HOME

Reise: "Ich hinke etwas der Zeit voraus"

Interview mit dem Zeitforscher Karlheinz A. Geißler über die Kosten des Tempowahns und die Notwendigkeit, Zeit als Wohlstandsindikator zu begreifen.

Interview mit Zeitforscher Karlheinz A. Geißler über die Kosten des Tempowahns und die Notwendigkeit, Zeit als Wohlstandsindikator zu begreifen.

Herr Geißler, warum haben wir, je älter wir werden, das Gefühl, die Zeit rast?

Ein Kind hat noch viel Leben vor sich und lebt nach seinem inneren Rhythmus. Wem aber weniger Zeit zu leben bleibt, muss mehr hineinpacken. Wir wollen andauernd wachsen, immer mehr besitzen und immer mehr erleben. Dazu kommt das Gefühl, all das nicht zu schaffen, was man sich vorgenommen hat. Man hadert mit sich, weil man frühere Möglichkeiten nicht genutzt hat.

Wie sind Sie darauf gekommen, über die Zeit zu forschen?

Es gibt verschiedene Gründe. Einer ist meine frühere Kinderlähmung, die mir sicher aus der Langsamkeitsperspektive andere Blicke auf unseren Umgang mit der Zeit aufgenötigt hat. Ich sage gerne: ich hinke etwas der Zeit voraus. Manches Gehetze, da kann ich nur lachen. Ich kann eben nicht mithetzen. Langsam zeigt sich, welche Kosten der Tempowahn verursacht. Katastrophen wie der BSE- und Schweinemastskandal zum Beispiel sind in Wirklichkeit Beschleunigungsskandale. Man versucht, das Mastgewicht in kürzester Zeit zu erreichen. Würde diese Beschleunigungsorgie den Verursachern, den Landwirten, angelastet, gäbe es in England keinen einzigen Bauern mehr. Also zahlt die Gemeinschaft die Kosten, die Europäische Union. Und denken Sie nur an die Gesundheitspolitik.

Was hat die Gesundheitspolitik mit Beschleunigung zu tun?

Die Gesundheitskosten steigen vor allem bei Antidepressiva, Beruhigungsmitteln und Schlaftabletten. Die Pharmabranche hat zehn Prozent Wachstum im Jahr, 20mal soviel wie der Rest der Wirtschaft. Herzinfarkt ist in Wahrheit ein Zeitinfarkt. Zwei Drittel aller Todesfälle geht auf das Konto von Herz- und Kreislauferkrankungen; in Indien, zum Beispiel, nur ein Drittel. Der Körper macht den Stress nicht mehr mit.

Hier sind die Leute eher stolz darauf, mehrere Dinge gleichzeitig tun zu können.

Ja, weil die Geschwindigkeit ausgereizt ist. Jetzt wird verdichtet. Man sieht dies zum Beispiel bei der Autoreklame. Da wird nicht mehr mit Geschwindigkeit geworben, sondern mit Bequemlichkeit. Was man alles tun kann, wenn man im Stau steht. Telefonieren, Faxe senden, Ausruhen Radiohören und demnächst fernsehen. Wir versuchen, mehr in die gleiche Zeit zu stecken. Alle Medien und Geräte, die Sie heute kaufen können, werden als Multifunktionsgeräte beworben. Als man dachte, dass die Erde eine Scheibe ist und damit begrenzt, war auch die Zeit begrenzt. Durch das Internet aber lösen wir die Ordnung der 24 Stunden in permanente Aktivität auf. Warum erzählen Wirtschaftsleute so gerne, dass Ihnen bestimmte Innovationen oder Ideen beim Joggen oder in der Badewanne gekommen sind? Weil sie ihrem Körper Ruhe gegönnt haben. Man kann eben nicht alles zu gleicher Zeit abrufen.

Sind denn die Deutschen an einem Punkt, wo sie innehalten?

Ich glaube, Bundeskanzler Schröder, der 1998 vor den Wahlen erklärt hätte, die Deutschen seien zu langsam, hat eingesehen, dass ihm mit ein paar Ruhetagen nach seinem letzten Wahlerfolg viel Ärger erspart geblieben wäre. Die Mehrheit der Leute aber ist immer noch glücklich, wenn es drei Fernsehprogramme mehr als zehn weniger gibt. Wir sind dabei, unsere Familien aufzulösen. Wer Kinder erziehen will, muss Zeit verlieren können. Und wer lieben will, auch.

Was schlagen Sie vor, um der Eile zu trotzen?

Wir sollten so vernünftig sein und Zeit als einen Wohlstandsindikator zu begreifen.

Jetzt wird diskutiert, ob die Deutschen bis 70 Jahren arbeiten sollen. Halten Sie das für sinnvoll?

Leider gibt es keine Debatte darüber, ob dies wirklich sinnvoll ist. Es wird nicht darüber geredet, ob man das nicht individualisieren kann. Es gibt Menschen, die können hervorragend arbeiten, wenn sie 70 Jahre und älter sind. Wir müssen Ideen entwickeln, die dem Menschen angepasst sind und nicht der Versicherungswirtschaft. Schauen Sie sich den Papst an: der bleibt im Amt, solange er lebt. Ein Papst ist kein Angestellter der katholischen Kirche. Ihn kann man nicht ins Altersheim abschieben. Der Papst ist langsam, in seinen Bewegungen, in seiner Sprache. Ein Repräsentant des Überzeitlichen, den man zeitbürokratisch nicht begrenzen kann. Das finde ich faszinierend, da imponiert mir die katholische Kirche. Die denkt, bei all dem, was sie auch verkehrt macht, in anderen Zeitdimensionen. Und sie ist sehr langsam: Galileo Galilei zum Beispiel wurde erst 1984 rehabilitiert. Nun gut, das hätte auch schneller gehen können.

Interview: Uli Hauser
Themen in diesem Artikel

Wissenscommunity