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Segelreise: Auf der Göttin der Jungfrauen

Gefion beschützt nicht nur Jungfrauen, sondern bringt auch Tom und seine Crew sicher über die Ostsee. Auf dem roten Haikutter wachsen Landratten Seebeine und Reisende werden zu Matrosen.

Von Silke Haas

Hunde und ihre Herrchen werden sich im Laufe der Jahre immer ähnlicher, heißt es. Gleiches könnte man auch über Gefion und Tom sagen: Stark, groß und schwer aus dem Gleichgewicht zu werfen. Nur ist Gefion kein Hund, sondern ein Boot. Ein Segelboot. Ein wuchtiger, roter Haikutter, der seinen Heimathafen in Laboe an der Kieler Förde hat.

Und Tom, mit vollem Namen Thomas Kannegiesser, ist Eigner und Kapitän der Gefion. Auf ihr ist er zu Hause, wenn er nicht gerade auf den Weltmeeren unterwegs ist. Auf der Gefion lernen die Gäste segeln und den Lockruf des Meeres kennen: Türkisblaue Wellen, die die weiten Sandstrände von Anholt streicheln. Steile, gischtbekränzte Brecher, die durch Belte und Sund sich streiten. Die sonnigen Inseln der Dänischen Südsee mit ihren pastellfarbenen Fischerhäuschen oder das temperamentvolle Treiben in Kopenhagen. "Wer mit einem Boot reist, ist kein gewöhnlicher Tourist, sondern willkommener Gast", fasst Tom seine Erfahrung zusammen. Von wenigen Stunden Segelschnuppern oder mehrwöchigen Seebärentörns nach Schweden oder Dänemark, eines haben die Reisen gemeinsam: Tom macht aus Mitreisenden Matrosen, aus Unbekannten ein Team. "Sicherheit auf See steht an erster Stelle", so Toms Credo. "Eine Hand für den Mann und eine fürs Schiff", weist er seine Gäste in die seemännischen Regeln und Gepflogenheiten ein. Schnell wachsen Landratten auf der Gefion Seebeine.

Göttin der Liebe und des Glücks

"Gefion", so erzählt der Kapitän, "ist die germanische Göttin der Liebe und des Glücks." "Vergiss' ihren wichtigsten Bereich nicht", wirft sein Freund Didi ein: "Sie ist die Beschützerin aller Jungfrauen, zart und rein wie der Morgentau." "Ach, hör auf", grummelt Tom. "Sind die Herren mal wieder beim Thema?" Mehr eine Feststellung als eine Frage von Penny, Lebensgefährtin von Tom und guter Geist der Gefion: eine zierliche Frau mit langen Locken, in den Händen einen Korb mit kalten Getränken.

Das Seemanns-Leben auf der Gefion ist alles andere als hart und entbehrungsreich. Unermüdlich krabbelt Penny die steile Holzleiter runter in die Kombüse und wieder rauf. Ihre Mission: Jedem Mitsegler den Wunsch von den Augen ablesen. Kaffee, Bier, Cola, Süßigkeiten oder eine deftige Kartoffelsuppe mit vielen Würstchen. Im Winter gibt es auch selbst gemachten Punsch, um wieder Leben in steif gefrorene Glieder zu bringen. Denn die Gefion schläft auch im Winter nicht; sie liegt das ganze Jahr über im Museumshafen von Laboe. Hartgesottene können auch einen Wintertag auf dem Wasser verbringen. "Es ist gar nicht so kalt und eine Erfahrung, die nur wenige machen dürfen", erzählt Didi. "Und Pennys Punsch schmeckt auf See noch viel besser."

Liebe auf den ersten Blick

Tom scheint mit seinem Boot verwachsen. Fast zärtlich umfassen seine kräftigen, braun gebrannten Hände das hölzerne Steuerrad. Mit minimalen Bewegungen lenkt er den großen Kutter durch das bunte Gewusel auf dem Wasser. Zu Ferienbeginn ist der Verkehr auf der Förde so dicht wie auf einer Autobahn. Nur fahren die Boote kreuz und quer in alle Richtungen und Stau gibt es auf dem Wasser auch keinen. Hektik kennt Tom nicht. Zielsicher findet er eine Lücke zwischen den vorbei zischenden Katamaranen und tuckernden Angelkähnen.

In Dänemark, im Hafen von Sonderburg, hat er das wuchtige Schiff das erste Mal gesehen. Sein Blick wird schweift in die Ferne: "Ich mochte sie gleich. Und wie das nun einmal ist mit Frauen und Schiffen: Man macht alles, um sie zu bekommen. Also fuhr ich immer wieder nach Sonderburg. Irgendwann hatte ich den Eigner soweit und die Gefion war mein“. Das war vor elf Jahren. Tom segelte das Boot nach Deutschland und machte es gästefein: verlegte neues Holz auf Deck und brachte Technik und Sicherheitsausrüstung auf den neuesten Stand. 1996 war es dann soweit: Die ersten Gäste stachen in See.

Die Gefion wurde 1932 auf der dänischen Insel Thurö als schweres und sicheres Arbeitsschiff für Fischer gebaut. Haikutter waren die ersten Segelschiffe mit Motor auf der Ostsee. "Und meine Gefion war die Schnellste", erzählt Tom stolz. "Wenn irgendwo ein Fischschwarm gesichtet wurde, hat sie sich wie ein Hai darauf gestürzt, und die anderen Fischer hatten das Nachsehen." Doch diese Zeiten sind vorbei. Jetzt bestimmen nicht Fische die Route, sondern die Gäste und der Wind.

Kampf mit den Behörden

Wen der Segelvirus befallen hat, der kommt immer wieder oder bleibt gleich da. So wie Penny. "Wenn eine Frau wissen will, ob ihr Kerl ein Mann oder ein Schwätzer ist, dann muss sie mit ihm segeln gehen," erzählt Penny. "Die See ist gnadenlos und zeigt alle Schwächen. Wenn es richtig stürmt, hilft kein schnacken, sondern zupacken."

Das gilt allerdings nicht für die Touristen: "Und da behaupte noch mal einer, Segeln sei harte Arbeit“, sagt Petra und räkelt sich genüsslich auf Deck. Seit 20 Jahren verbringt sie ihren Urlaub an der Ostsee. Seit vier Jahren gönnt sie sich als Höhepunkt einen Tag auf der Gefion. "Du hast doch wohl den Traumjob", ruft sie zu Tom hinüber.

Das empfand er nicht immer so: "Ich glaubte immer, Ärger mit Behörden gibt es nur an Land, aber da habe ich mich böse getäuscht." Nach jahrelangem Kampf ist die Gefion nun seit ein paar Monaten ein anerkanntes Traditionsschiff, eine besondere Kategorie, die es ermöglicht, alte Schiffe in Fahrt zu erhalten und dabei auch Geld für den Unterhalt zu verdienen. Ein Thema, auf das Tom nicht gut zu sprechen ist. "Was weiß denn so ein Steuerfuzzi," schnaubt er, "was so ein Schiff im Unterhalt kostet?" Aber der erwartete Wutanfall bleibt aus. Er schnauft einmal schwer und korrigiert den Kurs.

Der schönste Flecken Meer

Aufgewachsen ist er am Steinhuder Meer und verbrachte seine Kindertage eher in den Teertonnen der umliegenden Werften als bei Muddern zu Hause. Dort lernte er auch kalfatern, die Fugen zwischen hölzernen Schiffsplanken mit Werg und Teer abzudichten. Eine Fähigkeit, die er jeden Winter gut gebrauchen kann. Als Jugendlicher machte er eine Ausbildung zum Segellehrer. Als Skipper überführt er Schiffe in jeden Hafen auf der Welt.

Natürlich liegt die Frage auf der Zunge, wo es denn am schönsten war: Sansibar, Südsee oder San Franciso? "Die Südsee ist ein Paradies", antwortet Tom. "Aber nach einer Woche, na ja vielleicht auch zwei, kriegst du ’ne Macke. Irgendwann verliert jede Schönheit ihren Reiz, überall Palmen und weiße Strände. Dafür bin ich nicht gemacht, ich brauche Abwechslung. So wie hier, in der Ostsee hast du alles: Weite Strände und Steilküste, Wald." "Und natürlich deine geliebte Gefion," unterbricht ihn Penny. "Und meine Penny," gibt Tom artig zurück.

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