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Mit dem Kanu auf der Müritz: Eine Paddeltour für Schlagfertige

Gute Freunde, ein paar Kanadier, ein Wochenende. Mehr braucht es nicht für ein nasses Abenteuer auf der mecklenburgischen Seenplatte. Eine Selbsterfahrung auf dem Wasser.

Von Philipp Kohlhöfer

Also los. Wir stopfen unser Gepäck in wasserdichte Säcke, die uns der Bootsverleiher mit einem beunruhigend wissenden Lächeln in die Hand gedrückt hat. Viel Verpflegung, vor allem derart viel Wechselwäsche, dass wir in den nächsten zweieinhalb Tagen mehr Zeit mit Kentern als mit Paddeln verbringen könnten und immer noch in trockenen Tüchern unterwegs wären. Der Verleiher schaut uns grinsend zu, aufs Stechpaddel gestützt wie auf eine Krücke.

Unser Plan: ein Abenteuer für Ungeübte, mit schönem Wetter und klarem Wasser. Wo man am Abend selbstgefangene Fische grillt. Morgens nackt schwimmt. Die Sonne nicht zu heiß, das Wasser nicht zu kalt. Ohne Insekten, die nerven und stechen. In den Tagen zuvor haben wir uns gewissenhaft angelesen, was man mit einem Stechpaddel alles anstellen kann, was man machen muss und was besser lassen sollte. Wir wissen jetzt, was ein Zieh-, was ein Bogen- und was ein J-Schlag ist. Theoretisch. Ich schätze, wir haben uns die Tour wie einen Bierwerbespot vorgestellt. Wie das Land, so das Wochenende.

Wir verstehen uns, ohne zu reden

Die Realität holt mich bereits in dem Moment ein, in dem ich versuche, ins Boot zu steigen: Das Boot wackelt, es will sich gar nicht beruhigen. Je mehr ich versuche, es auszubalancieren, desto stärker schaukelt es. Schließlich knie ich mich wie zum Beten auf eine der beiden Verstrebungen, die als Sitzbank dienen. Mein Gott, jetzt aber mal ruhig hier.

Gemächlich geht's dahin. Der Fluss fließt so träge, dass er fast noch langsamer ist als wir. Anfängerwasser. Unsere Paddelschläge werden kräftiger, mutiger, versierter. Das Ufer ist jetzt weit entfernt, die Flussmitte erreicht. Wir bewegen uns mit den Bewegungen des Bootes. Wir holen auf und halten die Ideallinie. Sogar in den Schleusen, die wir uns mit Motorbooten teilen müssen, manövrieren wir so selbstbewusst, als gehöre der See uns. Dann geht's weiter. Mehr Tempo? Mehr Tempo. Wir verstehen uns, ohne zu reden.

Alles ist im Fluss

Aber was, wenn wirklich alles im Fluss ist? Wenn es Wellen gibt und wir kentern? Wer rettet dann das Gepäck? Wer das Boot? Und was wird aus uns?

Der Gedanke kommt uns schlagartig, als sich plötzlich der Himmel bewölkt, die Müritz zu kräuseln beginnt und erste Tropfen aufs Wasser platschen. Die neonorangefarbenen Leihschwimmwesten, weil irgendwie albern, hatten wir gleich zu Beginn wieder abgelegt. Die Pioniere des amerikanischen Westens hatten schließlich auch keine Stützräder an ihren Planwagen. Wie wahrscheinlich ist es, mitten in Mecklenburg-Vorpommern unterzugehen? Unsere Paddelschläge werden zusehends verbissener, unser Kurs geht volle Kraft Richtung Ufer. Sturm war in meiner Bierwerbung irgendwie nicht vorgesehen.

Tatsächlich ziehen die Wolken schneller vorüber als ein halber Liter Bier geleert ist. Paddelschlag für Paddelschlag geht es weiter in eine Wasserlandschaft aus Schilfinseln, Weidensträuchern und Seerosenfeldern. Es gibt tatsächlich noch eine Art Urwald in Deutschland, und wir sind mittendrin. Anfassen ist untersagt, Anlegen strengstens verboten, andächtiges Staunen unvermeidlich. Schweigend treiben wir durch die Stille. Nur hin und wieder lassen unsere Paddel das Wasser gurgeln.

Gegrillte Forelle

Wir legen an, das war's für den ersten Tag. Auf einem kleinen Naturcampingplatz bauen wir unsere Zelte auf. Müde aber zufrieden grillen wir eine Forelle, die wir bei einem Fischer kaufen. Nie war die Stadt weiter weg als jetzt.

Am nächsten Morgen geht es für uns zeitweise nur über Land weiter. Mit einer Bootsschleppe, einer schlichten Schienenkonstruktion, schieben wir unsere Kanadier weiter zum nächsten See.

Dann erneuter Einsatz: Wir paddeln weiter

Irgendwann schmerzt mein Rücken. In knapp 40 persönlichen Evolutionsjahren hat er sich perfekt an Bürostühle angepasst, nicht aber an harte Kanusitze und schon gar nicht an mehrstündiges Paddeln pro Tag. Ich will nicht jammern, schließlich ist es zu schön um mich herum. Über uns Kormorane, im Geäst tatsächlich Eisvögel. Graureiher, bewegungslos wie kitschige Vorgartenfiguren im Uferschilf verharrend, sind stumme Zaungäste unseres Abenteuers.

Wahrscheinlich wissen sie längst, was wir an diesem Wochenende lernen: Die Müritz ist wie das Leben. Manchmal wird es unruhig, mitunter ist Einsatz gefragt. Die allermeiste Zeit aber treibt man einfach vor sich hin. Der eigene Wille… eine totale Illusion. Man muss nur mal versuchen, in starker Strömung die Kurve zu kriegen. Das machen wir dann morgen.

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