber wenn du wieder unten bist, ist das Gefühl unbeschreiblich, es geschafft zu haben. Das macht fast süchtig", sagt er.

Doch er weiß auch, dass das Scheitern dazu gehört. Am Manaslu waren sie bereits 2007. Damals mussten sie 700 Meter unterhalb des Gipfels wegen Lawinengefahr umkehren, mehrfach auch am Broad Peak. Bei ihrem zweiten Versuch am Manaslu kann das wieder passieren. "Das Wichtigste, was ich gelernt habe", sagt Böhm, "ist, immer wieder aufzustehen."

Im Moment unternehmen Benedikt Böhm, Sebastian Haag und Greg Hill vom Basislager am Manaslu aus Touren zum Akklimatisieren und warten auf ein stabiles Hoch. Denn ihr größter Feind ist das Wetter, das sich an dem Achttausender rasant ändert. stern.de ist über ein Satellitentelefon mit dem Team in Kontakt und wird in Kürze über den weiteren Verlauf der Speed-Besteigung berichten.

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