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Amerikas großes Naturschutzprojekt Wie geht es dem Yellowstone-Nationalpark?

Grand Canyon im Yellowstone-Park
Der Grand Canyon im Yellowstone-Park: Bilder wie dieses bewegten den US-Kongress 1872 zu einer kleinen Revolution: der Gründung des ersten Nationalparks der Welt.
© Michael Nichols/National Geographic
Der Yellowstone-Nationalpark war der erste Nationalpark der Welt. Vor mehr als 140 Jahren wollte der Mensch mit seiner Schaffung wieder Frieden mit der Natur schließen. Und wie geht es dem Yellowstone-Nationalpark heute?
Von David Quammen

Vor Tausenden Jahren kamen die ersten Menschen, entfernte Vorfahren der Tukudeka, Bannock, Crow und anderer indianischer Völker. Als Nomaden zogen sie über das Yellowstone-Plateau, um sich mit Nahrung und Tierfellen zu versorgen. Zwischen 1869 und 1871 erreichten drei verschiedene, aus weißen Städtern und Soldaten bestehende Expeditionen die Region. Die Teilnehmer waren beeindruckt, besonders von den Geysiren, dem tiefen Flusscanyon und den beiden riesigen Wasserfällen.

An der Expedition von 1870 nahm auch Walter Trumbull teil. Das Yellowstone-Plateau, so schrieb er in einem Zeitschriftenartikel, sei als Schafweide geeignet; außerdem erkannte er dessen touristisches Potenzial: „Wenn (...) durch die Northern Pacific Railroad die Yellowstone-Wasserfälle und das Geysirbecken leicht zu erreichen sind, wird es wahrscheinlich keinen beliebteren Bade- oder Sommerferienort in Amerika geben.“

Der erste Nationalpark

Obwohl er selbst kein überzeugter Naturschützer war, unterzeichnete Präsident Ulysses S. Grant am 1. März 1872 das Gesetz zur Gründung des ersten Nationalparks der Welt. Der Text sah „einen öffentlichen Park oder ein Erholungsgebiet zum Nutzen und zum Vergnügen des Volkes“ vor. Yellowstone entstand als Kopfgeburt, ohne eindeutigen Zweck, ohne Mitarbeiter und ohne Etat. Bald herrschte Chaos, und kommerzielle Jäger feierten ein großes Schlachtfest: Sie erlegten Wapitis, Bisons, Dickhornschafe und andere Paarhufer in rauen Mengen.

Besonders berüchtigt: die Bottler-Brüder. Anfang 1875 sollen sie in der Nähe der Mammoth Hot Springs rund 2000 Wapitis getötet haben. Unter Naturschutz verstand man vor 100 Jahren noch etwas anderes als heute. Neben den Geysiren und Canyons genossen nur „harmlose“ Lebewesen Schutz, also zum Beispiel das Wild, das bei Jägern begehrt war, oder die Fische, die Angler anzogen.

500 Wölfe im Yellowstone

Raubtiere und andere „schädliche“ Lebewesen dagegen wurden im Yellowstone bis weit in unsere Zeit gnadenlos abgeschossen, in Fallen gefangen oder vergiftet. Die Wolfsjagd endete erst, als keine Wölfe mehr existierten, und zwar nicht nur im Yellowstone-Park, sondern überall im Westen der Vereinigten Staaten.

Der Geysir Old Faithful beim Ausbruch
Old Faithful, der Zuverlässige, gibt den Takt vor. Der Geysir schießt alle 60 bis 110 Minuten eine Fontäne aus Dampf und heißem Wasser in die Höhe. Manchmal bis zu 56 Meter hoch. Im Sommer füllt und leert sich der nahe gelegene Parkplatz etwa im selben Rhythmus. Der Albtraum aller Parkleiter? Dass Old Faithful während ihrer Amtszeit versiegt.
© Michael Nichols/National Geographic

Solche Sünden und Exzesse gehören der Vergangenheit an. Seit dem Ende des 20. Jahrhunderts wird der Nationalpark als ganzheitliches Projekt verstanden. 1995 und 1996 – gut 70 Jahre nachdem der letzte Wolf im Park zum letzten Mal geheult hatte – wurden insgesamt 31 Wölfe aus Westkanada importiert und im Yellowstone freigelassen. Sie nahmen ihr neues Zuhause in Besitz und fühlten sich darin so wohl, dass sie sich in der gesamten Region ausbreiteten. Heute, 20 Jahre später, leben im Größeren Yellowstone-Ökosystem etwa 500 Wölfe.

Das Ende der Bärenjagd

Wild, das sollen auch die Grizzlybären im Yellowstone bleiben – obwohl der Mensch lange Zeit genau das Gegenteil erreichen wollte. Bis weit ins 20. Jahrhundert hinein bekamen die Grizzlys Futter von den Touristen. Sie durften auch Abfälle von Müllhalden in der Nähe der Parkhotels fressen. Man ging davon aus, dass sie auf diese Weise „zahm“ werden und sich leichter beobachten lassen würden - bis im Glacier-Nationalpark in Montana zwei Menschen unabhängig voneinander durch Grizzlys zu Tode kamen.

Bär mit Raben im  Grand-Teton-Nationalpark
Im benachbarten Grand-Teton-Nationalpark streitet sich ein Bär mit Raben um einen toten Bison. Grizzlys breiten sich hier wieder aus; die Yellowstone-Region ist zum Teil wilder als vor hundert Jahren.
© Charlie Hamilton James/National Geographic

In der Folge wurden alle Müllplätze in Yellowstone geschlossen. Zurück blieben hungrige Bären, die sich nun nicht mehr an den Müllbuffets bedienen konnten. Sie suchten in der Nähe von Menschen nach Futter, wurden eingefangen oder erlegt. Der Bestand schrumpfte dramatisch, bis man die Zahl der Grizzlys im gesamten Ökosystem nur noch auf rund 140 Exemplare schätzte.

Doch das Jahr 1975 brachte die Wende: Alle 48 Kontinentalbundesstaaten der USA stuften die Bären als bedrohte Art ein. Die Bärenjagd hatte ein Ende, zumindest als gesetzlich erlaubter Sport im größeren Yellowstone-Ökosystem. Der Nationalpark erließ darüber hinaus neue Vorschriften zum Schutz der Menschen vor den Bären und umgekehrt. Die Tiere sollten sich weiter an ihre natürliche Nahrung gewöhnen, die sie nach der Schließung der Müllplätze wiederentdeckt hatten. Der Bestand erholt sich. Es streifen wieder mehr Bären durch den Nationalpark, sie lassen sich sogar in Randzonen des Ökosystems beobachten, aus denen sie jahrzehntelang verschwunden waren.

Sicher ist: Der Yellowstone ist wieder zu einem Zufluchtsort für wilde Tiere geworden. Der Wolf ist zurück. Der Grizzly hat sich erholt. Der Bison stand kurz vor dem Aussterben; heute vermehrt er sich so stark, dass er in Gebiete außerhalb des Parks drängt. Es gibt viele Wapitis, aber nicht mehr eine solche Schwemme wie damals, als es keine Wölfe gab, die sie jagten. Man kann sagen: Dem Park geht es gut.

Gekürzte Fassung aus "National Geographic Deutschland", Ausgabe Mai 2016, www.nationalgeographic.de


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