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Stubaier Gletscher: Schneekanonen und Naturkost

Am Stubaier Gletscher läuft die Skisaison gut an. Doch der Aufwand dafür wird immer größer. Ein Round-Table-Gespräch über die aktuellen Herausforderungen und die Zukunft des Wintersports.

Stubaier Gletscher, Bergstation Schaufeljochbahn. Auf 3165 Metern ist der Winter eingezogen. Viele Lifte laufen bereits. Jede Gondel, die ankommt, ist besetzt. Täglich genießen an die 4000 Skifahrer die ersten Schwünge der Saison.

stern.de fragte Verantwortliche der Region, wie sich der Klimawandel auf die Gletscherskigebiete auswirkt, und wer sich in Zukunft Skiurlaub noch leisten kann. Gesprächspartner sind Andrea Sartori, die sich seit über 20 Jahren um die Vermarktung des Skigebietes kümmert, und Catherine Probst und Matthias Pronegg. Beide arbeiten bei den Stubaier Gletscherbahnen und beim Tourismusverband Stubaital. Alle drei sind selbst begeisterte Wintersportler.

Finanzkrise, Rezession - die Bürger haben Angst um ihr Erspartes. Wie verkauft sich da die heile Winterwelt?

Andrea Sartori:

Gar nicht schlecht. Momentan spüren wir nichts von der Krise. Nach unseren Erfahrungen kommen in schwierigen Zeiten sogar eher mehr Gäste. Nahziele stehen dann immer hoch im Kurs.

Matthias Pronegg:

Allerdings fällt die Urlaubsentscheidung immer spontaner. Gebucht wird oft erst kurzfristig, auch die durchschnittliche Zahl der Übernachtungen sinkt.

Ist Ski fahren für Familien überhaupt noch erschwinglich?

Andrea Sartori:

Wir bieten ein breites Spektrum an Unterkünften. Neben Hotels aller Kategorien gibt es im Stubaital viele Privatunterkünfte zu eher günstigen Preisen. Das kann durchaus ein Vorteil sein. Besonders für Familien und ältere Leute ist das attraktiv. Dumping-Angebote, die auf Kosten der Qualität gehen, gibt es bei uns nicht.

Was macht ein Hotel zum Familienhotel?

Matthias Pronegg: Familienhotels sollten bei der Preisgestaltung Rücksicht auf das Budget ihrer Gäste nehmen. Aber auch in puncto Einrichtung und Service müssen diese Hotels klare Kriterien erfüllen: Zimmer, die von den Erwachsenenschlafzimmern direkt erreichbar sind, zusätzliche Kinderbetten in den Elternzimmern, Spielzimmer, Kinderbetreuung oder Begrüßungsgeschenke für den Nachwuchs.

Wie können Familien im Winterurlaub Geld sparen?

Matthias Pronegg:

Wer längere Zeit im Voraus bucht, ist sicher im Vorteil. Die besten und günstigsten Angebote sind sonst schnell weg, gerade in Ferienzeiten.

Catherine Probst:

Man kann und sollte sich auch mal ein Alternativprogramm überlegen. Der Winter macht auch beim Rodeln oder einer Schneeschuhwanderung Spaß. Das kostet deutlich weniger als ein Skitag.

Andrea Sartori:

Auch bei der Wintersportausrüstung lässt sich einiges sparen. Leihen die Eltern ihr Ski-Equipment in einem der drei Shops im Skigebiet, ist die Leihausrüstung für die Kinder kostenlos, und es gibt sogar gratis einen Leihhelm dazu. Zusätzlicher Vorteil: Die Ski sind immer perfekt präpariert, die Bindungen richtig eingestellt.

Werden die Kinder, die jetzt Ski fahren lernen, auch als Erwachsene noch am Stubaier Gletscher fahren können?

Catherine Probst:

Im Sommer legen wir Schneedepots zum Schutz des Eises an, Teilbereiche des Gletschers werden mit Planen aus weißen Fliesstoffen abgedeckt. Ein Forschungsprojekt in Zusammenarbeit mit der Universität Innsbruck hat gezeigt, dass sich so trotz der Klimaerwärmung gewisse Schnee- und Eismengen vor dem schnellen Abschmelzen retten lassen.

Trotzdem sind Gletscherskigebiete ein deutlicher Eingriff in eine sensible Naturregion.

Andrea Sartori:

In den Stubaier Alpen gibt es 100 Gletscher. Das Skigebiet Stubaier Gletscher besteht aus fünf Gletschern, die restlichen 95 sind unberührt. Die als Skigebiet genutzte Fläche ist minimal. In Tirol werden gerade mal 0,7 Prozent der Landschaft für den Skilauf genutzt. Wer sich eine halbe Stunde davon entfernt, findet sich in unberührter Natur wieder - selbst in stark erschlossenen Wintersportregionen.

Was tun sie, um den Lebensraum zu schützen?

Andrea Sartori: Wichtig ist es, die Landwirtschaft im Tal zu erhalten. Sie pflegt die Natur. Die Gastronomie der Stubaier Gletscherbahn und viele Hoteliers kaufen ihr Fleisch und die Milch bei den örtlichen Bauern. Im Großhandel wäre das sicher günstiger. Bettenburgen großer Konzerne gibt es hier nicht - das war schon vor 20 Jahren eine ganz bewusste Entscheidung.

Das klingt nach einem idealistischen Ansatz ...

Andrea Sartori:

... bei dem es in der Tat nicht nur um Gewinnmaximierung geht. Die Idee lautet: Bewusst und miteinander leben - Tourismus, Natur und Landwirtschaft. In vielen Häusern kommen Nahrungsmittel aus der Region auf den Tisch. Das schützt nicht nur die Natur, sondern tut auch dem Menschen gut. Der schmeckt sehr wohl, ob die Produkte von glücklichen Kühen kommen.

Mittlerweile stehen selbst am Gletscher Schneekanonen. Ist das wirklich nötig?

Andrea Sartori:

Die Schneelage am Gletscher war in den 80er Jahren teilweise schlechter als jetzt. Seitdem sind aber mehr Liftanlagen gebaut worden, deren Talstationen teilweise am Ende der Gletscherzunge liegen. Genau in diesem Bereich sind die Gletscher zurückgegangen. Deshalb werden im Herbst vor allem die Randbereiche der Gletscher beschneit.

Das treibt die Kosten für den laufenden Betrieb des Skigebietes in die Höhe. Rechnen sich die riesigen Investitionen in den Wintersport eigentlich noch?

Andrea Sartori:

Kleine Skigebiete tun sich wegen der geringeren Gästezahlen schwerer, die Investitionen zu refinanzieren. Doch moderne Anlagen sind überlebenswichtig, um konkurrenzfähig zu bleiben. Die Branche hat in den letzten Jahren sehr stark aufgerüstet.

Catherine Probst:

Keine Wartezeiten, Schneesicherheit, viel Komfort - der Gast erwartet das.

In welche Richtung werden sich die Skiregionen in den nächsten Jahren entwickeln?

Matthias Pronegg:

Wir sollten das steigende Bewusstsein für Umweltschutz und Natur nutzen, um unser Angebot unter diesen Aspekten weiter zu verbessern.

Andrea Sartori:

Tatsache ist: Die Zahl der Skifahrer ist rückläufig. Anliegen aller Skidestinationen muss es deshalb sein, den Wintersport wieder zu fördern. Verbände und Institutionen müssen überregional zusammenarbeiten, um die Faszination der Freizeit im Schnee zu erhalten.

Wie akut ist diese Bedrohung für den Wintersport?

Andrea Sartori:

Das ist nicht wirklich eine akute Bedrohung. Aber langfristig müssen die Verantwortlichen im Tourismus diesen Rückgang wahrnehmen und entsprechend handeln. Damit sind wir wieder da, wo wir begonnen haben. Wer als Kind nicht Ski fahren lernt, wird später nicht mehr die große Begeisterung entwickeln. Es ist für einen 30-Jährigen einfach viel schwerer, Skifahren zu lernen. Deshalb werden wir unsere Angebote für Kinder und Familien weiter verbessern.

Interview: Christian Penning

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