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Salzburger Land: Seelenheil im Land der Almen

Würzige Bergluft, entspannende Wege und gastfreundliche Senner: Beim Wandern im Großarltal entschleunigen selbst eilige Gipfelstürmer.

Von Dieter Schweiger, Salzburg

Auf der Karseggal gibt es immer noch keinen Strom. Wie vor 400 Jahren, als die Almhütte gebaut wurde, entfacht Senner Willi Gruber jeden Morgen am Eingang ein offenes Feuer. Im einen Kupferkessel gerinnt die Milch der 50 Kühe, die Willi im Sommer hütet, langsam zum Käse. Im anderen 75-Liter-Bottich erhitzt er Wasser für Wanderer, die bei ihm einkehren. Auf den Kaffee wartet man deshalb immer etwas länger als unten im Tal. Aber das ist mir nur recht: Umso länger kann ich das Flackern, Knistern und Knacken der Holzscheite auf mich wirken lassen und genießen.

Früher hatte ich keine Antenne für solche das Gemüt wärmenden Bergerlebnisse. Ich gehörte zu jenen Gipfelstürmern, die eher keuchend einem Dreitausender aufs Dach gestiegen sind, als locker einen Zweitausender zu erwandern. Erst mit den Jahren habe ich begriffen, dass man sich den Zumutungen der Leistungsgesellschaft nicht noch am Berg aussetzen sollte. Das größte Alphatier unter den Alpinisten, Reinhold Messner, hat den klugen Satz gesagt: "Der Gipfel ist nicht immer der höchste Punkt – sondern der Punkt, an dem alle Linien zusammenlaufen."

Im Großarltal laufen viele Linien zusammen: Gastfreundschaft, Tradition, ein großer Himmel und Berge, die ihre Sanftmut in Namen tragen wie Herrenköpfel, Kitzstein, Nebeleck oder Sonntagskogel. Und weil das Tal gerade erst aus dem Tiefschlaf erwacht, in den es vor 150 Jahren nach dem Ende des Bergbaus gefallen war, sucht man zudem vergebens nach alpinen Rummelplätzen. Kurzum: Mehr Entschleunigung als beim Wandern im Großarltal geht nicht.

Wandern auf den Senner-Pfaden

Ob du über Wurzelstöcke durch den lichter werdenden Bergwald zur Karseggalm steigst, auf dem Grasgrat zwischen Spatkar und Gründegg streunst oder dich unterhalb des Penkkopfes in den Blaubeersträuchern verlierst, bald hörst du auf zu gehen: Du lässt dich gehen. Für die besondere Romantik der Wegspuren im Großarltal gibt es eine einfache Erklärung: Die Pfade sind nicht für gipfelfixierte Bergsteiger gebaut. Sondern für Senner, die seit Jahrhunderten von Almweide zu Almweide mäanderten, um nach ihrem "Viach" zu schauen.

Noch heute werden im Großarltal 40 Almen bewirtschaftet. Die Senner, die ich über die Jahre getroffen habe, leben zwar hinter den sieben Bergen, aber Hinterwäldler sind sie nicht. So schreibt zum Beispiel Willi Gruber von der Karseggalm an einem Blog übers Almleben mit, und Michael Hettegger von der Weißalm ist – umgeben von Bergkristallen, Hirschgeweihen und selbst gebranntem Enzianschnaps – ein verschmitzter Philosoph wie Diogenes in seinem Fass. Auch Resi Ganitzer besuche ich immer wieder auf ihrer Ellmaualm. Mit Jeans in Kleidergröße 36 und blonden Strähnchen entspricht sie nicht unbedingt dem Klischee einer Sennerin. Aus dem Käse ihrer Brettljause glaube ich zu erschmecken, welche Kräuter – Arnika, Schafgarbe, Wiesensalbei – die Kühe gemampft haben. Und jedes Mal, wenn ich damit vor ihrer sonnengebeizten, von Geranien schier überquellenden Hütte sitze, denke ich: Ja, so soll das Leben sein.

Alm macht glücklich

Wie glücklich die Alm macht, merkt man nicht zuletzt den "Viachern" an, denen wir diese alpine Kulturlandschaft verdanken. Vielleicht ist es ein Mythos, dass im Kuhfladen Bakterien lokalisiert wurden, die den Spiegel des Wohlfühlhormons Serotonin erhöhen. Vorstellen kann ich es mir aber, wenn mir die Kühemit ihren Glocken ein Ständchen wie aus Vivaldis "Jahreszeiten" geben. Und auch die Haflinger, die ich beim Fußbad in einem Moorsee am Gründegg über den Grasboden jagen sah, bestärkten mich in dem Glauben, dass man auf dem Rücken dieser Pferde alles Glück der Erde findet.

Apropos Pferde: Willi Gruber von der Karseggalm hat auch eins, ein Pony. Vor zwei Jahren ist es beim Almabtrieb im Herbst zuerst brav mit ins Tal getrottet. Zwei Tage später war es verschwunden. Nach langer Suche wurde das Pony dort entdeckt, wohin ich auch immer wieder flüchten werde: natürlich auf der Alm.

Dieter Schweiger
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