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Golfen auf Mallorca: Unerwartetes Comeback

Die Greenfees überteuert, die Plätze lieblos gepflegt: Das Image Mallorcas ist unter Golfern bescheiden. Nun haben sagenhafte Plätze eröffnet. Geschichten eines Neuanfangs.

Von Joachim Rienhardt

Für seine Sommerresidenz hatte sich der Kaffeehändler Don Juan Frau ein ganz besonderes Fleckchen Erde ausgewählt. Erhaben steht der ockerfarbene Kolonialpalast auf einem Hügel inmitten des wellig ansteigenden Grünlandes, gut zehn Kilometer hinter der Inselhauptstadt Palma de Mallorca. Von Süden weht ein kühlendes Lüftchen vom nahen Meer, auf dem sich die Nachmittagssonne spiegelt. Im Norden zeichnen sich die Umrisse der schroffen Gebirgszüge von Tramuntana ab.

"Als ich das zum ersten Mal gesehen habe, wusste ich sofort, dass ich hier eine Bahn anlege. Das stand von Anfang an fest", sagt der Münchner Golfplatzarchitekt Thomas Himmel, dreifacher Deutscher Meister der Amateure. Er steckt sein Tee auf Abschlag 15 in den Boden, legt den Ball auf und gibt, bevor er ihn an dem Par 3 auf die 167 Meter lange Reise schickt, noch die Empfehlung: "Man darf nur nicht zu weit links anhalten. Die Bunker da sind richtig tief." Himmel schlägt etwas zu weit nach rechts, als fürchte er sich vor dem persönlich eingebauten Hindernis. Die 15 aber sei sein Lieblingsloch, sagt er. "Es liegt im Herzen des Kurses."

Der Golfplatz Son Gual rund um den Palacio des Kaffeehändlers Don Juan ist nicht nur das Meisterstück des deutschen Architekten Himmel. Sondern auch das Vorzeigeprojekt einer Handvoll neuer Plätze auf Mallorca, die die Insel inzwischen selbst für ambitionierte Golfer attraktiv macht. Bislang klagten die über zu teure Greenfees auf überfüllten und dazu schlecht gepflegten Plätzen. Allen voran Sportsfreund Adam Pamer, Son Guals Besitzer, der es auf seiner Lieblingsinsel seit Langem leid war, bei seinem Lieblingsspiel an jedem Loch warten zu müssen.

Winter ist Hauptsaison

"Standgolf ist nichts für mich. Da gehe ich lieber mit dem Hund spazieren", sagt Pamer. Vor zehn Jahren begann er, seinen Traum vom eigenen Platz, dem besten Mallorcas, in die Tat umzusetzen. Bei Baubeginn dachte er an eine Investition von 20 Millionen Mark. Daraus wurden 38 Millionen Euro. "Wir wollten es gleich richtig machen", sagt der Fensterfabrikant aus Ansbach in Franken. So ließ er in 35 Schiffen allein 70.000 Tonnen Sand vom Festland bringen, um auf gesandeten Fairways Weidegras pflanzen zu können, das auch bei Temperaturen unter 14 Grad nicht in Winterschlaf verfällt und braun wird wie auf den 22 anderen Plätzen der Insel.

"Winter ist nun mal Hauptsaison", sagt Pamer, gemeinsam mit seinem Architekten auf der Runde. Mit seinem Abschlag an der 15 landet er rechts in den Rebstöcken, dort, wo einmal der hauseigene Wein wachsen soll. "Wer spielt schon gerne auf einer braunen Wiese?" Der Platzherr darf an dem unbeweglichen Hemmnis straffrei weiterspielen und schafft noch ein Bogey. Pamer liebt das schnelle Spiel, manchmal braucht er nur gut zwei Stunden für eine Runde. Und wenn er Pausen wie jetzt einlegt, lohnt sich das: "Sollen wir uns kurz den Palast ansehen?"

Im Hof ist das Gehege für die Falken, die einmal am Tag auf Beuteflug ziehen dürfen, um Kaninchen zu jagen, die sonst die Anlage umgraben würden. Im Erdgeschoss war mal das Baubüro untergebracht. Von oben genießt man einen unvergesslichen Weitblick. Für den Architekten Himmel war der Auftrag eine Art Gottesgeschenk. "Salopp gesagt, war die einzige Vorgabe des Bauherrn, ein Inselgrün mit Palmen und einen Bach in den Kurs zu integrieren." Salopp gesagt: Auch sonst hatte Gott die Finger im Spiel. Denn als Don Juan Frau anno 1928 mitbekam, dass ihn seine Gattin mit dem örtlichen Pfarrer betrog, tötete er sich selbst, noch bevor er in den gerade fertigen Palast eingezogen war. Das Gebäude wurde nie bewohnt, das Gelände nie genutzt. "Wenn der Gutsbesitzer sich nicht erschossen hätte", sagt Pamer, "würde es diesen Platz heute niemals geben."

Himmlische Ruhe in Alcanada

Der Insel würde eine Perle unter den neuen Plätzen fehlen, von denen Alcanada im Norden der erste war, der in der Fachwelt für Aufsehen sorgte und im renommierten "Peugeot Golf Guide" immer noch als bester Kurs der Insel gelistet ist. Ein Juwel von einem Standort, an drei Seiten umrahmt von Bergen, in denen man Wildwestfilme drehen könnte. Von fast jeder Bahn blickt man aufs Meer, das hier in der Bucht von Alcudia wirkt wie ein gigantischer See. Dahinter erhebt sich das Felsgebirge von Arta, im Vordergrund immer die kleine Insel Alcanada mit dem Leuchtturm, die dem Platz den Namen gab.

Es ist eine Lage, die für einen Golfplatz auf Mallorca einzigartig ist: Zugang nur von einer Seite, über das Sträßchen, das am Parkplatz des Clubhauses endet. Was dahinter folgt, steht unter Naturund Denkmalschutz, kein Neubau weit und breit. Der Pro-Shop ist im ehemaligen Pferdestall untergebracht, die Ankleide im edel restaurierten Wasserspeicher, viele der Olivenbäume stehen schon seit 1000 Jahren hier. "Wir wollten das schlicht halten", sagt Federico Knuchel, der Clubpräsident, der im Auftrag des Eigners Hans-Peter Porsche das Projekt konzipierte. "Bei dem Platz ging es um die Hingabe zum Golf, um die Liebe zum Spiel. Alles, was wir erwirtschaften, wird wieder in den Platz gesteckt."

So hat der Salzburger Spross der Sportwagendynastie auch bei der Wahl des Architekten ganz oben angesetzt: der Amerikaner Robert Trent Jones Sr., der schon Spaniens berühmteste Golfwiese in Valderrama designte, war hier mit seinem Sohn am Werk. Höchstens mal das Tuten des Postschiffs ist zu hören, das gerade vom Hafen von Alcudia ablegt. Vom Felsstrand, wo Angler ihr Glück versuchen, ziehen sich die Bahnen über sanft geschwungenes Gelände hinauf bis zu dem steil ansteigenden Felsen des Formentor- Gebirges. Mal wirkt die Anlage wie ein schottischer Linkskurs, das Meer ganz nah, mal wie Parkland, mit vielen Bäumen, die im Lauf der Jahre vom Wind gebeugt wurden. "Der Architekt wollte das Thema der Wellen übernehmen und so viel Natur wie möglich erhalten", sagt Knuchel. Sogar die Hochspannungsleitung, die einst die Natur verschandelte, wurde unterirdisch verlegt.

Europas einzige Golfinsel

Knuchel stöhnt, als hätte er diese Arbeit selbst verrichtet. 13 Jahre seines Lebens hat ihn das Projekt gekostet. Mal schien es, als hätte er sämtliche Genehmigungen beisammen, dann ging es unter einer neuen Inselregierung wieder von Neuem los. Golfer sind zwar für die Verantwortlichen, die hochwertigen Tourismus anstreben, idealtypische Gäste, Leute, die Geld liegen lassen. "Aber für Lokalpolitiker ist es populär, sich gegen Golf auszusprechen, um sich als Anwalt des kleinen Mannes zu profilieren", sagt Präsident Knuchel. Entsprechend schwerfällig geht es auf den Ämtern voran. "Und immer kommt der Vorwurf vom unnötigen Trinkwasserverbrauch", sagt Knuchel. "Dabei darf man schon seit über einem Jahrzehnt nur mit Brauchwasser beregnen. Nur das weiß halt kein Mensch."

Sehr tief steckt die Angst der Insulaner vor zügelloser Bebauung. Natürlich nicht ganz zu Unrecht. "Meist war der Golfplatz nur Mittel zum Zweck, rund um die Anlage Immobilien zu entwickeln, ein Hühnerstall neben dem anderen", sagt auch Adam Pamer, der Mallorca seit 1964 kennt. "Kaum waren die verkauft, hat man in den Platz nichts mehr investiert." Dabei hätten die Plätze hier ganz besondere Pflege nötig. Das liegt allein schon am steinigen, lehmigen Boden und am Brauchwasser, mit dem beregnet wird. Vor allem jedoch an den extrem schwankenden Temperaturen, die von Frost bis zu 40 Grad plus reichen. "Aber warum sollten sie auch was tun?", fragt Pamer. "Die Leute kamen ja trotzdem." Vor allem aus Deutschland. Mallorca ist, abgesehen von Großbritannien, Europas einzige Golfinsel und gilt als beliebteste Urlaubsdestination für den Golfer aus Alemania, weil man schnell und günstig da ist und rund ums Jahr die Keule schwingen kann.

Leute mit Geld und mitunter großen Namen tun dies vornehmlich im Golfclub von Andratx. Franz Beckenbauer und Boris Becker sind Ehrenmitglied, genauso wie Claudia Schiffer. Immer näher schieben sich hier die Neubauten heran, meist schmalbrüstige Häuschen, die als Reihenvillen angeboten werden. Mitunter übertönt der Baulärm selbst das befriedigende Ballgeräusch eines gelungenen Abschlags. Dafür wird allerdings in Platzpflege investiert. Bei vielen älteren Kursen auf der Insel lässt sich das nicht behaupten, deren Potenzial mit Geld und gutem Willen leicht geweckt werden könnte. Doch die Zeiten der 70er Jahre, als junge Mallorquiner sich als Caddies um Kunden bemühten und alles getan wurde, um den Gast zu umschmeicheln, sind längst vorbei.

Die Lage könnte nicht besser sein

Die reich gewordenen Mallorquiner investierten ihr Geld sonstwo in der Welt. Auch Spanier vom Festland scheuen das Investment. Der Platz von Puntiró, designt durch die Firma der Golflegende Jack Nicklaus, ist der einzige unter den neuen, lohnenden Anlagen, deren Betreiber Spanier sind. Bezeichnend, dass die Münchner Arabella- Gruppe gerade ihren Platz von Muntaner redesignt und dazu noch in Son Quint ihren dritten 18-Loch-Patz eröffnet hat, um der Nachfrage nach hochwertigen Plätzen nachzukommen. Die Lage im sogenannten Beverly Hills von Palma könnte besser nicht sein. Schöner Blick auf die Stadt, kein schweres Terrain, aber es bringt Abwechslung zu den bekannten Bahnen und auch etwas Entlastung für die hochfrequentierten Plätze. Ein Ventil, für das der Platz des Fensterfabrikanten Adam Pamer noch lange nicht taugt.

Die Abschlagszeiten werden nur im 15-Minuten-Takt vergeben. Noch dürfen Greenfee-Spieler ohnehin nur zwischen 10 und 14 Uhr auf die Runde. Die Fairways sollen sich erst noch weiter senken, der Rasen soll besser verwachsen, erklärt der Hausherr. Er schafft ein Par an der 16. Doch die Wette gegen Architekt Himmel um die Getränkerechnung wird er nicht mehr gewinnen. Erwartet hat er es eh nicht.

Pamer genießt die letzten zwei Bahnen seines Platzes. Immer entlang dem Bach, der sich 1,8 Kilometer lang über den gesamten Kurs schlängelt. Er hat extra eine dritte Klärstufe einbauen lassen, weil sonst die Entsalzungsanlage nicht funktioniert. Und mit Salzwasser möchte er seine heiligen Rasen niemals beregnen. Ganz langsam, sagt Pamer, werde er den Spielbetrieb hochfahren. In Ruhe will er prüfen, wen er in den neu gegründeten Golfclub aufnimmt, als dessen Präsidentin seine Tochter fungiert. Mallorca-Fans können sich trotzdem schon freuen: Die Erweiterung auf 27 Loch ist genehmigt, der erste Abschlag bereits gebaut.

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