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Reise: Das ist ja die Höhe

Eine gegrillte Forelle für zwei Euro und der Blick auf Adler und Bären gratis - in Bulgarien bekommen Bergwanderer für wenig Geld deftige Kost und einzigartige Naturerlebnisse.

Von Barbara Schaefer

Je später der Abend, desto sentimentaler die Lieder. Die Wanderer belegen einen Tisch in der Hütte, dann packen sie ihre Plastiktüten aus. Tomaten und Gurken, Käse und Salami, Zwei-Liter-Flaschen Bier und einen Kanister mit fünf Liter Rotwein haben sie in einer dreistündigen Wanderung auf die Rilski-Seen-Hütte heraufgetragen. Die Frauen schnippeln Gemüse klein, während die Männer volle Gläser weiterreichen. Ein Dicker im blauen Ballonseiden-Jogginganzug beginnt zu singen. Das erste Lied, bei dem an allen Tischen mitgesungen wird, heißt "Maliovitsa", eine Ballade, in der nicht die Schönheit eines Mädchens gepriesen wird, sondern einer der höchsten Berge des Rila-Gebirges.

"Über den Felsen des Maliovitsa, wo die Adler kreisen, wo im Tal blaue Seen leuchten." Auch unsere Wanderführer Dobromir Domuschiev und Boian Kazandjiev singen mit. Sie kennen den Text im Schlaf. "Ein Volkslied über die Freiheit", erklärt Dobromir. "Wenn ich sterbe, weint nicht um mich, trinkt guten Wein und zerbrecht die Gläser, singt Lieder, meine teuren Freunde." Und dann beginnt Dobromir mit leuchtenden Augen zu erzählen: von Freiheitskämpfen, Aufständen gegen die Türkenherrschaft und von Helden, die ins Gebirge flüchteten. Die Zeit des Kommunismus hingegen ist dem Bulgaren nur ein paar spöttische Sätze wert.

Eine beinahe exotisch anmutende Natur

Wer im bulgarischen Rila-Gebirge wandert, stößt immer wieder auf die wechselvolle Geschichte des Landes. Und er findet beim zukünftigen EU-Nachbarn eine beinahe exotisch anmutende Natur. In den Bergen und Wäldern leben noch Bären und Wölfe. Am Himmel kreisen Adler, auf Schornsteinen und Leitungsmasten brüten Störche, nach Bussarden dreht sich bald keiner mehr um, so viele harren auf Zäunen am Wegesrand. Riesige Felder der früheren landwirtschaftlichen Genossenschaften werden längst nicht mehr bestellt. Die Natur nimmt sie wieder in Besitz, schickt Mohn und Kornblumen als Vorboten und Heckenrosen und Himbeersträucher hinterher. Sechs Tage dauert die Rundwanderung im Naturpark Rila-Gebirge, dem zweitgrößten Bulgariens. Mehr als 100 seiner Gipfel sind höher als 2000 Meter - ein Paradies für Bergwanderer. Am Morgen sitzen wir in der Hütte fast allein beim Frühstück mit Marmeladenbroten und süßem Tee. Nur eine Truppe belgischer Pfadfinder ist schon wach, die Jugendlichen erzählen begeistert, wie nett die bulgarischen Mädchen sind und wie billig ihr Urlaub hier ist. In den Dörfern kostet eine gegrillte Forelle zwei Euro, und ein großes Bier 80 Cent. Gleich hinter der Hütte geht es steil bergauf. Uns steckt noch die Anstrengung vom Vortag in den Knochen, denn der Weg, der zur Hütte führt, ist so steil, dass die russischen Jeeps, die sie mit Lebensmitteln versorgen, ihn gerade noch fahren können. Wir erreichen das Hochplateau und genießen den Ausblick. Wie ein Fächer breiten sich die Felsgipfel des Rila-Gebirges aus, zackige Ungetüme, deren Rückseite aber oft ein sanfter Wiesenhang bildet.

Vasov schwärmte vom Rila-Gebirge

Die sieben Rilski-Seen liegen dicht beieinander auf verschiedenen Höhen, wie eine Pyramide aus Champagnerschalen. Niere heißt der unterste der Seen, und so ist er auch geformt. Wir erklimmen den Vasov-Berg. Vasov? Boian kann es nicht fassen, dass wir den "Victor Hugo der bulgarischen Literatur" nicht kennen. Ivan Vasov, der in seinen Werken den Freiheitskampf der Bulgaren gegen die 500-jährige türkische Besatzung feierte. 1876 erhob sich das Volk und siegte, mit russischer Unterstützung. Und Vasov schwärmte vom Rila-Gebirge, das er durchwanderte. In "Die erhabene Einöde des Rila" schreibt der Dichter von den unbezwingbaren, gespenstisch schwarzen Gipfeln, "die sich im Himmel verloren". Unbezwingbar bleibt für uns tatsächlich der Charami, ein Granitzacken, den wir umrunden. Charami wurden die bulgarischen Robin Hoods genannt, die die osmanischen Herrscher bestahlen und sich in den Bergen versteckten, für Vasov waren sie Idealisten: "verliebt in Bulgarien bis zum Fanatismus und ehrenhaft bis zur Selbstaufopferung".

Bergauf, bergab ziehen wir weiter. Zur Mittagsrast auf einem weiteren Gipfel packt Boian eine reichliche Brotzeit aus, Lukanka und Kaschkawal, Salami und Käse und eine Flasche Mavrud, bulgarischen Rotwein. Von dem einsamen Berg aus schweift der Blick weit hinunter in ein grünes Tal. Dort, mitten in einem endlosen Wald, steht das Rila-Kloster, dort begann unsere Tour.

Im Rang eines Nationalheiligtums

Das riesige Kloster, dessen Ursprünge bis ins 9. Jahrhundert zurückreichen, hat den Rang eines Nationalheiligtums, nach außen wirkt es wie eine Burg, innen türmt es zarte Arkaden aufeinander. Und im Hof steht die Marien-Kirche, in der jedes freie Fitzelchen mit bunten Fresken bemalt ist. Teile der Anlage stammen aus dem 19. Jahrhundert, als die Geburt einer Nation auch von den Künsten gefeiert wurde, die besten Maler eilten herbei, um das Kloster zu schmücken. Heute leben dort sieben Mönche, der älteste ist 90, der jüngste 22 Jahre alt. Wir haben im Kloster übernachtet, an einem wunderbaren Abend. Die Tagesgäste waren alle fort, und Ruhe senkte sich über die wuchtigen Mauern. Am Ende der Wanderung fahren wir ins schmucke Koprivschtiza. Es ist eines der wenigen noch erhaltenen Dörfer. Die meisten brannten während des Kampfes gegen die Türken nieder. Auf der langen Fahrt dorthin durchqueren wir eine einsame Landschaft von nahezu unwirklicher Schönheit, begegnen fast mehr Pferdefuhrwerken als Autos.

Ganze Landstriche sind verwaist

Abends sitzen wir lange auf der Terrasse unseres Hotels, eines alten, sanft renovierten Holzhauses. Genauso saßen früher die Familien beisammen. Doch mittlerweile haben Tausende vor allem junge Menschen das Land verlassen, ganze Landstriche sind verwaist. Warum sind Dobromir und Boian geblieben? Weil so viele Menschen während der Befreiung Bulgariens gestorben seien und jetzt endlich auch er etwas für sein Land tun könne, sagt Dobromir. Er will dafür kämpfen, dass Bulgariens Wälder nicht weiter zu Holzkohle verkokelt werden, dass im Balkangebirge die Geier wieder heimisch werden. Boian sagt, hier habe er eine Zukunft. Er will Fremden sein Land zeigen und einen ökologisch gesunden Tourismus fördern. Und auf diese Weise die Menschen in den Dörfern davon überzeugen, "dass es gut für sie ist, wenn in ihren Wäldern Adler leben".

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