Rumänien Der Zar, der Club und die Sexmesse


Seit der blutigen Revolution hat sich in Rumänien viel verändert: das Land vibriert vor Lebenslust. Zum neuen Lebensgefühl gehören auch verrückte Designer, hippe In-Clubs und sogar eine deftige Sexmesse.
Von Matthias Schepp

Der rumänische Modezar Catalin Botezatu kennt noch die Zeiten, als gewagte Ausschnitte und schicke Kleider stets im Verdacht standen, ein Attribut des kapitalistischen Klassenfeindes im Westen zu sein. Unter dem Diktator Ceausescu passten Luxus und Sex nicht zur kommunistischen Propaganda, sie waren ein Privileg der oberen Parteikader. "Elena, die Frau von Ceausescu und erste Lady im Staat, mochte mich sehr", erinnert sich Botezatu. Der 38-jährige Designer arbeitete damals, Mitte der Achtziger, schon als Model und gewann einen Ostblock-Männermodel-Wettbewerb in Leipzig. "Immer wenn Elena Ceausescu eine der Modeschauen für die Parteielite besuchte, bestand sie darauf, dass ich daran teilnahm und ihr am Ende einen Blumenstrauß überreichte und ihr einen Kuss auf die Wangen drückte",erzählt der Modemacher im stern-Gespräch. Schnell checkt er noch die Belegung der Tische in seinem rumänischen Spezialitäten-Restaurant im Herzen von Bukarest.

Dann lässt er sich zur "Casa Poporului" fahren, dem Palast des Volkes. Das monströse Bauwerk gilt als das bis heute sichtbarste Zeichen der Herrschaft von Ceaucescu, der im Dezember 1989 mit seiner Frau Elena hingerichtet wurde. Fünf Jahre hatte es gedauert, bis 700 Architekten und 20.000 Arbeiter den 3, 3 Milliarden Euro teuren Bau vollendet hatten. In den Zeiten des kommunistischen Ein-Parteien-Staates fanden auf dem großen Platz vor dem Palast Massenaufmärsche und Paraden statt.

Genau dort provoziert Botezatu heute mit seinen gewagten Kreationen. Für ein Modeshooting lässt er drei Mädchen und zwei fesche Jungs posieren. Die 18jährige Kristina trägt ein luftig-blumiges Outfit, die blonde Lavinia ein schwarzes Abendkleid mit einem Spinnennetz aus Silber, das sich um den Bauchnabel rankt. Botezatu verkauft das Outfit für 2500 Dollar. Carmen präsentiert sich im Star Wars-Look mit roten Widderhörnern und einer durchsichtigen schwarzen Bluse. Die beiden Männer lässt Botezatu in knappen Unterhosen in Tarnanzugoptik antreten. Die vorbeikommenden Passanten lächeln. Fünfzehn Jahre nach der blutigen Revolution ist Rumänien ein freies Land.

Enfant terrible Bukarests

Ein Liebespärchen erkennt den Designer, das Enfant terrible der jungen, wilden Szene von Bukarest. Tuschelnd flanieren die beiden weiter. In den In-Clubs der rumänischen Hauptstadt wollen die Gerüchte nicht verstummen, dass Botezatu schöne Jungs noch lieber mag als die vielen hübschen Mädchen, mit denen er sich umgibt. Mit einem süffisanten Lächeln wird weitererzählt, dass Botezatu einige Jahre bei der Designerlegende Gianni Versace gelernt hat. Auch der Italiener hatte etwas für schöne Männer übrig.

Am Abend braust der Modezar für ein Wochenende nach Mamaia, den Badeort an der Schwarzmeerküste, drei Autostunden von Bukarest entfernt. Mamaia mit seinem sieben Kilometer langen Strand ist ein Möchtegerne-Saint-Tropez, tatsächlich aber eher ein osteuropäisches, Rest-sozialistisches Rimini. Dicht gedrängt suchen die Menschen am Strand nach Erholung. Botezatu aber steigt in einem Fünf-Sterne-Hotel ab und stürzt sich in das Nachtleben. Um Mitternacht will er im "Kristal" sein.

Pornos von Rumänen für Rumänen

An der Uferpromenade wälzen sich tausende Touristen vorbei an Restaurants und Bars. Die Attraktion des Abends ist die erste rumänische Sexmesse. Ein Transvestit begrüßt die Gäste, Verkäuferinnen tragen Krankenschwestersex-Kostüme und der Pornodarsteller Titus Steel erzählt Journalisten von seinem Traum, "endlich in Rumänien Pornos mit Rumänen für Rumänen" zu machen. Seine Freundin wird vor Eifersucht ganz nervös, wenn er einmal fünfzehn Minuten von ihrer Seite weicht. Dann fallen auf der Bühne alle Hüllen. Die Zuschauer drücken begeistert auf die Auslöser ihrer Digitalkameras.Später im "Kristal" laufen die Mädchen in Bikinis herum, so knapp und so knallbunt, wie in Rio. Die Männer tragen T-Shirts und modisch-zerschlissene Jeans oder schwarze Anzüge. Bei einige Frauen legt das Leder- und Latex-Outfit den Verdacht nahe, dass sie sich vorher bei der Sexmesse eingekleidet haben. Irgendwann weit nach Mitternacht übersteigt die Zahl der knutschenden Pärchen, die es sich auf den ausladenden Sofas bequem machen, die der allein Gebliebenen. Die Stimmung ist prächtig. Nur Botezatu ist diesmal nicht aufgetaucht. "Der feiert woanders seine ganz private Party", erklärt der Clubmananger.


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