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Zwischen Airbus und Garonne: Das sind die Hotspots der rosa Stadt: Auf nach Toulouse!

Toulouse ist aus besonderen Steinen erbaut – die rosaroten "Briques" sind Merkmal vieler historischer Gebäude und bringen Wärme in die südfranzösische Stadt. Für den Charme sorgen die Menschen: Sie genießen gern Gutes und feiern intensiv.

Von Tilman Müller

Capitole – das Rathaus von Toulouse bei Nacht

Capitole – das Rathaus

Gilt als das schönste Rathaus Frankreichs: das Capitole mit seiner 135 Meter breiten Brique-Fassade, einem Wechselspiel von Ziegel- und Natursteinen, die im 18. Jahrhundert entstand. Davor erstreckt sich der Place du Capitole, das Herz von Toulouse.

Eigentlich pfeift der junge Baron auf die Familientradition, aber als sein Blick an der Fassade des Stadtpalais hinaufwandert, das einst seinen Ahnen gehörte, zeigt er doch Rührung. Den sechsgeschossigen, mit Steinfratzen verzierten Prachtbau krönt ein rot schimmerndes Renaissancetürmchen, von dem aus in der Ferne an klaren Tagen die Gipfel der Pyrenäen zu sehen sind. Unten, nahe dem Portal, gibt eine Steintafel Auskunft, wer hier in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts residierte: die Roquettes.

"Als ich so um die zehn war", sagt er beim Bummel zur nahen Place des Carmes, "hat mir mein Vater erstmals den Sitz unserer Vorfahren gezeigt, seither bin ich nie wieder dort gewesen – weil solch schöne alte Herrenhäuser bei uns ja an jeder Ecke stehen." Der Baron James de Roquette selbst ist erst 21 Jahre alt, schlank, groß, mit dunklem Haar und feinem Backenbart, das Hemd fällt lässig über die Jeans.

Er kennt viele der etwa 70 architektonischen Glanzstücke in Toulouse, bis heute werden sie Hôtels particuliers (private Hotels) genannt, erbaut wurden sie von reichen Patriziern zwischen dem 13. und 16. Jahrhundert. Ihre Eleganz beruht auf den wunderbaren "Briques" - roten Backsteinen, die meist kaum mehr als zwei Fingerbreit hoch sind und eine eigentümliche Ausstrahlung haben. La Ville Rose – die Stadt der rosaroten Steine. So wird der in gallorömischer Zeit unter dem Namen Tolosa bekannte Ort am Ufer der Garonne von jeher genannt. "Dieses Rot", findet James, "bringt viel Wärme und vor allem Charme ins Leben", und das sei einer der Gründe,"warum unsere Stadt etwas anders tickt als zum Beispiel Paris oder Lyon".

Frankreichs schönstes Rathaus

Die Straßenschilder sind in Toulouse zweisprachig. Französisch und Okzitanisch. Letzteres wird hier zwar immer weniger gesprochen, doch Okzitanien, das Land der ruhmreichen Troubadoure, ist nach wie vor allgegenwärtig. Sogar vor dem grandiosen "Capitole", das mit seiner 135 Meter breiten Brique-Fassade als schönstes Rathaus Frankreichs gilt. Dezent ist davor das zwölfeckige okzitanische Kreuz in den Pflasterboden eingelassen, deutlich sichtbar von den Brasserien, die rund um den Platz unter alten Arkaden liegen. Zu jeder Jahreszeit sitzen die Einheimischen dort im Freien, spotten beim Aperitif über die Pariser Regierung und fiebern dem nächsten Rugby-Match der legendären "Toulousains" entgegen.

"Machen wir eine gastronomische Pause", sagt James und steuert einen der Stehtische an, die bis in den Spätherbst hinein in den Gassen vor den Restaurants aufgestellt sind. Es gibt über Rebholz gegrillte Entenbrustfilets, dazu einen kräftigen Roten aus dem Cahors. Der Patron, ein älterer Herr mit gehöriger Wampe, kommt dauernd keuchend nach draußen gestürzt, um sich eine Zigarette anzustecken.

Für einen Witz reicht der Atem aber noch: "Toulouse hat drei Lungen", krächzt er fröhlich, "und zwei gehören Airbus." Dann zeigt er im Lokal das Foto an der Wand: Auch Tom Enders war hier schon zu Gast, Vorstandsvorsitzender des Flugzeugbauers und oberster Chef der über 30.000 Menschen, die in Toulouse für Airbus arbeiten.

Eine Fünf-Liter-Flasche voller Pastis

Auch James lässt es gern mal krachen, am liebsten auf der anderen Seite der Altstadt, nahe der Universität. 110.000 Studenten leben in der Airbus-Metropole, der viertgrößten und am schnellsten wachsenden Stadt Frankreichs. Auf den engen Straßen von der Place du Capitole hinunter zu den Ufern der Garonne herrscht spätabends ein Gedränge wie auf den Ramblas in Barcelona. An einer Palme bleibt der junge Baron, der die Business School bereits absolviert hat, stehen. "Da drüben treffe ich oft alte Kommilitonen", sagt er und zeigt auf ein Lokal, vor dem eine lärmende Menge auf dem Trottoir steht. In seiner Lieblingskneipe, fügt er entschuldigend hinzu, gehe es "mehr um Quantität als um Qualität".

Vornehm hat der Adelsspross das formuliert, denn in der Pinte erfolgt der Ausschank grundsätzlich in Plastikbechern, damit nichts zu Bruch geht. Und draußen achten Wachmänner darauf, dass keiner auf die Straße torkelt. Das ist auch nötig, denn just kreist hier eine Jeroboam – das ist eine Fünf-Liter-Megapulle, die in Frankreich in aller Regel mit Champagner, hier jedoch mit Pastis gefüllt ist.

In der Bar nebenan wird später getanzt. Sie heißt "La Couleur de la Culotte" – die Farbe des Höschens –, und über einer Chaiselongue hängt, hübsch gerahmt, ein überlebensgroßer Damenschlüpfer an der Wand. Allerdings glänzt er nicht in Sexy-Pink, sondern in Alltagsbeige.

Große Weine und Töpfe

Zu Wochenbeginn setzt sich James immer in seinen alten Peugeot und fährt hinaus ins Lauragais, eine leicht hügelige Landschaft mit endlosen Platanenalleen, in der die Zeit stillzustehen scheint. Von Weitem taucht bald der mittelalterliche Kirchturm von Saint-Félix auf, einem 1300-Seelen-Ort mit einer mächtigen Burg, die im einst von Frankreich unabhängigen Okzitanien eine Bastion der christlichen Erneuerungsbewegung der Katharer (der "Reinen") und danach Wohnsitz wechselnder Aristokraten-Clans war.

"Die Burg hat 55 Räume, mein Vater verbrachte hier seine Kindheit", erzählt James und fährt zum außerhalb des Orts gelegenen Anwesen, in dem er selbst aufwuchs. Eine Landvilla, von hier aus managt der Betriebswirt seit Kurzem das Gourmetunternehmen der Familie. Caroline, seine britische Mutter, stellt ein vorzügliches Mittagmahl auf den Tisch. Grüner Salat, garniert mit hausgemachtem Entenconfit.

Bohnen, Speck und Gänsefleisch

Von Saint-Félix sind es nur wenige Kilometer zum Gebirgszug der Montagne Noire, einem der letzten unentdeckten Urlaubsziele Südfrankreichs. In den stillen Bergwäldern kann man noch bis tief in den November wandern. Zum Saint-Ferréol-See etwa, in dem Wasser für den Canal du Midi gespeichert wird.

Oder zu einer uralten Töpferei direkt am Kanal, in der James jede Menge feuerfeste Tontöpfe einkauft; in ihnen wird Cassoulet zubereitet, eine Eintopfspezialität aus weißen Bohnen, Speck, Gänsefleisch und Würstchen. "Diese Töpfe", sagt er, "sind auf meinem Marktstand in Toulouse der große Renner."

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