Somaly Mam Verkauft, vergewaltigt, aufgestanden


Es war die Hölle: Als Kind wurde sie als Sklavin verkauft, als Jugendliche zur Prostitution gezwungen. Doch die Kambodschanerin Somaly Mam befreite sich und kämpft nun gegen die Kinderprostitution. Dafür wird sie jetzt mit einem Preis ausgezeichnet. Eine Reportage aus Kambodscha von Bettina Sengling

Eine Zeit lang überlegt Somaly, ob sie den Mann nicht töten soll. Sie will ihn vergiften oder einen Killer beauftragen oder ihn vielleicht sogar selbst erschießen. Sie besitzt einen Revolver, und einmal hat sie sogar auf einen Vergewaltiger gezielt. Aber die Rache an diesem Mann kommt ihr sinnlos vor. Kambodscha ist kein Land, in dem sich Kindersklaven an ihren Herren rächen. Also schweigt Somaly. Sie sagt dem Mann nicht einmal, dass er ihr Leben zerstörte, als er sie kaufte und verkaufte wie ein Schwein.

Der Holzhändler zahlte für Somaly

Als das Mädchen Somaly Eigentum des Holzhändlers wurde, war sie gerade zehn Jahre alt. Sie wuchs in Bou Sra auf, einem Dschungeldorf im Osten Kambodschas. An ihre Eltern kann sich Somaly nicht erinnern. Sie weiß nicht mehr, wie es war, ein Kind zu sein. Sie weiß nur: Schon damals war auf nichts Verlass. Sie hatte kein Haus, sie übernachtete bei Fremden, irgendjemand nahm sie immer auf. Bis ihr ein Mann den Holzhändler vorstellte. Der zahlte für sie. "Ich dachte, wenn ich mit ihm ginge, könnte ich vielleicht meine Eltern finden", erinnert sich Somaly. "Ich freute mich sehr." Sie nannte den Mann Großvater. Somaly wird seine Sklavin.

Sie muss Wasser holen, Wäsche waschen, einkaufen. Sie muss auch Wasser für andere holen, so verdient sie dem alten Mann Geld. Sie erntet Reis und steht stundenlang im Schlamm, fängt Fische, mahlt Mehl, kocht Suppe. Manchmal schläft sie bei einer Familie, der Mann ist angeblich ein leiblicher Onkel. So genau weiß Somaly das nicht. Immerhin sagt er ihr, sie habe den schlechten Charakter vom Vater geerbt. Mehr wird sie nie über ihn erfahren, so sehr sie auch fragt und sucht.

Alltag Vergewaltigung

< Einmal, Somaly ist 12 Jahre alt, schickt der Mann, den sie Großvater nennt, Somaly zu einem Händler. Sie soll Petroleum kaufen, für die Lampen im Haus. Somaly kennt den Mann und hat keine Angst vor ihm. Doch diesmal ist alles anders. Im Laden zerrt der Kaufmann Somaly ins Hinterzimmer. Er reißt ihr die Kleider vom Leib. Dann vergewaltigt er das Kind. "Ich hatte Schmerzen, ich blutete, vor Scham wäre ich am liebsten im Boden versunken", erinnert sich Somaly. "Ich begriff nicht, was da gerade passiert war." Sie traut sich nicht, ihrem Herrn davon zu erzählen. Dabei wusste er längst Bescheid. Er hatte für den Sex kassiert. Erst Jahre später erfährt sie davon. Danach will sie ihn töten und tötet ihn nicht.

Nach der Vergewaltigung ist alles anders, die Gewalt bricht in mächtiger Welle über ihr Leben herein. Somaly wird als Ehefrau verkauft, und später, mit 16 Jahren, an ein Bordell. "Der Zuhälter nahm mich, wenn man so will, unter seine Fittiche", sagt Somaly. "Er verprügelte mich, vergewaltigte mich und sperrte mich in einem Zimmer ein." Vergewaltigt wird sie auch später immer wieder, sie nimmt das bald hin wie einen normalen Umgang zwischen Mann und Frau: "Ich wartete darauf, dass sie fertig waren." Und sie hasst sich selbst dafür. Irgendwann scheint es ihr, als gebe es kein Entkommen für ein Mädchen für sie, als sei es ihre Bestimmung, ganz unten zu sein.

Eine Odyssee aus Weglaufen und Neuanfängen folgt. Ein Zuhälter füttert sie mit lebenden Maden, sie kribbeln im Hals. Somaly hat Angst, dass ihr jemand die Viecher ins Ohr setzen könnte und die sich in ihr Gehirn fressen. Dieses Bild lässt sie nicht los. Als sie in Europa später Schnecken im Garten sieht, schläft Somaly vor Angst in Mütze und Handschuhen. Einmal versucht sie, sich umzubringen. Sie trinkt ein Fläschchen Schlafmittel aus. "Aber am nächsten Morgen war ich nicht tot, sondern hing am Tropf", schreibt Somaly. "Der Stationspfleger erging sich in den wüstesten Beschimpfungen."

"Ich kann niemandem vertrauen"

Es ist schwer, Somalys Geschichte mit der Frau zusammenzubringen, die sie heute ist. Sie empfängt im Büro ihrer Hilfsorganisation Afesip, die sich im Zentrum von Phnom Penh um ehemalige Zwangsprostituierte kümmert. Somaly Mam, 35, ist eine schöne Frau, mit ernsten Augen und einem strahlenden Lächeln. Sie trägt eine Seidenbluse und einen schwarzen Anzug, überhaupt liebt sie elegante Kleider und große Auftritte, sie duckt sich nicht weg. Somaly Mam sagt auch gerne, wo es lang geht. Sie entscheidet viel und schnell und manchmal alles neu. Bei Afesip ist sie Manager, Geschäftsführer und Präsident in einem, der unumstrittene Boss. Nie wieder, sagt sie, möchte sie fremdbestimmt sein. Aber Somaly Mam sagt nicht gerne, was sie wirklich denkt. Sie lässt niemanden an sich heran. Ein bisschen, so denkt man, spielt sie sich stark. "Ich kann niemandem vertrauen", sagt sie einmal. "Ich verstecke mich."

Somaly Mam, die ehemalige Kinderprostituierte, ist heute die berühmteste Frau Kambodschas und längst auch international bekannt. Sie wurde für ihre humanitäre Arbeit von der spanischen Königin geehrt und trug bei der Eröffnung der Olympischen Spiele in Turin eine der acht Olympischen Flaggen, neben den Schauspielerinnen Sophia Loren und Susan Sarandon und der Schriftstellerin Isabelle Allende. Am Montagabend wird sie auch in Deutschland geehrt: In Berlin erhält sie den Roland-Berger-Preis für Menschenwürde, übergeben wird er von Bundespräsident Horst Köhler. Mams Hilfsorganisation Afesip sammelt in Westeuropa jedes Jahr mehr als eine Million Dollar Spenden ein. Somalys Autobiographie, die dieser Tage auf Deutsch erscheint (Somaly Mam: Das Schweigen der Unschuld. Mein Weg aus der Kinderprostitution und der Kampf gegen die Sexmafia in Asien. Marion von Schröder Verlag, 18 Euro) stand in Frankreich zehn Wochen lang auf der Bestsellerliste. Das Buch wird nun auch ins Englische, Niederländische, Spanische, Italienische, Schwedische und Japanische übersetzt.

"In Asien schweigt man"

In Kambodscha kann es nicht erscheinen. "In Asien", sagt Somaly Mam, "schweigt man". Es muss auch Somaly geschmerzt haben, ihr Leben so offen aufzuschlagen. Freunde haben sie gewarnt. "Dein Land wird Dich verstoßen", sagt ein Onkel. Nicht einmal ihr Ehemann kannte ihre Geschichte. Aber das Buch kann auch deshalb nicht erscheinen, weil sich vieles nicht verändert hat in den vergangenen zwanzig Jahren.

Kambodscha ist ein schönes Land. Urlauber schwärmen von langen Sandstränden und kleinen Inseln in kristallklarem Wasser, von einem Land, so märchenhaft wie Thailand, bevor die Touristenmassen kamen. Dichte Dschungel erstrecken sich im Osten, und Angkor Wat in der Stadt Siem Reap gilt als eine der mächtigsten und schönsten Tempelanlagen der Welt.

Aber Kambodscha ist auch ein zerrüttetes Land. Vier Jahre lang dauerte die Terrorherrschaft der Roten Khmer in den 70er Jahren, fast zwei Millionen Menschen verloren damals ihr Leben. Fast jede Familie beklagt Opfer. Folter, Hunger, Zwangsarbeit und Vertreibung traumatisierten die Überlebenden. Niemand räumte je die Erinnerungen auf. Niemand richtete über die Täter. Ein Tribunal hat es bis heute nicht gegeben. Das Land versucht sich im Vergessen, und seine Wurzeln vergisst es gleich mit.

Phnom Penh, die Hauptstadt, ist das Geschäftszentrum Kambodschas. Zu kaufen ist alles. An der Uferstraße des Mekong verscherbeln zehnjährige Mädchen Blumen, Bücher und sich selbst. Die Jungs polieren Schuhe und bieten sich danach den Männern an. Pizzerien haben auch die "Happy" im Angebot, mit Marihuana belegt. Motorrad-Rikscha-Fahrer zeigen Touristen, wo sie junge Prostituierte billig finden können. Und die Vertreter von Hilfsorganisationen erzählen, wie sie die Polizei-Abteilung bestechen, die gegen Menschenhandel kämpfen soll: Sonst, berichten sie, rückt sie gar nicht erst aus. Manchmal, sagt Somaly Mam, kann sie das Leben in Phnom Pehn kaum ertragen. Weil sie die Mädchen nicht mehr sehen kann, die so leben wie Cheing Pisey.

Die Eltern fragen nicht, die Mädchen sagen nichts

Wer Cheing besuchen will, muss am Müll vorbei. Er stapelt sich in den Gassen, auf den Trampelpfaden, zwischen Holzhütten und zerbeultem Blech. Die Siedlung liegt im Zentrum von Phnom Penh, doch kein Tourist verirrt sich hierher. Es stinkt faulig. Wenn Regen fällt, versinkt alles im Schlamm. Mittendrin ist Cheing zuhause. In einem Verschlag aus Brettern, mit einem Holzbett und ein paar Fotos an der Wand. Cheing ist 18 Jahre alt und sieht aus wie 14. Tags trägt sie einen gelben Schlafanzug mit Rüschen. Am Abend sieht sie fast wie verkleidet aus. Sie schminkt sich das Gesicht weiß, denn Kambodschaner lieben helle Haut. Sie trägt enge Jeans und ein kurzes Hemd. Seit drei Jahren schafft Cheing im zentralen Park an. Sie verdient das Geld für ihre Mutter im Dorf. Sie kostet die Männer nicht einmal einen Dollar.

Der Bruder und die Schwägerin brachten Cheing aus dem Dorf hierher. Es war eine lange Reise. Cheing hatte keine Ahnung, was sie in der Stadt tun sollte. Der Bruder mietete das Zimmer, ließ die Schwester da und reiste ab. Sie hätte natürlich auch eine andere Arbeit finden können. Aber andere Arbeit gibt es nicht für Mädchen, die in diesem Slum wohnen. Die Mutter weiß noch immer nicht, wie die Tochter in Phnom Penh das Geld verdient. Das behauptet die Mutter. Das behauptet Cheing. Dasselbe behaupten auch alle Freundinnen Cheings über deren Eltern. Dabei reisen manche sogar wöchentlich an, um den Lohn der Töchter abzukassieren. Sie fragen nicht, die Mädchen reden nicht. Sie schämen sich nur und fühlen sich schuldig.

Kambodscha gilt Sextouristen als gutes Ziel

Die Arbeit im Park ist gefährlich, sagt Cheing. Oft bringen Männer die Mädchen vom Park in Hotelzimmer, dort warten Dutzende und vergewaltigen sie. "Gang Rape" sagt Cheing dazu, es ist fast jeder Prostituierten schon passiert. Cheing ist sogar mit Waffen bedroht worden, sie wurde auch geschlagen und ausgeraubt. An der Wand in Cheings Verschlag hängt ein Babybild. Es ist ihr Neffe. Das hat ihr der Bruder geschenkt, der sie herbrachte. Cheing wünscht sich kein Kind. Sie will keine Familie. Weil man sich nicht wünschen soll, sagt sie, was man nie bekommen wird.

Cheing hat sich auch schon an Touristen verkauft. Es hat sich herumgesprochen, dass Kambodscha ein gutes Ziel für Sextouristen ist. Die Polizei gilt als korrupt: Selbst wer mit Kindern erwischt wird, bleibt selten länger als einen Monat im Gefängnis. Die Kinderprostitution gab es schon, bevor die Ausländer kamen. Sex mit Jungfrauen, glauben viele Männer in Kambodscha, bringt Erfolg im Geschäftsleben und Glück. Manche glauben gar, er manche unsterblich. Oft lassen Zuhälter die Mädchen mehrmals zunähen, um sie noch einmal zu verkaufen.

Auch Lorn Lyna, genannt Lilli, war so ein Mädchen. Ihre Mutter verkauft sie, da ist sie 9 Jahre alt. 1500 Baht, 40 Euro, kostet Lilli in Poipet, der Grenzstadt zu Thailand. Ein Mann nimmt sie mit, bringt sie nach Pattaya, die Touristenhochburg am Golf von Siam. Lilli muss Kaugummi verkaufen. Sie verdient nichts dabei. Nachts schläft sie in einem großen Zimmer, zusammen mit vielen anderen Kindern, die als Ware hierher kamen, wie sie.

Lilli ist 16 Jahre alt, da interessiert sich ein deutscher Tourist für sie. Lillis Besitzer arrangiert ein Rendezvous zwischen dem Mann und dem Kind. Das Zimmer ist leer, Lilli soll sich auf den Boden legen. Sie weint. Der Fremde streichelt sie. Da springt sie auf, reißt die Tür auf und läuft weg. So erzählt sie es jedenfalls. Sie will endlich eigenes Geld verdienen. Da wird alles noch schlimmer. Sie lernt eine Thailänderin kennen, die gehört hat, in Malaysia gebe es Arbeit. Zusammen wollen sie die Reise wagen. Ein Mann verspricht wunderbare Dinge, und Lilli, die keine Ahnung hat, fährt mit. Als sie ankommt, bringt der Mann sie in ein Bordell. Dort soll sie die Fahrtkosten abbezahlen. Tränen fließen, wenn sie von Malaysia spricht. Sie posierte in Unterwäsche. Am BH klebte eine Nummer. Die Fenster waren zugeklebt, kein Mädchen durfte nach draußen. "Die Männer waren so schwer", sagt Lilli. "Es tat weh. Ich musste warten, bis sie fertig waren. Ich habe geweint, aber sie durften es nicht sehen. Sie sollten wiederkommen, damit ich mein Geld bekam."

Lilli verkauft ihr Baby für 40 Euro

Als Lilli nach Jahren nach Kambodscha zurückkommt, ist die Mutter gerade ein paar Wochen tot. Lilli bricht zusammen. Fühlt sich schuldig. "Sie war krank", sagt Lilli, "und ich konnte ihr nicht helfen." Nun denkt Lilli, sie muss die Geschwister versorgen. Wieder verkauft sie sich. Sie wird schwanger. Ein Mädchen kommt auf die Welt, aber Lilli hat ja keine Ahnung, dass man ein Kind auch lieben kann. Sie verkauft das Baby für 1500 Baht, 40 Euro. Genauso viel hatte die Mutter auch für sie bekommen. Nichts stimmt in Lillis Welt. Niemals sorgen Eltern für Kinder, immer ist es umgekehrt.

Heute lebt Lilli, 22, in einem Frauenhaus für ehemalige Prostituierte, das Afesip, die Organisation von Somaly Mam, betreut. Vier gibt es davon in Kambodscha. Dort können die Mädchen einen Beruf erlernen, meist nähen sie oder weben Stoff. Aber Lilli fühlt sich nicht gut dort. Sie möchte sich um den Bruder kümmern, der bei der Großmutter lebt. Viele der Mädchen wollen den Job auf der Straße, in den Parks und Bretterverschlägen gar nicht erst aufgeben. Sie fühlen sich schuldig, wenn sie die Familie nicht versorgen. "Wir müssen ihnen beibringen, an sich zu denken", sagt Somaly Mam. "Und viele denken, dass sie sowieso nichts mehr werden können." Auch wenn Somaly noch so oft vorbei kommt, um ihnen zu zeigen, dass es ein Leben nach der Hölle gibt.

Somaly hatte sich nach acht Jahren Bordell überlegt, dass sie eigentlich nur zwei Möglichkeiten hat: "Entweder ich bringe mich um, oder ich tue mich mit einem Weißen zusammen, einem barang." Sie lernt Pierre Legros kennen, einen Franzosen. Der lebt in Phnom Penh, spricht Khmer und hat viele Ideen und sehr viel Energie. Aber ihre Geschichte, so scheint es, steckt von Anfang an voller Missverständnisse. Erzählt er davon, spricht er von leidenschaftlicher Liebe. Schreibt sie von Pierre, geht es eher um ihre letzte Chance. Als er sie mitnehmen will nach Frankreich, denkt sie, er wolle sie dort in ein Bordell verkaufen.

Schließlich ziehen sie doch nach Frankreich und später wieder nach Kambodscha zurück. Zusammen bauen sie Afesip auf, die Hilfsorganisation. Es ist ein voller Erfolg. Bald arbeiten über 140 Menschen für Afesip. Fernsehreporter kommen, Somaly reist um die Welt. "Es ging so schnell, dass uns schwindelig wurde", erzählt Pierre. Sie eröffnen Büros in Frankreich, Spanien und den USA. Auch das Buch ist Pierres Idee. Er träumt schon davon, dass Somaly eines Tages den Nobelpreis bekommt. Doch die Ehe zerbricht. Weil Somaly an ihrer Vergangenheit längst zerbrochen ist, sagt Pierre. Weil sie nicht mehr mit einem Mann leben möchte, sagt Somaly. Weil eine solche Geschichte nicht einfach Ruhe gibt. Sie sind heute bitter verfeindet.

Im Schlaf sieht Somaly Mam Schlangen

Somaly sagt, dass sie Alpträume hat: im Schlaf sieht sie Schlangen, die sich über ihr winden. Sie liebt Parfüms, weil sie glaubt, der Geruch aus den Bordellen haftet immer noch an ihr. "Die Freier stanken", schreibt Somaly. "In den Bordellen werden die Matten nur selten ausgetauscht, sie sind voller Sperma." Früher versuchte sie ihrem Mann zu erklären, wie es ist, sich schmutzig zu fühlen. Sein Trost beruhigte sie nie. Sie verstand, dass er niemals verstehen wird. Dass sie mit diesem Gefühl immer alleine bleibt. Pierre vermutet, sie könne niemanden lieben. Schon gar nicht sich selbst. Somaly hat auch Angst, sie ist oft von Zuhältern bedroht worden, seit sie die Hilfsorganisation gegründet hat. Stets sind Bodyguards bei ihr, und Somaly ist bis heute nicht gerne alleine. Ihr Bungalow mit Garten liegt hinter einem großen Tor, als panzere sie sich ab. Meistens sieht man sie in großer Gesellschaft, mit Fahrern, Personal, Assistenten und ihren beiden Kindern Adana, 10, und Nicolai, 3. Oft wirkt sie angespannt, fast wie gehetzt. "Du willst sterben, hast aber nicht das, Recht tot zu sein", schreibt sie im Buch. "Du willst verschwinden, doch es geht nicht."

Manchmal fährt Somaly Mam in ein kleines Dorf, unweit der Stadt Kampong Cham, zwei Stunden von der Hauptstadt entfernt. Dort steht, nicht weit vom Ufer des Mekong entfernt, ein schönes Haus mit Garten, mit Schaukeln, Schlafplätzen und Webstühlen. 44 Kinder wohnen dort, und die meisten von ihnen haben irgendwo in Kambodscha in Bordellen gearbeitet. Das jüngste von ihnen war sechs, als es in das Schutzhaus kam. Oft empörten sich die Eltern und wollten ihre Kinder wieder haben. Sie verdienten ja plötzlich kein Geld mehr.

Wenn Somaly kommt, rennen die Mädchen vor Freude nach draußen. Sie klammern sich an ihre Beine, Somaly lacht und streichelt Köpfe, sie kennt jeden Namen und jede Geschichte. Wie eine Geburtstagsfeier sieht das fröhliche Treffen aus, und Somaly wirkt ganz kurz fast glücklich. Vielleicht vergisst sie für einen Moment, dass das Schutzhaus für die meisten Mädchen nur ein Schutz für kurze Zeit ist. Und vielleicht vergisst sie sogar, dass sie in diesem Dorf vor Jahren Petroleum kaufen wollte. Es ist das Dorf, in dem sie zum ersten Mal vergewaltigt wurde. Als sie selbst Kind war.


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