Hochgurgl-Obergurgl Die Schneezwillinge


Alle reden vom Schnee, gerade weil es ihn in diesem Jahr kaum gibt. Sie haben ihn in Massen. Zwei Brüder machen das weiße Gold. stern.de sprach mit Alban und Attila Scheiber, deren Unternehmensphiliosophie es ist, keinen Gewinn zu machen.

Im Jahr 1961 stieg Alban Scheiber auf einen sonnigen Hügel am Ende des Ötztals. Dort eröffnete er ein kleines Hotel, erbautet einen noch kleineren Lift und nannte das Ganze Hochgurgl. Heute umfasst das Scheiber-Imperium ein hochmodernes Skigebiet, eine umfangreiche Berggastronomie, ein Fünf-Sterne-Hotel und und und... . Ein Einzelner wäre mit der Fülle der Aufgaben überfordert. Zum Glück schenkte der Herrgott dem Mann Zwillinge, die inzwischen das Familienunternehmen leiten: Attila und Alban Scheiber.

Herr Alban, Herr Attila Scheiber, wer von Ihnen beiden wird denn in diesem Jahr zum schlechtesten Unternehmer Österreichs gewählt?

Alban und Attila Scheiber: verblüfftes Schweigen

Sie leiten ein großes Skigebiet, die Gäste sind da, die Einnahmen sprudeln und doch haben sie noch nie Gewinn erwirtschaftet. Wie ist das möglich? Was machen Sie falsch?

Falsch machen wir nichts. Das ist unsere Philosophie!
Alles, was die Liftanlagen einnehmen, wird wieder ins Skigebiet investiert. Das ist Tradition, seit 1961 wurde in Hochgurgl noch nie ein Cent aus dem Betrieb entnommen.

Warum arbeiten Sie dann? Leiten Sie etwa ein karitatives Unternehmen?

Natürlich nicht. Bei uns sind die Bahnen in Privat-, in Familienbesitz. Wir investieren für die Attraktivität des Ortes und des Gebietes. Davon profitieren wir selbst auch, aber als Hoteliers.
Eines der Vorteile von Hochgurgl und Obergurgl ist, dass der Besitz immer im Tal geblieben ist und wir keine Einnahmen nach außen an eine fremde Gesellschaft abführen müssen.

Skipässe sind nicht billig, aber sie bieten hier pro Gast deutlich mehr Anlagen, mehr Bahnen, mehr gewalzte Fläche als anderswo. Wie kann dieses Angebot funktionieren?

Zum einen müssen wir keinen Gewinn abführen. Dann lassen sich unsere Gäste den Urlaub auch etwas kosten. Zu uns kommen keine Busladungen, wo sich die Gäste den Tag über am Lunchpaket festhalten.
Uns kommt sehr zu Gute, dass wir eine sehr lange und sichere Saison haben. Wir haben fünfeinhalb Monate geöffnet, da rechnen sich Investitionen anders, als wenn man nur drei Monate Saison hat.

Wann ist es am Schönsten bei Ihnen?

Für die Gäste ist es häufig im Frühjahr am schönsten, im Winter kann es auch mal sehr kalt und rau sein.
Wir könnten in manchen Jahren noch viel länger geöffnet haben, aber im April denken die Gäste schon an Strand und Bikinifigur und weniger ans Skifahren. Wir bekommen sehr spät meist sehr viel Schnee, zum ersten Mai schließen wir die Lifte bei voller Schneelage. Nicht, dass jetzt jemand denkt, hier sind zum Saisonende nur ein, zwei Abfahrten offen.

Volle Schneelage im April - das klingt sehr optimistisch. In diesem Jahr reden alle vom Schnee - genau genommen vom Schnee, der nicht da ist. Profitieren Sie von der Schneenot der anderen?

In dieser Saison profitieren wir sicher. Selbst, wenn wenig Niederschlag gefallen ist, sind wir doch in der Lage durch unsere Höhe, Schnee zu garantieren.
Nicht umsonst sind wir das schneesicherste Skigebiet der Alpen. Das ist ein Titel, der beruht auf Fakten und nicht auf einer Abstimmung.

Wenn die Winter wärmer werden, wird es mit dem Wintersport in niedrigen und mittleren Lagen schwieriger. Wie sehen Sie diesen Trend?

Diese Entwicklung muss man erst einmal abwarten. In einem Winter wie diesem sprechen alle vom Ende des Wintersports. Vor einem Jahr, als man auf jedem Hügel von Kopenhagen bis Sizilien abfahren konnte, gab es diese Diskussion natürlich nicht.
Sollte der echte, weiße Schneewinter tatsächlich in den niedrigeren Lagen verschwinden, würden wir auf lange Sicht davon nicht profitieren. Natürlich könnte man bei uns dann immer noch Ski fahren, aber auch eine Hochlage ist darauf angewiesen, dass Wintersport in der Breite möglich ist und nicht zu einem Exotenvergnügen in ganz wenigen Gebieten wird.

Der Klimawandel ist in aller Munde, in manchen Skigebieten herrscht die nackte Panik. Sie wirken sehr ruhig: Wieso?

Wir haben die große Höhe, unsere Abfahrten liegen nicht nur auf Südhängen. Sie liegen schon in der Sonne, aber nicht bei voller Bestrahlung. Und: Bei uns beginnt das Skigebiet erst oberhalb von 1800 Metern und reicht bis über 3000 Meter. Wo viele andere aufhören bei etwa 2000 Metern, da fängt es bei uns erst an.
Das Wetter funktioniert nicht wie ein Uhrwerk. Auch früher hatten selbst wir hier oben Winter, an denen es bin in den Februar hinein keinen Schnee gegeben hat. Es wird wärmer, das sehen wir ja an unseren Gletschern, die gehen zurück. Das ist eine Tatsache, das leugnen wir nicht. Aber das hat es immer mal gegeben. Gletscher wachsen und ziehen sich dann zurück. Im Moment ist es sicher extrem. Nur eine Panik, dass es in Zukunft keinen Schnee mehr geben wird, das halte ich für übertrieben.

Ihr Skigebiet liegt extrem hoch. Trotzdem beschneien Sie künstlich. Muss das sein?

"Nur die Höhe allein garantiert uns keine weiße Weihnacht. Wir haben neunzig Prozent unser Piste beschneit. Sonst - muss man ehrlicherweise sagen - könnten wir trotz der Höhe unsere Saison nicht so eröffnen. Ohne Niederschlag helfen auch Höhe und Kälte nicht."
"Wir haben bereits vor zwanzig Jahren massiv in Beschneiungsanlagen investiert. Die Beschneiung ist eine Lebensversicherung. Der Gast in unser Kategorie vergleicht sehr kritisch in ganz Europa, wo man gut Skifahren kann. Die Lifte sind der Schlüssel zum Erfolg, am Skigebiet hängt ein ganzer Rattenschwanz. Wenn es mit den Liftanlagen nicht klappt, klappt es auch nicht mit der Bewirtung, den Hotels, den Skischulen. "

Sie verzichten auf lautstarke Animation und Table-Dance. Vermissen Ihre Gäste keine Super-DJ-Schneeparty?

Es kann nicht jeder in die gleiche Kerbe schlagen. Die Skigebiete müssen sich unterschiedlich positionieren. Wir sind etwas ruhiger. Bei uns gibt es natürlich auch Apres-Ski, aber nicht so extrem wie an anderen Orten. Also für Super-Disko, da machen wir nichts.
Wer eine Riesensause erwartet, für den gibt es andere schöne Orte. Und junge Leute, wo es auch ein bisschen mehr krachen soll, die - da sind wir ganz ehrlich - die können sich einen Urlaub bei uns auch nicht leisten.

Ihr habt keinen alten Namen und Ihr macht auch wenig Werbung, wie funktioniert das?

"Das ist ja nicht nur freiwillig. Wir waren ein sehr kleiner Tourismusverband. Unsere bescheidenen Mittel haben nicht ausgereicht, bei den großen Spektakeln mitzumachen.
Wir würden gern häufiger in den Medien sein. In Zukunft wird das auch geschehen, aber nicht mit Champagner aus der Dose."
Uns ist es über die Jahre gelungen, dass die Gäste nach Hause fahren, wiederkommen und uns weiter empfehlen. Wir konzentrieren uns auf Klasse statt Masse. Allgemein wird es immer internationaler. Doch wir sind der Meinung, dass der gute, alte Stammgast aus Deutschland der verlässlichste Gast ist. Wir haben einen hohen Stammgästeanteil. Wenn wir im November aufmachen, ist die Saison schon sehr gut gebucht.
Wir sind nicht auf dem Trip, wie manche andere, die glauben, man bräuchte die Deutschen nicht mehr, weil die Ostmärkte so stark kommen.

Hochurgl ist ein sehr kleiner Ort. Es gibt fünfzehn Einheimische. Was wäre hier, wenn es keinen Tourismus gäbe?

"Hochgurgl gäbe es natürlich gar nicht. Das wäre ein leerer Hügel."
"Auch Obergurgl wäre wohl kein Dorf mehr. Vielleicht gäbe es noch einen Bauern und die Mautstation für den Pass. Das war es dann."

Vielen Dank für das Gespräch, aber jetzt müssen wir auf die Piste

Die Fragen stellte Gernot Kramper


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