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Heißer Sommer in Deutschland: Gebt uns hitzefrei!

Sommer im Büro - das ist wie Hölle mit Bezahlung. Sommer in der Bahn - das ist wie Hölle gegen Gebühr. stern.de-Autor Björn Erichsen sehnt sich nach ein bisschen Abkühlung.

Feldhase müsste man sein. Das Leben wäre einfacher, das steht fest, allein schon, weil man nicht bei dieser Affenhitze im Büro rumhängen müsste. Stattdessen fröhlich durch Wald und Wiesen hoppeln, ab und an für Nachwuchs Sorgen, hie und da mal eine Möhre. Vor allem aber lebt es sich als Hase deutlich kühler, trägt Meister Lampe doch eine körpereigene Klimaanlage auf dem Kopf herum: seine großen Ohren. Durch die wird bei Hitze besonders viel Blut gepumpt, wodurch die langen Löffel als Hitzeableiter fungieren. Man kann sich merken: Je größer die Ohren, desto cooler der Hase.

Als Mensch mit halbwegs normalgroßen Hörorganen hat man dagegen schlechte Karten: 37 Grad Tageshöchsttemperatur offenbart der Wetterbericht, 15 Sonnenstunden, Niederschlagsmenge: Nullkommanix. Obwohl die Jalousien unten sind, wird das Büro zur Vorhölle: die bleierne Hitze bringt das Denken zum Erliegen, schwitzende Kollegen, wohin man riecht. Zu allem Überfluss ist auch noch Freitag, ich glaube nie zuvor lief Wochenend-Countdown derart langsam. Sprechen wir es doch mal offen aus, mir ist jetzt auch egal, dass mein Arbeitgeber hier wahrscheinlich mitliest: An Tagen wie heute ist Arbeiten wie Knast.

Sie riechen nach Sonnencreme und schlemmen Eisbomben

Seit vor rund zwei Wochen die Hitzewelle einsetzte, trennt sich die Welt in zwei Arten von Menschen: Die einen dampfen im Büro vor sich hin und halten jedes Grad mehr für den endgültigen Beginn der Klimakatastrophe - die anderen grüßen locker aus dem Freibad. Wer frei hat, duftet derzeit nach Sonnencreme, schlemmt Eisbomben beim Italiener oder putzt sich im Biergarten die Sonnenbrille blank. Und damit das auch alle mitbekommen, wird die ganze Sonnensause selbstverständlich in Echtzeit bei Facebook gepostet.

Ich als gemeiner Büromensch muss dagegen sehen, wo ich bleibe. Hitzefrei wie früher in der Schule gibt es hierzulande nicht, genauso wenig die schöne Tradition der Mittags-Siesta. Ein Fußbad, wie von Ratgebern empfohlen, scheitert allein schon daran, dass das einzig passende Gefäß die Salatschüssel von der letzten Betriebsparty ist. Das verschwitzte Hemd kann ich mir auch schlecht vom Leib reißen, der Büro-Knigge verbietet ja sogar kurze Hosen. Und auch Hecheln, neben Riesenohren die andere große Cool-Down-Strategie aus dem Tierreich, muss ich mir verkneifen, schon wegen der jungen Praktikantin am Nebentisch.

Die Nerven liegen blank

In dieser Hitze wird der Arbeitsplatz zur Bühne für die wahren Bürodramen, die Nerven liegen blank: "Fenster zu", brüllt die eine Hälfte der Redaktion, weil die Kühlung nur gut arbeitet, wenn alle Fenster und Türen geschlossen sind. Die andere Hälfte jammert dafür ständig gegenan: "Die Zugluft aus dem Gebläse, hochgefährlich, soll ich mich erkälten, oder was?" Allen Ernstes: Eine Kollegin saß bis zur Mittagspause in einer Jacke da.

Wer schon länger das Gefühl hat, dass hierzulande etwas gründlich schief läuft, wird durch die Meldungen der letzten Tage voll bestätigt: Inzwischen fallen nicht nur in deutschen Zügen die Klimaanlagen aus, nein, jetzt sind auch deutsche Autos betroffen. Und dann noch dies: Im Hochindustrieland Deutschland, dem Stolz der Moderne, werden die Ventilatoren knapp. Was für ein Skandal, selbst der Markt geht vor der Hitzewelle in die Knie! Wie gut, dass es den Kollegen Tobias Schülert gibt, der Hauszeichner von stern.de, mit seinem digitalen Volksventilator. Der macht das Leben zwar auch nicht kühler, ist aber zumindest ziemlich lustig.

Und Humor ist ja bekanntlich, wenn man trotzdem lacht. Ich habe mich inzwischen damit abgefunden, dass meine Ohren als großes Kühlsystem nicht taugen und ich noch ein wenig in der Hitze ausharren muss. Ein Freund, so ein Freizeitmensch, hat gerade gepostet: Er sitze im Zug, und die Klimaanlage ist ausgefallen, "kein Witz" schreibt er noch dazu, als sei dies schwer zu glauben. Immerhin: Es gibt Leute, denen es noch schlechter geht als uns Büromenschen, das ist doch schon mal was. Ansonsten heißt es jetzt durchhalten, bald ist Wochenende. Und da sind dann wieder (fast) alle Menschen gleich.

Von Björn Erichsen
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