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Nationalparks in den USA: Trotz Trump - Amerika ist ein schönes Land

Die Nationalparks in den USA können süchtig machen - so viel Natur ist einzigartig. Eine persönliche Entdeckungsreise zu den Naturwundern der Vereinigten Staaten. 

Auf dem halben Weg des South Kaibab Trail am Grand Canyon in Arizona

Auf dem halben Weg des South Kaibab Trail am Grand Canyon in Arizona

Vor dem Abstieg in den Grand Canyon erteilt der Ranger erst einmal eine Lektion wie man die Tour übersteht.

"Der South Kaibab Trail ist steil. Zwölf Kilometer lang. Er führt dich 1500 Meter in die Tiefe. Versuch' erst gar nicht, an einem Tag hinunter und wieder herauf zu kommen. Es hat schon Tote gegeben. Okay?"

"Okay."

"Geh' früh los. Es wird heiß. Nimm' vier Liter Wasser mit. Okay?

"Okay."

Es ist noch dunkel am nächsten Morgen. Über Nacht legte sich pudriger Schnee auf die Kakteen am Wegesrand. Doch mit jedem Schritt nach unten wird die weiße Kruste dünner. Es wird wärmer, dampfiger. Im Osten zeigt sich ein erster violetter Schimmer. Die Sonne geht auf.

Dann glaubt man, den Talgrund zu erkennen. Fransige Nebel hängen darüber. Doch schon offenbart der nächste Blick, es geht noch viel tiefer. Da ist noch eine Felsstufe. Und noch eine. Irgendwann an diesem Tag werden wir dort unten ankommen, wo sich der reißende Colorado durch die Schlucht wälzt. 

Grand Canyon: Sieben Stunden bergab wandern

Ein Felsbrocken klackert nicht weit entfernt in die Tiefe. Vielleicht wurde er von einem Bighornschaf oder einem Berglöwen losgetreten. Dann ist es wieder still. Ein schwarzer Skorpion krabbelt unter einem Stein hervor und wärmt sich in der Morgensonne. Man würde gern stundenlang schauen, aber der Weg ist noch weit und die Sonne gewinnt rasch an Kraft. Unten im Canyon steigt das Thermometer am Mittag auf 45 Grad Celsius.

Von Bryce Canyon bis Zion National Park: Tipps für die zehn schönsten Nationalparks der USA
Grand Canyon

Grand Canyon

Phantom Ranch

Abstieg über den South Kaibab Trail und Rückweg über den Bright Angel Trail. Man braucht dafür zwei Tage. Die Tour ist technisch nicht schwierig, aber lang und wegen der hohen Temperaturen im Canyon sehr anstrengend. Viel Wasser einpacken!

Übernachtet wird auf der Phantom Ranch - entweder im Zelt oder 10-Bett-Zimmer. Sehr früh reservieren, bis zu einem Jahr im Voraus.

Infos: www.grandcanyonlodges.com/lodging/phantom-ranch

Rad fahren am Abgrund

Asphaltierte Straßen und Wege führen am Canyon-Rand entlang. Mountainbikes und Cruiser gibt es an der South Rim zum Ausleihen, auch für Kinder. Besonders schön ist die Fahrt vom Besucherzentrum nach Hermits Rest. Die Straße ist für Autos gesperrt.

Infos: http://bikegrandcanyon.com

Grand Canyon Railway

Reisen wie im wilden Westen. Ein restaurierter Zug (Diesel- oder Dampflok) fährt vom Städtchen Williams 50 Kilometer direkt an die Schlucht im Nationalpark. Auf dem Rückweg wird der Zug von Posträubern überfallen. Eine große Show, vor allem für Kinder.

Infos: www.thetrain.com

Jeder weitere Schritt führt hinab in noch ältere Erdschichten - Kalkstein, Sandstein, Schiefer, Gneis und Granit - immer tiefer. Die Erdgeschichte zieht im Schritttempo vorbei. Das im Grand Canyon abgelagerte Gestein entstand in Sümpfen, Wüsten und tropischen Meeren. Es ist unfassbar und gleichzeitig sind die versteinerten Zeugen, wie Krebse, Schwämme, Farne und Algen, aus vergangenen Jahrmillionen zum Greifen nah. Das älteste Gestein am Canyongrund ist 1,7 Milliarden Jahre alt.

Sieben Stunden ging es immer nur bergab. Nun führt ein flacher Pfad am Colorado entlang zur Phantom Ranch, eine Ranger Station und ein paar Bruchsteinhütten. Hier bleiben wir über Nacht. Geschlafen wird in Stockbetten, zu zehnt in einem Raum. Männer und Frauen getrennt.

Nationalparks in Amerika sind besondere Orte

Ob im spektakulären Grand Canyon oder in den endlosen Graslandschaften der Badlands. Sie entschleunigen und entspannen. Sie bieten so viel Natur, dass einem der Atem stockt. Sie überwältigen. Sie können süchtig machen.

Warnung vor dem Abstieg in die Tiefe des Grand Canyon

Warnung vor dem Abstieg in die Tiefe des Grand Canyon


In den Parks öffnen sich Tore in eine nahezu unberührte Natur. Eine noch heile Welt, in der man staunen darf. Über Steine, die vom Anfang unserer Zeit zeugen. Über Agaven, die an einem Tag 25 Zentimeter in die Höhe wachsen und nur einmal in ihrem Leben blühen. Über Farben, wie sie nur der Chemiebaukasten unserer Erde mixen kann.

Seit vielen Jahren bereisen wir diese Schutzgebiete, von den Grassümpfen der Everglades im Süden bis zu den Gletschern im Norden des amerikanischen Kontinents. Es gibt 59 Nationalparks in den 50 Bundesstaaten. Fast alle haben wir gesehen. Die versteinerten Wälder in Arizona, die Mammutbäume Kaliforniens, die Felsmonolithen im Yosemite-Tal, die wandernden Dünen in Colorado, die letzten Regenwälder am Pazifik oder die rote Steilküste von Arcadia am Atlantik. Und natürlich die zwei berühmtesten Parks: Grand Canyon und Yellowstone. Es sind epische Landschaften, jede einzigartig, alle atemberaubend.

Nationalparks als Volkseigentum

Ausgerechnet die USA, das Land das den Kapitalismus und die Ausbeutung der Natur auf die Spitze treibt, stellt ganze Landstriche unter radikalen Schutz. Insgesamt eine Fläche so groß wie ganz Deutschland.

Wie schaffen die Amerikaner das bloß? Wie gelingt es, in einer von Gier getriebenen Nation, die Parks zu erhalten? In einem Land, in dem Berge enthauptet werden, um an die darunter liegenden Kohle zu kommen. In dem mit Donald Trump ein Präsident gewählt wurde, der ohne Rücksicht auf die Umwelt Gas und Öl aus den letzten Poren der Erde herauspressen lässt. Warum stehen nicht längst Luxus-Resorts am Rande des Grand Canyon oder an den heißen Quellen im Yellowstone?

Die Antwort ist überraschend simpel: Das Volk will es nicht. Selbst in den USA ist nicht alles käuflich. Die Amerikaner haben mit Sozialismus nun wirklich nichts am Hut. Aber ihre Nationalparks sind echtes Volkseigentum. Dort kann sich niemand mit Geld oder Einfluss einen Logenplatz erkaufen. Das strikte Bauverbot gilt für alle. Keine Villen, keine Ferienhäuser, kein Privatbesitz.

Unzählige Male hörten wir auf unseren Reisen Sätze wie diese: "Das sind unsere Parks". "Das Land gehört uns, dem Volk, den Bürgern." Auch die freie Marktwirtschaft ist im Park eingeschränkt. Wer im Nationalpark etwas verkaufen will, muss Qualität und Preis von der Parkleitung genehmigen lassen. 

Der erste Nationalpark entsteht

Im Hotel El Tovar am Grand Canyon zum Beispiel kosten ein Hamburger 15 Dollar. Aber das Essen wird von Kellern im Frack serviert. Gegessen wird mit Silberbesteck an weiß gedeckten Tischen. Auf freie Tische, muss man bisweilen warten. Selbst Beatles-Star Sir Paul McCartney sah man schon in der Schlange stehen. Und als er abends in der Hotelhalle noch ein wenig länger als erlaubt Klavier spielen wollte, musste er erst alle Gäste um Erlaubnis fragen. Demokratie pur.

Mehr Besucher denn je strömen in die Nationalparks. 325 Millionen kamen im vergangenen Jahr. Ein neuer Rekord. Noch einen Satz hörten wir oft auf unseren Reisen: "Die Nationalparks sind Amerikas beste Idee." Es dauerte freilich ein Weilchen, bis sich diese Sichtweise durchsetzen konnte.

Um den ersten Nationalpark Amerikas, den Yellowstone, wurde noch vor gut 130 Jahren mit Waffen gekämpft. Jäger und Forscher hatten um 1860 von unglaublichen Naturwundern in einer schwer zugänglichen Region im Norden des Landes berichtet.

Der Abenteurer Jim Bridger zum Beispiel erzählte, wie er in einem See Forellen fing und die Fische dann gleich im kochend heißen Wasser einer nahen Quelle zubereitet habe. Keiner glaubte ihm. Zeitungen weigerten sich, solche Berichte zu veröffentlichen, mit der Begründung: "Wir drucken keine ausgedachten Geschichten."

Dann tauchten die ersten Landschaftsgemälde und Fotos aus dem Yellowstone-Tal auf. Sie zeigten ein unberührtes Wunderland, Geysire, aus denen meterhohe Heißwasserfontänen schossen und riesige Büffelherden.

Eine Stampede der Gier brach los

Rancher trieben ihre Rinder ins Land. Jäger meuchelten die Büffel. Die Köpfe der Tiere waren begehrte Trophäen, die damals tausend Dollar brachten. Eisenbahnbarone witterten das neue Geschäft mit Touristen. Hotels wurden gebaut. Wäsche waschen im Geysir wurde zur Attraktion. Frauen warfen schmutzige Bettlaken in die heißen Quellen. Brachen die Geysire aus, flogen sie im hohen Bogen und sauber wie nie zuvor wieder heraus. Die Natur wurde überrannt. Die Büffel standen vor der Ausrottung. Die ersten Naturschützer schlugen Alarm.

Der Kongress in Washington schickte schließlich die Kavallerie. General Philip Sheridan, der kein Freund von Unternehmern war, versprach: "Ich kann genügend Soldaten mobilisieren um Park und Wild zu schützen." Er hielt Wort. Am Nordeingang zum Park ließ er 1886 ein Fort bauen. Es steht noch heute. 

Ranger kümmern sich um Mensch und Natur

Für die Büffel kamen die Soldaten beinahe zu spät. Nur ein paar hundert Tiere überlebten die Hatz. Sie waren die letzten ihrer Art in ganz Amerika. Von ihnen stammen alle Büffelherden ab, die Touristen heute sehen können.

Auch die Schutztruppen sind geblieben. Seit 1916 heißen sie Ranger. Rund 22.000 sind in den Nationalparks stationiert. Eine Armee von über 220.000 freiwilligen Helfern unterstützt sie. Oft sind es Studenten oder Rentner. Im Yellowstone zum Beispiel arbeiten rund 800 Ranger und 500 Helfer. Es ist eine ganz besondere Schutztruppe. Die Frauen und Männer sind leidenschaftliche Wild-, Natur- und Menschenhüter zugleich. Die Ranger vereint ein Ziel, sie wollen die Natur den nächsten Generationen genau so übergeben, wie sie heute ist.

Yellowstone Nationalpark

Im Yellowstone Nationalpark: Bisons, Geysire und heiße Quellen


So wie Tom Schwartz. Er muss sich gleich um einen alten Büffel kümmern. Schwartz hat ihn am frühen Morgen im Lamar Valley entdeckt. Der Büffel ist bereits tot. Der Bauch ist aufgerissen. Wölfe waren daran. Auch ein Bär, wie die Bisswunden verraten. Der Kadaver liegt nah an einem Wanderpfad.

Schwartz geht zum Weg hinüber und sperrt großräumig mit gelbem Tatortband ab, um die Naturliebhaber vor den wilden Tieren zu schützen – und umgekehrt. In wenigen Tagen wird er die Absperrung wieder entfernen. Vielleicht liegen dann noch der abgenagte Schädel und ein paar Knochen herum. Ganz sicher ein Fotomotiv.

Yellowstone: 300 Geysire und 10.000 heiße Quellen

Der Besuch im Park soll wild, aber gefahrlos sein. Die Besucher sollen zu Hause auch von unvergesslichen Abenteuern und Entdeckungen berichten können. Oft ein schmaler Grad. Schwartz erzählt, was passiert, wenn es, wie neulich, schief läuft. Aus einem Mund klingt der Vorfall harmlos, er hätte tödlich enden können. "Touristen waren mit Kindern und Kameras aus ihren Autos gestiegen, und zwei Bärinnen mit ihren Jungen zu nahe gekommen." Es gab eine wilde Jagdszene, Bären verfolgen Menschen. Es ging glimpflich aus. Ihr Revier ist der ganze Park. Die Menschen sind hier nur zu Gast.

Wer sich richtig verhält, wird von der Natur belohnt. An unserem Zeltplatz fließt der kleine Firehole River vorbei. Man kann barfuß darin stehen. Aus Quellen im Bachbett strömt warmes Wasser. Ein paar hundert Meter entfernt fangen Grizzlys Fische.


Dank Rangern wie Tom Schwartz bleibt Yellowstone ein einmaliger Ort. Beschützt und doch ursprünglich. Oftmals unwirklich, wie eine Mondlandschaft mit kargen Böden. Dann wieder farbenprächtig, mit kleinen Tümpeln, in denen Bakterien Wasser in blau gelbe Kunstwerke verwandelt. 

Etwa 10.000 heiße Quellen, 300 Geysire und unzählige Schlammtöpfe gibt es. Alle werden angeheizt von einer 80 Kilometer langen und acht Kilometer tiefen unterirdischen Magmakammer, auf der der Park thront. Mehr als drei Millionen Besucher kommen jedes Jahr. Im Sommer sind es manchmal zu viele. Ein Büffel am Straßenrand und man steht im Stau, weil alle Fotos machen wollen. Aber niemand will den Zugang begrenzen. Die Nationalparks gehören dem Volk.

Olympic Peninsula: Der letzte Regenwald Nordamerikas

Vom Yellowstone führt unsere Reise 900 Kilometer in den Nordwesten. Ganz am Rand des Kontinents liegt Olympic, das dritte Ziel. Der Park ist viel ruhiger als Yellowstone, viel kleiner und vielleicht noch schöner. Der letzte Regenwald Nordamerikas überlebte hier.

Olympic gilt als Insidertipp unter den Nationalparks. An den Berghängen wachsen Sitka Fichten und Hemlocktannen. Viele sind mehr als 100 Jahre alt und bis zu 90 Metern hoch. Sprösslinge wachsen auf umgestürzten Stämmen. Wenn sie im Laufe der Jahre verrotten, stehen die Wurzeln der neuen Bäume wie auf Stelzen. Ein grünes Wunderland.

Durch den grünen Dschungel des Olympic National Park im Bundesstaat Washington

Durch den grünen Dschungel des Olympic National Park im Bundesstaat Washington


Auch Olympic entging nur knapp der Zerstörung. 23 Jahre dauerte der Kampf gegen die Holzindustrie, bis die Wälder am Pazifik 1938 zum Nationalpark ernannt wurden. Rundherum wird weiter Holz geerntet. Die Kahlschläge reichen bis an die Parkgrenzen heran.

Olympic ist ein einfacher Park. Ohne viel Trubel und Unterhaltung. Die Campingplätze und Lodges sind schlicht. Nichts soll von der Natur ablenken. Es gibt nur wenige Straßen. Das Hinterland muss man erwandern. Dann erschließt sich eine Welt voller Gegensätze. Der Regenwald reicht bis an die Steilküste des Pazifiks. Wie von Riesen hingeworfen liegen am Strand bleiche Baumstämme. Kilometerweit geht das so.

Finale im Grand Canyon

Grand Canyon, Yellowstone oder Olympic sind heute Vorbilder für Schutzgebiete auf der ganzen Welt. Ob in der Serengeti, in Patagonien oder im Schwarzwald. Sogar China kündigte an, ganze Landstriche nach US-Blaupause unter Schutz stellen zu wollen.

Das Finale dieser Geschichte gehört dem Grand Canyon. Er ist unser Star unter den Naturwundern.

Es wird Abend auf der Phantom Ranch. Am schmalen Ausschnitt des Himmels über dem Canyon zeigt sich als erstes die Venus. Wenig später gesellt sich der halbe Mond dazu. Viele Wanderer sitzen draußen. Rangerin Mandy Toy kommt dazu, stellt eine Öllampe unter einen nahen Baum und erzählt von gestern und morgen. Von Zeiten, als der Canyon noch zum Urkontinent Pangaea gehörte und davon, wie sich der Colorado noch heute immer tiefer in die Erdkruste gräbt. 400 bis 600 Meter sind in zig Millionen Jahren noch möglich. Dann wäre die Schlucht zwei Kilometer tief.

Eine Stunde lang hören alle zu. Keiner geht. Um 22 Uhr ist Licht aus.

Morgens um fünf wird an die Tür geklopft. Frühstück und Abmarsch zurück ins Leben da oben. Acht bis zehn Stunden dauert der Aufstieg. Manche lassen sich von Maultieren hinauf tragen. Das ist keine Schande.

Vor 100 Jahren übernachtete Präsident Theodore Roosevelt auf der Phantom Ranch. Er war einer der größten Kämpfer für die Nationalparks. Auch ihn beeindruckte der Grand Canyon tief. Roosevelt ließ die Schlucht unter Schutz stellen. Von ihm stammt auch der Satz, der zum Motto aller Nationalparks in den USA wurde: "Leave it, as it is" – "Lasst alles, wie es ist." Finger weg!

Was für eine großartige Idee.

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