HOME

Flussreisen: "Je weiter weg, desto jünger das Publikum"

Eine Reiseform steht vor einem Imagewechsel. Neben den klassischen Donaufahrten entdecken immer mehr Reisende exotische Flüsse wie den Yangtse und Mekong in Asien. Erstmals stellt ein Buch die wichtigsten Flussreiseziele vor und bewertet die Schiffe.

Johannes Bohmann ist bekennender Kreuzfahrer. Der Experte war bereits auf über 30 Schiffen an Bord und weiß, wo man am besten Urlaub auf dem Wasser macht.

Herr Bohmann, ist die Donau eine Autobahn für Flussschiffe nur mit Pensionären an Bord?

Das Durchschnittsalter liegt statistisch bei knapp 60 Jahren. Ausgangsort für die klassische Donaureise nach Budapest ist Passau. Da gehen viele Gäste an Bord, die nicht mehr fliegen möchten und mit der Bahn oder mit dem Auto anreisen.

Stirbt diese Zielgruppe nicht langsam aus?

Nein, wir werden ja alle älter. Die Passagiere wachsen nach. Veranstalter wie "Arosa" bemühen sich, auch jüngere Gäste an Bord zu bekommen. Aber so junge Paare, wie in ihren Katalogen abgebildet sind, trifft man selten an Deck.

Schippern auf dem Yangtse nur chinesischen Rentner?

In China ist das anders. Dort reist ein internationales Publikum, neben Chinesen auch viele Amerikaner, Briten und Deutsche. Als Faustregel gilt: Je weiter weg, desto jünger das Publikum.

Sind die Deutschen auch Reiseweltmeister auf Flussschiffen?

Der deutsche Flussreisen-Markt ist durch die Anzahl der Buchungen und Veranstalter der größte. Das erklärt sich auch durch die interessanten Flüsse wie Rhein, Mosel, Elbe und vor allem die Donau. Insgesamt reisten im Jahr 2007 über 334.000 Passagiere auf Flussschiffen, auf Hochseeschiffen waren es 763.000 Gäste.

Welche sind die beliebtesten Flüsse für Kreuzfahrten?

In Europa die Donau, auf der 30 Prozent aller Flussreisen stattfinden. In der Hochsaison machen in Wien und Budapest an manchen Tagen acht Schiffe gleichzeitig fest. Auf dem Nil können sogar bis zu zehn Boote nebeneinander liegen.

Mit welchem Preis pro Tag muss ich bei einer Schiffreise rechnen?

Flussreisen sind mit 150 Euro günstiger als eine Hochseekreuzfahrt, bei der man mit 190 Euro pro Tag und Person rechnen muss. Kurzreisen auf Flüssen beginnen zu Weihnachten oder Ostern schon bei 70 Euro pro Tag.

Kreuzfahrtriesen haben über 4000 Gäste an Bord. Welches ist das größte Flussschiff?

Die größten Schiffe mit 300 Passagieren verkehren auf dem Yangtse. Die Brückenhöhen und Schleusenbreiten des Fahrtgebietes erlauben diese Dimensionen. In Deutschland sind die Neubauten auf 140 Metern Länge begrenzt, denn sonst passen die Schiffe nicht mehr um die Flussschleifen der Mosel herum. Daher sind im Durchschnitt nur 150 Personen an Bord.

Und das kleinste Flussschiff?

Bei der "Serenité" sind fünf Besatzungsmitglieder und zwölf Passagiere an Bord, die mit dem Kapitän absprechen, wo sie am nächsten Tag anlegen.

Was ist der Vorteil einer Flussschiffreise?

Wie generell auf Kreuzfahrten fährt das Hotel immer mit. Nur einmal einchecken, aber jeden Tag an einem anderen Ort sein. Auf den meisten Flussschiffen stimmt der Service und es wird sich sehr herzlich um den Gast gekümmert. Man fühlt schnell Zuhause, egal ob auf Rhein und Mosel oder auf Mekong oder Nil unterwegs ist. Ein großes Unterhaltungsprogramm wie auf einem Clubschiff darf man allerdings nicht erwarten.

Ist diese Reiseform individueller?

Massentourismus findet auf dem Fluss nicht statt. Bei 150 Passagieren sind die Reisen viel familiärer und persönlicher. Flussschiffe können ihre Routen individueller planen und die Kapitäne gern mal früher ablegen. Die Häfen liegen meisten in kleinen Orten am Fluss. Man steigt einfach aus, geht zu Fuß spazieren und wird nicht mit dem Bus über Stunden zu den Sehenswürdigkeiten transportiert.

Gibt es auch exotische Schiffe?

In Asien fahren kleine Teakholz-Schiffe auf dem Mekong oder auf dem Irrawaddy in Myanmar mit nur 20 bis 30 Gästen. Oder in Brasilien, wo ab Manaus auf dem Oberlauf des Amazonas Flusstouren mit Dschungelwanderungen bei Nacht angeboten werden.

Was sind die neusten Trends?

Das Angebot wird immer breiter und luxuriöser. Neben der etablierten "River Cloud", einem Fünf-Sterne-Schiff mit Spitzenköchen, ist die "Premicon Queen" für allerhöchste Ansprüche mit Butler-Service dazugekommen. Auch geht der Trend weg von der der Standard-Kabinengröße von 15 bis 20 Quadratmetern zu Suiten mit mehr Platz.

In ihrem neuen Flussreisen Guide bewerten sie das Angebot. Welches sind die Top-Schiffe?

Wir vergeben maximal fünf Anker pro Kategorie. Bei Sport und Wellness führen die Arosa-Schiffe mit Sauna, Pool und Fitnessräumen an Bord. In der Gastronomie gehören neben den schon erwähnten Schiffen die der Reederei Deilmann dazu. Sie heißen "Cézanne", "Mozart" und "Heidelberg". Oder die kleine "Napoleon" von Orient-Express, die in Frankreich fährt. Auf dem Nil hat die "Mövenpick Royal Lotus" fünf Anker.

Wer hat bei Landausflügen die Nase vorn?

In dieser Kategorie hoch bewertet wurden die "Jasmina" und "Samira", weil sie in Ägypten praktisch gegen den Strom fahren. Die Schiffe legen da an, wo die anderen nicht sind: Also schon zum Sonnenaufgang im Tal der Könige.

Welche Reise hat Sie zum Flussschiff-Junkee gemacht?

Vor zwei Jahren bin ich von St. Petersburg nach Moskau mit dem Schiff gereist. Was mich bewegt hat, war die Fahrt durch Russland, auf Wolga, Neva und Swir. Das Flusssystem mit den riesigen Binnenseen entstand schon unter dem Zaren. Wir gingen in Karelien in Dörfern an Land, wo im Winter die Wölfe heulen. Ich bin am Fluss einfach losgelaufen, weil ich wusste, wir haben sechs Stunden Landgang und konnte mich in einem Land bewegen, das mir vorher verschlossen war.

Interview: Till Bartels

Wissenscommunity