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Asche im Triebwerk: "Im schlimmsten Fall stehen die Turbinen still"

Seit Tagen legt der Ausbruch des Vulkans unter dem isländischen Eyjafjalla-Gletscher den europäischen Luftverkehr lahm. Worin besteht die Gefahr für ein Flugzeug? stern.de sprach mit Gerhard Hüttig, Professor für Flugführung an der TU Berlin. Er erklärt, wie gefährlich die Lava-Asche für die Triebwerke ist.

Herr Hüttig, haben die Behörden mit dem generellen Flugverbot überreagiert?
Ich kann beide Seiten verstehen. Keiner will am Pranger stehen, wenn etwas passiert. Auf der einen Seite hat der Bundesverkehrsminister die Verantwortung für die Sicherheit. Nach seinen Informationsquellen, die auch auf Abschätzungen beruhen, hat er den Luftraum sperren lassen. Auf der anderen Seite stehen die wirtschaftlichen Interessen der Fluggesellschaften.

Könnte Regen die Situation enstpannen?
Leider haben wir in den letzten Tagen überhaupt keinen Niederschlag. Wenn die Wetterlage mit heftigen Regenfällen verbunden wäre, hätten wir gar nicht dieses große Problem. Dann wäre die Asche ausgewaschen.

Was passiert mit der Asche, wenn sie in ein Triebwerk gelangt?
Wenn Asche, die aus festen Teilchen besteht, zusammen mit der angesaugten Luft in ein Triebwerk gelangt, verändern sich die Strömungsverhältnisse. Die Asche verklebt die Schaufeln, die sich sehr schnell drehen. Asche führt auch zu Erosion und Beschädigungen, die einen massiven Leistungsverlust des Triebwerks zu Folge haben. Im schlimmsten Fall stehen die Turbinen still.

Warum sind Aschepartikel für Flugzeuge so gefährlich?
Es kommt zu massiven Ablagerungen. Mir ist ein Fall einer Boeing 747 bekannt, in deren Triebwerk sich eine Masse von 70 Kilogramm Asche angesammelt hatte. Es kann auch Staub auch in die Kabine eindringen, denn im vorderen Teil des Triebswerks wird ein Teil der Luft für die Klimaanlage angesaugt. Das ist mehr als nur eine Geruchsbelästigung für die Passagiere.

Aber Flugzeuge durchfliegen auch Sandstürme?
Ein Pilot fliegt nicht gewollt durch Sandstürme, sondern macht möglichst einen Bogen. Sandstürme spielen sich in den unteren Schichten der Atmosphäre ab, zum Beispiel in der Nähe von Kairo oder Luxor. Dann wird dort auch nicht geflogen. Aschewolken reichen dagegen bis in die Flughöhe von Langstreckenflugzeugen.

Haben Piloten, die in Aschwolken gerieten, mit Sichtproblemen zu kämpfen?
Ein weiteres Problem sind die Cockpitscheiben, die durch die Asche wie durch ein Sandstrahlgebläse blind werden. Die Piloten können nichts mehr sehen. Noch Jahre nach dem Ausbruch des Mount St. Helens im Bundesstaat Washington wurde beobachtet, wie die Kabinenscheiben von Passagierflugzeugen blind wurden. Ursache waren die in der höheren Atmosphäre befindlichen Staubteile der Eruption von 1980.

Ist ein Propellerflugzeug in Aschewolken sicherer als ein Düsenjet?
Nein, auch ein Kolbenmotor saugt Luft ein und bleibt irgendwann stehen.

Wie sollen sich Piloten in Aschewolken verhalten?
Die Handbücher der Flugzeugsteller schreiben klare Handlungsanweisungen vor: Sie weisen daraufhin, nicht in Aschewolken einzufliegen oder notfalls eine 180-Grad-Kurve zu fliegen. Ansonsten gibt es in den Handbüchern den Querverweis auf das Kapitel über das Wiederanlassen der Triebwerke.

Till Bartels
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