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Gaskonflikt mit Russland Immer Ärger mit SGT-A65: Was macht eigentlich die vermisste Nord-Stream-1-Turbine?

Gasturbine SGT-A65
Gasturbine von Siemens, Modell SGT-A65. Offiziell schweigt das Unternehmen darüber, ob es dieser Turbinentyp ist, der für soviel Aufregung sorgt.  
© Siemens AG / DPA
Der Gasimport aus Russland stockt, weil angeblich eine Pipelineturbine fehlt. Die wartet zwar in Deutschland auf ihren Flug nach Sankt Petersburg, aber Gazprom als Besitzer zögert, sie auch anzunehmen. Die bizarre Farce geht in die nächste Runde.

Irgendwo in diesem Land steht ein Stahlmonstrum herum, ungefähr zehn Meter lang, fast 20 Tonnen schwer, das der Grund dafür ist, warum an anderer Stelle in diesem Land Gas nur püffchenweise hineinströmt. Eigentlich gehört das Gerät mit der Bezeichnung SGT-A65 zur Kompressorstation Portowaja in der Nähe der russischen Hafenstadt Wyborg, 140 Kilometer nördlich von Sankt Petersburg. Dort beginnt die Pipeline Nord Stream 1, die seit zehn Jahren Gas nach Westeuropa befördert und die Turbine, um die es hier geht, verdichtet den kostbaren Rohstoff, damit der nach Lubmin, Mecklenburg-Vorpommern kommt. So jedenfalls war es zuletzt, doch im Gaspoker zwischen Russland und Deutschland wird die Turbine von Siemens Energy zum Ass, das keiner haben will.

Gazprom nicht sicher, ob sie die Turbine haben wollen

Neuste Volte in der Farce, die für die Öffentlichkeit Mitte Juni begann: Gazprom, der russische Energiekonzern, beklagt, dass die Turbine nicht nach Portowaja geliefert wurde, sondern zunächst nach Deutschland. Aber eigentlich, so der Vize-Chef des Staatskonzerns am Freitag, könne man sie ohnehin nur annehmen, wenn es Garantien von der EU und von Großbritannien über die Nichtanwendung der westlichen Sanktionen gebe. Was genau er damit meinte, war unklar. Außerdem sei Hersteller Siemens mehrfach gebeten worden, vor Ort Reparaturen an weiteren Turbinen vorzunehmen, heißt es weiter. Kurzum: Schuld daran, dass aktuell nur 20 Prozent der möglichen Gasmenge nach Deutschland kommt, seien aus Sicht Russlands Sanktionen und Siemens.

Die Vorwürfe an das Unternehmen sind nicht neu, wurden in den vergangenen Wochen in verschiedenen Varianten immer wieder neu aufgekocht. Schon Ende Juni wies sie der Aufsichtsrat von Siemens Energy, Joe Kaeser, zurück: "Es ist sehr bequem, ein Unternehmen mit reinzuziehen, das in Russland bekannt ist." Und weiter: "Selbst wenn es so wäre, würde das niemals rechtfertigen, den Gasfluss so stark zu drosseln", sagte er in einem Interview. Auch andere Experten bezweifeln, dass das Fehlen einer einzigen Turbine derart große Auswirkungen haben soll.

Acht Kompressoreinheiten gibt es in Portowaja

Laut Mesit, Mitbetreiber der Portowaja-Station, sind vor Ort acht Kompressoreinheiten im Einsatz, von denen mindestens zwei als Redundanzsysteme, also als Ersatz dienen. In den vergangenen Jahren war der stetige Gasfluss trotz regelmäßiger Wartungen nicht einmal nennenswert gestört. Das weiß Gazprom natürlich auch. Die Ausrede lautet dem Vizechef Vitali Markelow zufolge so: Es gebe Probleme bei drei Turbinen, die einige waren bereits mehrfach ausgefallen, im Moment sei in den Gasverdichterstation nur eine von sechs Turbinen im Einsatz. Bis vor kurzem hieß es von Kreml-Sprecher Dmitri Peskow noch: "Wenn die Turbine von der Reparatur kommt, dann erlaubt das eine Zunahme der Umfänge." Gemeint waren die Umfänge der Gaslieferungen, die natürlich nicht als politisches Druckmittel eingesetzt würde, wie er beteuerte.

"Was hier geschieht, deutet auf ein politisches Spiel des Kreml hin: Die Daumenschrauben werden immer enger angezogen, um die Preise und den Druck auf die hiesige Politik hochzuhalten." Das sagte der Energieexperte Georg Zachmann Mitte Juni, als erstmals über die Problemturbine SGT-A65 berichtet wurde. Schon zu dem Zeitpunkt floss bereits seit vier Wochen deutlich weniger Gas aus dem Osten Richtung Deutschland. Für Mittwoch, den 15. Juni hatte Gazprom dann eine weitere Drosselung der Liefermenge angekündigt. Grund: Reparatur der Gasturbine, beziehungsweise der Umstand, dass das Gerät wegen der Sanktionen nicht aus Montreal, wo es überholt wurde, zurück nach Europa befördert werden könne.

Zu diesem Zeitpunkt stimmte das Sanktionsargument auch. Doch drei Wochen später gab Kanada die Turbine frei, unter Bauchschmerzen, wie die Regierung kundtat. "Es war eine schwere Entscheidung", sagte Premierminister Justin Trudeau am 10. Juli. Dennoch werde sein Land "eine zeitlich begrenzte und widerrufbare Erlaubnis" an Siemens Canada geben. Die Ausnahme von den  Sanktionen wurde damit begründet, dass Wladimir Putin versuche, die Alliierten gegen Russlands Angriffskrieg in der Ukraine mit seiner Energiepolitik zu spalten. "Das können wir nicht zulassen", wie der zuständige kanadische Minister Jonathan Wilkinson sagte. Einzige Bedingung: SGT-A65 wird nicht direkt nach Russland verschifft, sondern nach Deutschland.

Gas-Aufregung verfrüht

Während die Siemens-Leute überrascht reagierten, Bundeskanzler Olaf Scholz applaudierte, war Kiew verärgert: "Zutiefst enttäuscht" sei die Regierung in der ukrainischen Hauptstadt, hieß es. Denn für sie kommen die Gasimporte der Unterstützung Russlands und seines Angriffskriegs gleich. Die Aufregung ist verständlich, aber verfrüht. Denn seit der Ausfuhrgenehmigung Kanadas sind fast drei Wochen vergangen, doch die Gasturbine ist verschwunden. Beziehungsweise nicht in Portowaja an der Ostsee.

Wegen des Zeitdrucks war die Turbine mit einem Chartertransporter nach an einen Siemens-Energy-Standort nach  Deutschland geflogen worden. Dort wird oder wurde sie getestet und soll, ebenfalls per Flugzeug, weiter Richtung Sankt Petersburg gebracht werden. Auch dafür braucht es entsprechende Genehmigungen. Gazprom verkündete aber jüngst, dass es über kein einziges Dokument verfüge, das es erlaube, eine Gasturbine aus Kanada zurückzubringen. Allerdings wäre Gazprom auch gar nicht der Adressat für ein solches Papier sondern Siemens Energy. Dort heißt es: "Unser Ziel ist es, die Turbine so schnell wie möglich zu ihrem Einsatzort zu transportieren."

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Einer der Gründe, warum über den Verbleib der Turbine bei Siemens nur verschwiemelt gesprochen wird, dürfte darin liegen, dass sie zwar dort hergestellt wurde, sie dem Unternehmen aber nicht mehr gehört. Nicht einmal zur genauen Typenbezeichnung und Funktion will sich die Münchner Firma äußern. Zuständig ist sie für die technische Betreuung und Wartung, Siemens Energy ist also Kunde von Gazprom und hält sich vornehm zurück. Laut der Bundesregierung aber stehe das Gerät bereit zur Rückgabe nach Russland.

Es gibt eine alternative Pipeline

Wie es nun weitergeht, ist wohl eher eine Frage des politischen Willens als der deutschen Ingenieurskunst. Technisch notwendig jedenfalls ist SGT-A65 nicht. Und selbst wenn sie Probleme machen sollte, könnten die Russen, wen sie denn wollten, auch die Transgas-Pipeline über die Ukraine benutzen. Die hat noch freie Kapazitäten.

Quellen: DPA, AFP, "Handelsblatt", Mesit, Nord Stream, "Süddeutsche Zeitung"


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