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Flüchtlinge, Arbeitslosigkeit und Digitale Nomaden "Für junge Leute ist es sehr schwer" – wie die Pandemie Gran Canaria verändert

Sehen Sie im Video: "Für junge Leute ist es sehr schwer" – Wie die Pandemie Gran Canaria verändert.




Linda Richter, stern-Reporterin:
„Der Ausnahemzustand in Spanien ist aufgehoben – die Coronakrise hat die Situation für die Urlaubsregion drastisch ändert. Gran Canaria gehört zu den Lieblingsinseln der Deutschen. 2019 kamen etwa 900.000 Urlauber im Jahr dorthin. Wie haben der Lockdown und die Pandemie die Insel verändert? Ich bin im April dort hingeflogen und habe mich vor Ort umgesehen.“ 




Die Kanaren sind weniger stark als Deutschland von der Pandemie betroffen. Derzeit liegt der Inzidenzwert bei 45 je 100.000 Einwohner und ist damit wieder unter der kritischen Marke von 50. 
Zur Zeit meines Besuchs im April waren die Werte zwar noch doppelt so hoch – lagen aber auch da weit unter den Infektionen in Deutschland. Die Regierung der Insel reguliert seit Januar mit einem einfachen Ampelsystem das Leben vor Ort. Je nach Inzidenzhöhe werden die Beschränkungen in drei Stufen angepasst – von starken Restriktionen bis zur Öffnung.   


Bei einem Inzidenzwert von 80 haben die Außenbereiche von Cafes und Restaurants geöffnet. Draußen muss man außerdem einen Mund-/Nasenschutz tragen,  wenn man kein Essen zu sich nimmt. Das gilt auch in kleinen Städten und bei vielbesuchten Wanderrouten wie der Tour zum Roque Nueblo, dem höchsten Berg der Insel. 


Die Industrie der Vulkaninsel besteht zum Großteil aus dem Tourismus. Wenn andere Länder in Europa dicht machen, bekommen das auch die Kanaren zu spüren. 2020 waren 2,5 Millionen weniger Touristen hier als noch im Vorjahr.  


Die Touristenmeilen und Strände vor Maspalomas wirken wie ausgestorben. Auch in kleinen Bergdörfern wie Teleda sieht man kaum ausländische Touristen. Die Menschen, die hier an einem Marzipangeschäft Schlange stehen, sind Wochenendausflügler aus Las Palmas – der Hauptstadt der Insel. Fährt man weiter ins Innere der Insel – wie zu dem malerischen Dorf Falada – wirken die sonst belebten Gassen – wie ausgestorben.  


Trotz der ausbleibenden Reisenden gibt es in einem kleinen Bereich des Tourismus Aufwind. Die Anzahl der Übernachtungen, die Reisende auf der Insel machen, steigt an. Das liegt daran, dass immer mehr junge Menschen aus dem Ausland von Gran Canaria aus arbeiten. Bei den sogenannten digitalen Nomaden ist die Insel beliebt.   


Fernandez Campillo:
„Viele von ihnen kommen, weil sie surfen können und wir hier direkt am Meer sind und viele gute Orte dafür haben. Schon vor Corona hatten wir viele Digitalnomaden auf der Insel. Aber nach Corona ist es explodiert.“ 




Für Angel Fernandez Campillo ist diese Entwicklung ein glücklicher Trend: Vor zwei Jahren kaufte er zusammen mit zwei Freunden eine Bar in Las Palmas. Als ich ihn dort treffe, renovieren sie gerade – um die Zeit im Lockdown zu nutzen.  


Eigentlich hatten Fernandez Campillo und sein Team vor, das gesamte Gebäude in einen Veranstaltungsbereich umzubauen. Als die Corona-Pandemie ausbrach, dachten sie um. Jetzt haben sie im Obergeschoss einen Co-Working-Space eingerichtet, einen Bürobereich für  Freiberufler – auch auf der Dachterrasse kann man arbeiten, direkt neben dem neuen Community-Garten. Die Menschen, die sich hier zum Arbeiten  einmieten, helfen dem Team der Bar Talleres durch die Krise. 


 Fernandez Campillo:
„Wir starten gerade ein neues Projekt: Das nennt sich Remote Island. Darin wollen wir die Menschen, die hier arbeiten, mit der sozialen und wirtschaftlichen Realität hier vor Ort in Verbindung bringen.  
Auf der Insel gibt es viele soziale Probleme, die man verbessern kann. Und wir möchten das den Menschen, die kommen, zeigen und mit ihnen dafür auch Lösungen erarbeiten. Das kommt bei vielen gut an und sie sind interessiert – denn sie haben einen globalen Blick, wollen helfen und möchten etwas Positives zurücklassen.“  


Die sozialen Probleme auf Gran Canaria haben sich durch die Pandemie verstärkt.  
Für viele junge Menschen gibt es kaum Perspektiven. Die Arbeitslosenquote der unter 25-Jährigen liegt bei fast 70 Prozent. Ein Projekt, in dem junge Menschen eine Art Praktikum bei Digitalnomaden machen, will Fernandez Campillo deshalb nun zuerst auf den Weg bringen möchte.   


Claudia Ayuso ist 25 Jahre alt und kennt die Probleme, die junge Leute auf ihrer Heimatinsel haben:  
Ayuso:
„Die Zahl der Arbeitslosen ist sehr hoch, vor allem wenn du in traditionellen Berufen arbeitest. Wenn du darauf angewiesen bist, dass dich jemand einstellt, ist das ganz schön schwierig. Es kommt natürlich auch auf die Branche an. Psychologen finden gerade sehr schnell einen Job. Ansonsten ist man besser dran, wenn man selbstständig ist oder weggeht. Für die Insel ist das natürlich nicht gut, weil sie damit ihre jungen Menschen und ihr Potenzial verliert.” 


Ayuso hat die Insel bereits als Mädchen verlassen. Gran Canaria sei ihr damals schon sehr klein vorgekommen – die Möglichkeiten, sich weiterzubilden, seien begrenzt. Ihre alte Nachbarschaft erkenne sie heute kaum wieder. Viele ihrer Freunde aus der Kindheit lebten heute in anderen Ländern Europas.   
  
Ayuso studierte in Madrid Film- und Medienwissenschaft und lebt heute in London. Sie dreht Filme, seitdem sie 14 Jahre alt ist und hat bereits zwei Bücher veröffentlicht. In ihren englisch- und spanischsprachigen Social-Media-Profilen spricht sie über Mode und Nachhaltigkeit und erreicht damit Hunderttausende. Mit den Video-Einnahmen  kann sie ihr Leben in London finanzieren.   
Während der Corona-Zeit zieht es sie nun aber wieder stärker auf die Insel zurück.
Ayuso;  
„Meine Eltern leben noch hier. Ich kam über Weihnachten hier an und dann gab es den Lockdown in Großbritannen. Also hänge ich hier schon seit ein paar Monaten fest und konnte nicht zurück. Dass ich noch hier bin, habe ich nicht  geplant. Aber ich kann nicht sagen, dass ich es bereue. Ich genieße das Wetter und dass ich hier rausgehen und Menschen treffen kann“.  
Ihre Videos und Blogs kann Ayuso auch von der Insel aus machen. Als    ich sie treffe, zieht sie das Leben in Las Palmas der Einsamkeit des im Lockdown befindlichen Londons vor.    
So unabhängig arbeiten, wie es Ayuso kann, können es auf Gran Canaria nur wenige. Die Wirtschaft hat seit der Corona-Krise massive Einbußen. Und obwohl die Regierung mit Kampagnen für Digitalnomaden wirbt, können diese die Verluste der Branche nicht kompensieren.   
Gleichzeitig kommen immer mehr Flüchtende von der Westküste Afrikas hier an. 2020 waren es mehr als 20.000 Menschen, die den gefährlichen Weg vom afrikanischen Festland auf sich nahmen. Das waren etwa 8 Mal mehr als noch 2019.   
Ich schaue mich in dem kleinen Fischerdorf Arguineguín um. Die Ruhe hier ist trügerisch. Nur ein Boot zeugt von dem Drama, das sich hier von wenigen Monaten abspielte.   
Die Bilder vom Herbst vergangenen Jahres gingen um die Welt. Tausende Menschen sammeln sich auf dem Pier. Die Ankommenden wurden hier erstversorgt, getestet und in Unterkünfte gebracht. Einige fanden auch in den leerstehenden Hotels in Las Palomas eine Herberge – für die die Regierung aufkommt.    


Viele ziehen das Campieren unweit der Lager den Unterkünften vor – aus Angst abgeschoben zu werden. So wie hier in den Bergen von Ila Islita, in der Hauptstadt Las Palmas. Nahe eines Flüchtlingscamps campen junge Migranten in den Bergen der Küste in einfachen Zelten – auch in den Höhlen kommen Menschen unter. Bei einer Armenspeisung vor einer Kirche in La Islita nördlich der Hauptstadt Las Palmas, stehen junge Männer für eine Mahlzeit an. 


Die meisten der Flüchtlinge kommen aus Marokko, Algerien und dem Senegal. Da die Mittelmeer-Route immer stärker überwacht wird, nehmen viele die 400 bis 1500 Kilometer lange, gefährliche Reise über den Atlantik auf sich.  
Angel Fernandez Campillo findet Worte dafür, wie es vielen Kanariern mit dieser Entwicklung geht: 


„Ich bin ziemlich wütend auf die spanische Regierung, aber auch auf die europäische Regierung. Sie verhalten sich heute hier genauso, wie vor ein paar Jahren als die Flüchtlinge in Griechenland eintrafen. Solange es nicht direkt vor ihrer Haustür passiert, sehen sie kein Problem. Sie geben den Menschen, die kommen, keine Chance. Sie leben hier in sehr prekären Bedingungen in Lagern. Viele von ihnen leben auf der Straße. Und es gibt keine Perspektiven für sie.“


Dass sich die Situation auf den Kanaren ähnlich zuspitzt wie auf Lesbos, scheint nur eine Frage der Zeit. In diesem Jahr haben bereits über 4000 Menschen die Inseln erreicht – 200 haben laut dem Flüchtlingshilfswerk UNHCR dabei ihr Leben verloren.








Linda Richter, stern-Reporterin
„Es sind einige Wochen vergangen, seitdem ich in Gran Canaria war. Claudia, die junge Frau, ist wieder zurück nach London geflogen. Ihre Zeit auf der Insel hat sie nachdenklich gemacht. Sie will in Zukunft wieder langfristig zurück nach Gran Canaria.
Die Bar von Angel und seinen Freunden ist fertig renoviert und hat wieder geöffnet.


Die Reise nach Gran Canaria hat mir gezeigt, wie wichtig es in Zeiten der Pandemie bleibt, dass wir auch jetzt über die eigenen Landesgrenzen hinausdenken. Die Corona-Pandemie hat auf der Insel weniger gewütet als in anderen Ländern Europas. Viel verheerender sind die wirtschaftlichen Einbrüche und Folgen für die jungen Menschen vor Ort. Auch eine Rückkehr zum Tourismus nach der Pandemie allein, wird in Zukunft nicht ausreichen – um diese Probleme zu kompensieren.“ 






 Quellen:
https://www.nzz.ch/international/migration-bootsfluechtlinge-sitzen-auf-den-kanaren-fest-ld.1605384   
https://www.unhcr.org/news/press/2021/4/6089b0894/unhcr-iom-saddened-latest-tragedy-canary-islands.html  
https://www.infomigrants.net/en/post/31140/canary-islands-migrants-between-a-rock-and-a-hard-place 
 https://www.ecre.org/atlantic-route-spains-blocking-of-migrants-in-the-canary-islands-causes-suffering-and-sparks-protests/  
https://www.eldiario.es/canariasahora/migraciones/inundado-aguas-fecales-campamentos-personas-migrantes-palmas-gran-canaria_1_7203649.html 
https://www.eldiario.es/canariasahora/migraciones/campamento-migrantes-raices-comienza-funcionar-plena-alerta-nieve_1_7197372.html  
https://www.npr.org/2021/03/26/974007502/in-canary-islands-tensions-are-high-over-african-migration?t=1620209614317 
https://data2.unhcr.org/en/documents/details/73591 
https://data2.unhcr.org/en/documents/details/84312 











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