Glosse Das erste Mal: Kreuzfahrt

Auf einem Kreuzfahrtschiff lässt sich nicht nur die Weite der Ozeane erleben, sondern auch die Enge eines straffen Bordprogramms. Ein Einblick in den alltäglichen Wahnsinn zwischen Kapitainsdinner und Landgang.
Von Claudia Pientka

Meinen ersten Kontakt mit Kreuzfahrern hatte ich in der Wohnung der besten Freundin meiner Schwester. Kathrin war gerade mit Freund Stefan von ihrer ersten Schiffsreise zurückgekehrt, sie 20, er 25, zusammen sieben Tage Karibik. Sie hatten ihren erweiterten Freundeskreis zum Dia-Abend eingeladen; etwa zehn kamen, vermutlich - ebenso wie ich - angelockt durch ein in der E-Mail versprochenes karibisches Grillbuffet. Es gab Fisch mit Mangodipp und Maisbällchen mit Käsefüllung; nach der Fütterung waren alle Gäste bereit für die Dia-Dröhnung. Musikalisch unterlegt wurde die Vorstellung mit Buena Vista Social Club; man sah das Paar beim Sonnenbaden auf dem Deck, beim Landgang auf einer Insel, die keiner mehr identifizieren konnte und beim Sonnenuntergang in der Panorama-Sauna. Das letzte Bild zeigte Kathrin in Kate-Winslet-Pose am Bug, selig lächelte sie in die Kamera. In dem Moment stoppte Stefan im Wohnzimmer die Musik, Kathrin zückte ihre linke Hand. Als glückliches Paar waren sie losgeschippert, als Verlobte kamen sie zurück. Ich hätte gewarnt sein müssen.

Meine erste Kabine auf einem Kreuzfahrtschiff befand sich am äußeren Rand des Schiffes. Keine Selbstverständlichkeit, jedes Schiff hat eine nicht unerhebliche Anzahl von Innenkabinen, in denen keine Tapetenfaser je von einem Sonnenstrahl berührt wird. Dennoch ist der Run auf diese Kabinen groß, denn sie sind bedeutend günstiger als Zimmer mit Tageslicht. Die Innenkabinler behaupten, sie seien ja doch nur zum Schlafen in ihren Zimmern. Die Außenkabinler freuen sich besonders über ihren kleinen Balkon, auf dem sie sich sonnen können, wenn die Innenkabinler mal wieder alle Liegestühle an Deck belegt haben.

Meine erste Nacht auf einem Kreuzfahrtschiff, wobei man sich an der Stelle des Meers die Hamburger Elbe zu denken hat, verbrachte ich in einer Kajüte der Freedom of the Seas. Nicht, dass ich eine Suite mit Wintergarten erwartet hätte, aber in der 14 Quadratmeter Butze, die im Prospekt als geräumige Kajüte angepriesen war, hatten die Kissen auf dem Doppelbett mehr Platz als ich. Nun gut, 1816 weitere Kabinen mussten ja auch noch Platz auf dem Schiff finden, 4375 Passagiere wollen schließlich irgendwo untergebracht werden. Es waren höchstens ein Drittel der Zimmer belegt, nur ein paar C-Prominente, Journalisten und Reisebüroangestellte waren eingeladen worden, um sich einen ersten Eindruck vom größten Kreuzfahrtschiff der Welt zu machen. Wobei das nur in Punkto Passagiermenge gilt, denn die Queen Mary 2 ist sechs Meter länger und damit das längste Kreuzfahrtschiff der Welt. Rekorde sind wichtig in der Seefahrt.

Mein erster Tag an Deck zerstörte meine letzten romantischen Illusionen einer Kreuzfahrt. Vor meinem geistigen Auge hatte ich in Plaids gehüllte Menschen auf hölzernen Liegestühlen gesehen, die ihren Briefroman nur zur Seite zu legen, um eine Partie Schach zu spielen. Beim Kapitäns-Dinner würden Passagiere über die Langsamkeit des Reisens philosophieren und während der Landgänge könnten sie über den Unterschied von dorischen und ionischen Säulen dozieren. Die Freedom of the Seas jedoch ist eher wie Las Vegas auf See, mit Hochzeitskapelle, Eislaufbahn und künstlichem Surfkanal. Im riesigen Bordkasino plärren die einarmigen Banditen, im Fitnessstudio die Aerobictrainer. Die Insassen von Kabine 6305 bekommen während der gesamten Kreuzfahrt kostenlos Eiscreme, weil ihr einziges Fenster direkt zur pinkfarben erleuchteten Shopping-Mall zeigt und sie aus diesem auf die blinkenden Hinterteile zweier Kühe blicken müssen, die das Markenzeichen der Eisdiele sind.

Mein erstes Dinner an Bord sollte ich im großen Speisesaal zu mir nehmen, darin ein Baumkronen-großer Leuchter, Stühle mit rotem Samtbezug, Papierservietten, die wie Papstmützen aus Weingläsern lugten. Welch Kontrast zum Mittagessen, wo Passagiere wie Pauschaltouristen auf Malle Futter von Plastikgeschirr aßen und ihre Cola in Sangria-Manier aus eimergroßen Kunststoff-Gläsern schlürften. Ich hatte mich schick gemacht. Nur hatte ich leider die wichtigste Regel des Kreuzfahrtlebens nicht beachtet: Komme pünktlich! Dinner um 19 Uhr kann nämlich bedeuten, dass der Tisch für 20 Uhr erneut vergeben wurde. Wer um zwanzig nach sieben kommt, muss damit rechnen, dass das Essen vor den Getränken auf dem Tisch steht, der Brotkorb mit der Hauptspeise gereicht wird und das Personal den Teller schon weggeräumt hat, bevor der letzte Bissen im Magen gelandet ist. Alle Passagiere wollen schließlich irgendwo essen und das können sie nicht gleichzeitig.

Mein erster Morgen an Bord eines Kreuzfahrtschiffes war kurz. Geweckt wurde ich von einer Frauenstimme. Sie war nicht sanft und freundlich, sondern schrillte gell über die Freisprechanlage in mein Ohr: "Bitte denken sie daran, das Schiff bis spätestens 6.30 zu verlassen". Ich wurde rausgeworfen, das Schiff sollte startklar gemacht werden für echte Passagiere, die den Luxus des größten Kreuzfahrtschiffes der Welt zu schätzen wissen. Noch, denn 2009 wird das neuste größte Kreuzfahrtschiff der Welt vom Stapel laufen. Eines weiß ich sicher: dann ohne mich. Das war mein letztes Mal auf einem Kreuzfahrtschiff.


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