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Schwules Oktoberfest: Oans, zwoa, Stößchen

Die letzte konservative Bastion fällt: Auf dem Oktoberfest stürmen mehr und mehr Schwule die Zelte. Mehrere Tausend lassen's am ersten Wiesn-Sonntag im Bräurosl-Zelt ordentlich krachen. Und das ist erst der Auftakt zu einer "Rosa Wiesn".

Von Jens Maier

Das Bier fließt in Strömen, auf den Bänken wird zu "Servus, Grüezi und Hallo" mitgegrölt und das ein- oder andere Pärchen hat sich bereits fürs "Bussi-Bussi" gefunden: Eigentlich ist das Festzelt der "Bräurosl" an diesem Tag nicht von anderen auf dem Oktoberfest zu unterscheiden. Säßen da in den Reihen nicht ausschließlich Männer. Denn am ersten Wiesn-Wochenende ist die "Bräurosl" schon seit Jahren fest in schwuler Hand. Anfangs gab es noch schiefe Blicke und nur eine dafür gesperrte Galerie, mittlerweile wird der "Gay Sunday" sogar vom Münchner Tourismusamt beworben und selbst Oberbürgermeister Christian Ude ließ es sich nicht nehmen, die bunte Gesellschaft mit einer kurzen Rede zu empfangen.

Matthias und sein Freund Peter sind extra für das schwule Wiesn-Wochenende aus Hamburg angereist. Wie tausende von anderen schwulen Oktoberfestbesuchern mussten die beiden früh aufstehen, um einen der 6200 Sitzplätze zu ergattern. "Wir sind bereits seit 9 Uhr hier und konnten uns nur mit Mühe eine Bank sichern", sagt Matthias, der gebürtig aus Würzburg kommt und schon mehrere Male beim Oktoberfest dabei war. "Doch so voll war's um diese Uhrzeit noch nie." Alle Reihen sind belegt, von draußen strömen immer noch Männer ins Festzelt. Kurz darauf muss das Sicherheitspersonal zum ersten Mal die Eingänge wegen Überfüllung schließen. Zu diesem Zeitpunkt sind 8000 Menschen im Zelt, mehrere hundert drängeln sich vor der Tür. Und das, obwohl noch nicht mal die Musik angefangen hat zu spielen.

14 Stunden schwule Party

Bis dahin fließt wenigstens das Bier. Die Wiesn-Bedienungen haben am frühen Morgen schon alle Hände voll zu tun. Auch Matthias und Peter und ihre Freunde aus München prosten sich bereits mit der ersten "Maß" zu. "Wir haben gut gefrühstückt", sagt Peter, "schließlich wollen wir bis zum Schluss Uhr durchhalten." 14 Stunden Wiesn liegen vor den beiden, Kehraus ist um 23 Uhr. Und dann kommt der erste Höhepunkt: Die Blaskapelle hält um 12 Uhr feierlich im Festzelt Einzug und 8000 Schwule stürmen die Bierbänke. Die zelteigene Jodlerin, die singende Bräurosl, begrüßt ihre Gäste mit dem traditionellen "Servus, Gruezi und Hallo" und 8000 Kehlen singen mit.

"Die feiern auch nicht anders als die heterosexuellen Männer", sagt Bedienung Claudia, die bereits zum zweiten Mal auf dem Oktoberfest die Bierkrüge schleppt. "Aber manchmal sehn's die Schwulen dann doch ein bisserl anders aus." Auf dem Bräurosl-Balkon, einer Empore mit ungefähr 50 Tischen, wähnt man sich eher auf einem Biker-Treff, als auf dem Oktoberfest. Hierhin haben nur die Mitglieder des Münchner Ledertreffs "Löwen" Zutritt. Einige sind komplett in schwarze Lederanzüge gekleidet, andere tragen Latex, wieder andere haben ihr T-Shirt bereits ganz ausgezogen. Ralph, der auffälligste Typ in der Menge, hat eine kahl rasierte Glatze und ein Nasenpiercing, dazu trägt er Army-Klamotten und schwarze Springerstiefel. Der 38-Jährige hat einen Army-Fetisch und Lust auf "Master und Slave"-Spielchen. Seine Sklaven hat er gleich mitgebracht. Zwei Kerle um die 40 knien vor ihm und lecken ihm die Stiefel. Einer von den beiden onaniert dabei. Doch von diesem Treiben nimmt kaum jemand Notiz. Nur eine der Bedienung guckt etwas irritiert als sie die leeren Maßkrüge an den dreien vorbei in die Küche schleppt.

Gangbang-Partys und wilde Sexorgien

Unter den anderen schwulen Oktoberfestbesuchen sind über den "Löwen"-Balkon die wildesten Gerüchte im Umlauf. Von Gangbang-Partys ist die Rede und wilden Sexorgien mitten zwischen den Bierbänken. Über derartige Klischees ärgert sich Raymund Spiegl, Vorsitzender der "Löwen": "Hier geht's auch nicht anders zu als da unten oder in anderen Festzelten, nur weil sich hier ein paar Männer in Lederoutfits rumtreiben", sagt er. Er hat das Treiben in der Ecke offenbar gar nicht mitbekommen. "Hier oben sind 300 Schwule und drei davon machen so was", rechtfertigt er sich, und nur das eine stehe dann wieder in der Zeitung. "In der Berichterstattung, egal ob bei Christopher Streetday oder schwulem Oktoberfest wird immer so getan, als gäbe es hier nur Orgien und Verrückte."

"Harmlos" findet auch Matthias das Treiben im Zelt. Noch vor ein paar Jahren, so erzählt er, sei es zu vorgerückter Stunde in einigen Ecken wirklich zur Sache gegangen. "Zum Pinkeln war da kaum einer auf der Toilette", sagt er. Seitdem in den Oktoberfest-Zelten verstärkt Sicherheitskräfte eingesetzt werden, ist damit aber Schluss. Auch auf den Toiletten wird jetzt das "Pieseln" überwacht. Und wer sich daneben benimmt, fliegt gnadenlos aus dem Festzelt. "Orgien oder was da sonst so in der Zeitung steht, das ist doch alle Quatsch", sagt Matthias. Auch Claudia, die Bedienung, hat von einer Orgie noch nichts mitbekommen. "Im Gegenteil", sagt sie, "die meisten schwulen Besucher sind sogar friedlicher als andere Männer. Bierkrüge fliegen hier jedenfalls nur selten."

Dafür wird umso herzlicher "gebusselt". Georg und André aus München haben sich erst vor ein paar Stunden kennen gelernt und stehen jetzt eng umschlungen und knutschend auf einer der Bierbänke. "Das gehört zur Wiesn dazu", sagt Georg, "wir Münchner sind eben besonders herzlich." Die eigentliche Party beginnt erst ab 18 Uhr, wenn die traditionellen Wiesn-Hits wie "Hey Baby", "Fürstenfeld", "Die Hände zum Himmel", "Anita" und "Sierra Madre" gespielt werden dürfen. Diese Einschränkung gehört zum Konzept der "Sanften Wiesn" und gilt für alle Festzelte. Die Wirte der 14 Festzelte haben sich verpflichtet, bis 18 Uhr keine "heißen" Hits zu spielen und die Lautstärke unter 85 Dezibel zu halten. Andernfalls drohen Bußgelder. Um 23 Uhr ist dann definitiv Schluss, die letzten Besucher werden aus dem Zelt gefegt.

Weitere "rosa" Tage

Die Bräurosl ist erst der Auftakt einer ganzen Reihe von schwulen Veranstaltungen während des Oktoberfests. Die "Prosecco-Wiesn" in der Fischer Vroni findet traditionell am zweiten Montag statt. Dort trifft sich die schwule Szene Münchens. Wer sicher dabei sein will, sollte sich einen halben Tag frei nehmen, denn ab dem Nachmittag wird's eng im kleinsten Zelt auf der Theresienwiese. Kein Geheimtipp mehr ist der schwule Wiesn-Ausklang am letzten Tag im Schottenhammel. Matthias und Peter werden dann schon wieder in Hamburg sein. Immerhin haben sie tatsächlich 14 Stunden und fünf Maß lang durchgehalten.

Schwule Tage auf dem Oktoberfest:

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