Tag 6 - Von Kratie in Richtung Khone Falls Nacht unter Sternen


Mit einer Freundin wäre es wildromantisch. Doch wenn vier Männer wegen Motorschadens auf dem Boot übernachten, lassen sich Kälte und Hunger am besten mit Whiskey überstehen.

Natürlich müsste man jetzt eigentlich sofort vom ersten gravierenden Problem der Expedition berichten. Davon, dass sie auf der Kippe steht, falls nicht alles funktioniert, was funktionieren muss. Dass es eben doch nicht so einfach ist, den Mekong hinaufzufahren, auch nicht im Jahr 2005 mit einem Außenborder und seinen 225 Pferdestärken. Doch langsam der Reihe nach.So langsam gewöhnen wir uns ans frühe Aufstehen. Meist klopft schon vor sechs Uhr jemand an die Tür des lokalen Guest House, in dem wir übernachten.Irgendeinen Kaffee gibt es auch, und je näher wir in Richtung Laos kommen, desto fester steckt der Löffel in der Mischung aus zuckersüßer Kondensmilch und pechschwarzem Sud. Aber man wird wach dabei, und das ist in der nächsten Stunde wichtig. Schließlich wollen wir die Mekong-Delphine sehen, die den Menschen gegenüber relativ freundlich eingestellt sein sollen - schließlich stehen sie nicht auf dem Speiseplan der Kambodschaner.

Fabelhafte Delphine

Gestern Abend hat uns ein Mann am Bootsanleger noch viele Geschichten über die Delphine erzählt. Da gibt es Legenden, dass sie Menschen vor dem Ertrinken gerettet und Fischern den Fang ins Netz getrieben haben sollen. Es heißt, sie seien Zwitterwesen - ein wenig Mensch, ein wenig Tier. Sie leben nur im Süden von Laos und rund um Kratie im Mekong, in kleinen Schulen, insgesamt vielleicht noch 100 Exemplare. Aus dem Wasser springen sie nur selten und auch sonst erinnern sie mit ihrem rundlichen Kopf ohne Schnabel mehr an Belugawale als an Delphine. Doch leider sind sie so selten und scheu, dass wir sie nicht zu Gesicht bekommen. Aber immerhin bescheren sie dem kleinen Ort Kratie einen steten Strom an Rucksacktouristen, die bei ihrer Tour durch Südostasien hier für einen Tag Station machen - kein Wunder, dass man den Delphinen hier freundlich gesonnen ist.

Ein dumpfer Schlag - Motorschaden

Der Mekong wird immer interessanter. Wir manövrieren um Sandbänke herum, auf denen Bauern gerade Mais pflanzen. 1001 Inseln gilt es zu umschiffen, Steine tauchen im Flussbett auf und Bäume, die bis fast zur Krone im Wasser stehen. Der Mekong, vor ein paar Tagen noch sehr still, macht plötzlich mit Geräuschen auf sich aufmerksam. Er gurgelt an den ersten Strudeln, rauscht an kleinen Kaskaden, wispert leise, wenn das Wasser zwischen den Ästen der Bäume hindurchströmt.Dann plötzlich ein dumpfer Schlag - und der Motor ist aus. Genau wie bei einer Notbremsung purzeln alle im Boot durcheinander, die sich nicht geistesgegenwärtig festhalten können. Uns ist nichts passiert, aber der Außenborder des einen Bootes scheint ein schweres Problem zu haben. Nach einem kurzen Check verspricht die Schnelldiagnose des Expeditionsleiters Andy Leemann nichts Gutes: "Ich kann keinen Gang mehr einlegen. Vermutlich hat der Motor einen Schlag bekommen und das Getriebe ist hin." Lange Gesichter.Was nun?

Das Tempo: fünf Stundenkilometern

Glück im Unglück: Wir sind nur ein paar Kilometer entfernt vom Ort Stung Treng und dort kennt unser lokaler Guide ein paar Speedboatfahrer. Mit einem Hauch von Handysignal ist es möglich, sie anzurufen - eine halbe Stunde später hört man das Röhren ihrer Motoren. Fünf Mitglieder des Teams steigen um und nehmen fast alles Gepäck mit - sie werden in einem Hotel in der Nähe der Khone-Wasserfälle unterkommen.

Andy Leemann, Armin Schoch und wir beide von stern.de bleiben an Bord, vertäuen die Boote und ziehen das defekte RIB im Schneckentempo den Mekong hinauf. Vier Stunden geht das so, bis es trotz Nachtsichtgerät zu dunkel wird auf dem Fluss. Wenn überhaupt wird man den Motor nur in Laos reparieren können, dort gibt es schnelle Verbindungen nach Thailand, und in einem Lager in Bangkok liegt ein Ersatzmotor – für den Fall der Fälle, Logistiker Armin hat vorgesorgt. Die beiden RIBs müssen also nach Laos. Auch wenn es lange dauert. Das GPS-Gerät meldet, dass wir mit fünf Stundenkilometern vorankommen.

Whiskey an Bord, doch kaum Benzin im Tank

Beim letzten Licht legen wir am Mekong-Ufer an. Übernachtungsmöglichkeiten gibt es hier keine, uns bleibt nur das Boot. Zu Essen gibt es für jeden ein winzig kleines Sandwich, Wasser haben wir genug dabei. Wäre nicht der kaputte Motor, es wäre die schönste Nacht seit Beginn der Expedition. Wir sitzen unter einem glühenden Sternenhimmel, rauchen Zigarette um Zigarette und haben Plastikflaschen zu Gläsern zerschnitten, um den Whiskey, den Armin für Notfälle wie diese dabei hat, zu mischen. Bald sind wir alle ein wenig betrunken. Armin und Andy sichern sich die gepolsterten Bänke der Boote, uns bleibt der Boden, eher für die Psyche gepolstert mit dünnen Leinenschlafsäcken. Wenigstens vor Mücken bleiben wir dank des Moskitonetzes, das wir an einem Bambuspfahl festmachen, verschont. Irgendwann hören dann die Grillen auf mit ihrem nächtlichen Konzert und wir sinken in den Schlaf, dick eingemummelt in Fleece-Pullover und Windjacke, denn es wird kühl in der Nacht. Morgen müssen wir es bis zur Grenze schaffen – und haben, weil das Ziehen des zweiten Bootes so viel Treibstoff gekostet hat, kaum noch Benzin im Tank.

Helge Bendl

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