Wannsee Packt die Badehose ein...

100 Jahre ist es her, endlich durfte mit Erlaubnis im Wannsee gebadet werden - das Berliner Strandbad war eröffnet. Bis heute wird es von Jung und Alt heiß geliebt.
Von Eva Lehnen

Auf der obersten Treppenstufe halten sie alle inne: Die aus Berlin- Mitte oder Prenzlauer Berg mit ihren geflochtenen Picknickkörben und riesigen Sonnenbrillen und auch die Adiletten- Berliner mit MP3-Playern im Ohr und Kühltaschen an der Hand bleiben stehen. Das Kind hört auf zu brüllen, die Mutter entspannt ihre Mundwinkel. Der Mittdreißiger, der ein bisschen aussieht wie Stefan Effenberg, nur mit braunem Haar, unterbricht für einen Moment sein Handy-Telefonat: "Ist ja geil."

Glitzernd liegt er dort, der Wannsee, eingerahmt vom Grün des Grunewalds. Strandkörbe thronen am Ufer, einige von Gummikrokodilen und aufblasbaren Orcawalen bewacht. Der Sand, einst aus Timmendorf herangekarrt, ist nahezu weiß. Weit draußen auf dem See zieht eine Segelbootregatta vorbei, ein paar Sportschwimmer kraulen entlang den Bojen.

Sand, Sonne, Wasser

Schon oben hört man das Kreischen: 21 Grad Wassertemperatur sind nicht jedermanns Sache. Die Sonne braucht noch etwas Zeit, um den Wannsee aufzuladen. Aber die Berliner sind nicht zimperlich, ihrem Strandbad haben sie den stolzen Namen "Lido" gegeben. Warum in die Ferne schweifen, sich mit dem Auto in den Stau gen Ostsee einreihen, wenn man mit der S-Bahn nur einige Stationen Richtung Südwesten fahren muss, um warmen Sand unter den Füßen zu spüren?

Herr über den Wannsee. Axel Ott ist immer zur Stelle und möchte nur eins: Die Gäste sollen entspannen und genießen

Bis zu 30.000 Sommerfrischler kommen an einem guten Wochenende aus dem Hauptstadt-Moloch hinaus ins Binnenbad, eins der größten Europas. Schieben sich, von der Haltestelle "Nikolassee" kommend, den schattigen Wannseebadweg entlang, um sich im Strandbad abzulegen. Zu verlockend der Dreiklang "Sand, Sonne, Wasser", das Versprechen von einem Stück Urlaub mitten in der Stadt.

"Ohne Prolls wäre es langweilig"

"Wenn man keine Zeit hat, ans Meer zu fahren, ist das eine super Alternative. Der Sand, das leichte Klatschen der Wellen. Wenn man die Augen schließt, ist es wirklich ein bisschen wie am echten Strand", sagt Conny, 22, Studentin aus Schöneberg. Ihr Freund Yigal, Hamburger, 29, sagt: "Außerdem ist es richtig sauber hier. Und die Prolls ... mal ehrlich ... ohne die wäre es ja auch langweilig."

Am Wannsee versucht man sich möglichst wenig auf die Nerven zu gehen. Vom Wasser aus gesehen links, hinter dem Sichtschutz, breiten sich die FKKler und Homosexuellen aus, in der Mitte macht die Halbstarken-Fraktion auf cool, ganz rechts mieten Familien ihre Strandkörbe und diejenigen, die lieber etwas abseits liegen wollen. Mit zwei Freundinnen, Prosecco und Biobrötchen ist Gabriel, 29, an diesem Samstag an den Wannsee gekommen: "Das Flair, die Architektur - das Strandbad ist ein richtiger Mythos."

Das Strandbad ist eröffnet

Ein Mythos, der seit Beginn des 20. Jahrhunderts an seiner eigenen Geschichte schreibt. Außerhalb der Badeanstalten herrscht damals absolutes Badeverbot. Auch im Wannsee. Preußische Gendarme mit Pickelhaube walten mit Strenge. Doch langsam wird auch die Polizei nicht mehr Herr über die Massen, die sonntags aus den engen Mietskasernen strömen, in denen es kein fließendes Wasser gibt. Leichtbekleidete, gar nackige Männer! Freizügige Damen! Was für ein Skandal! Pikierte Nachbarn notieren das Geschehen am Wannsee, Streitschriften werden geschrieben. Erst nach langem Hin und Her werden am Südostufer des Sees am 8. Mai 1907 die Verbotsschilder abgebaut und dafür ein neues aufgehängt: "Öffentliche Badestelle". Das Strandbad ist eröffnet.

Die gelb gefliesten Gebäude, die Umkleidekabinen, der Wandelgang und die Sonnendecks darüber werden 1929 errichtet. Und wäre es der Weltwirtschaft damals nicht so schlecht ergangen, hätten die Architekten Richard Ermisch und Martin Wagner sogar ihren Traum von einem gigantischen "Weltstadtbad" verwirklicht: Dann wären die Bauten heute nicht 540 Meter, sondern doppelt so lang. Oben, am Hang über dem Strand, steht ein kleines braunes Holzhaus. Im Garten sitzt das Ehepaar Stehlin. Max Stehlins Großvater war einer der ersten Badegäste im Strandbad, der Vater einer der ersten Rettungsschwimmer.

"Für mich ist das hier der schönste Arbeitsplatz der Welt"

1946 wurde Max Schwimmmeister im Strandbad. Das Häuschen, in dem der 86-Jährige noch heute mit seiner Frau wohnt, ist seine alte Dienstwohnung. Weg wollte er nie. "Besser kann man es doch gar nicht haben", sagt er. Neben ihm liegt ein Fernglas. Sein Bad lässt er auch heute, fast drei Jahrzehnte nach seiner Pensionierung, nicht aus den Augen. "Als Max noch Schwimmmeister war und einmal krank im Bett bleiben musste, hat er sich im Schlafzimmer einen Spiegel so aufgestellt, dass er das Treiben im Bad und auf dem Rettungsschwimmerturm beobachten konnte", erzählt Edith Stehlin.

Dort hat mittlerweile Badbetriebsleiter Axel Ott das Sagen. Vor 36 Jahren, als 20- Jähriger, hat er als Rettungsschwimmer angefangen. "Für mich ist das hier der schönste Arbeitsplatz der Welt." Auch wenn, vielleicht aber auch gerade weil, er sich an manchen Tagen eher als Zoodirektor oder Psychologe fühlt. Höchst persönlich läuft Ott am Strand auf und ab, um Eltern daran zu erinnern, ihren Kindern in der Mittagshitze ein T-Shirt anzuziehen oder eine Mütze aufzusetzen.

Es könnte noch schöner sein

Beruhigt die Gemüter, wenn es Krach um den Strandkorb gibt und ruft den Helikopter, wenn Schwangere die Wehen bekommen. "Das Bad ist ein Spiegelbild der Gesellschaft. Manchmal kommen Leute mit einer üblen Laune, unglaublich. Bei dem Druck im Job heutzutage kann man das aber auch verstehen. Die sollen es hier so angenehm wie möglich haben. Mich freut es, wenn die Leute abends fröhlicher gehen als sie nachmittags gekommen sind."

Dabei , meint Ott, könnten es die Badegäste noch schöner haben. Zwar ist die Sanierung des Strandbades nach jahrzehntelangem Gezerre und Geldgerangel gerade erst abgeschlossen, aber das Restaurant, das berühmte "Lido", steht immer noch marode und verlassen da. Ein Investor müsste her. "Stellen Sie sich mal vor: Da werden Hunderte von Millionen in das neue Stadtschloss gesteckt und uns würden schon drei oder vier Millionen Euro reichen. Ich verstehe, dass Kultur wichtig ist. Aber die Kinder will ich sehen, die sich bei 30 Grad im Schatten sagen lassen: Kommt, wir verbringen einen lustigen Nachmittag im Museum."

fast so schön wie in der Karibik"

Hätte Ott die Millionen, er wüsste genau, was zu tun wäre. Da er sie aber nicht hat, sorgt er auf anderem Wege dafür, dass sein Strandbad etwas Besonderes bleibt. Eigentlich könnte er, laut Reglement der Berliner Bäder-Betriebe, um 19 Uhr schließen. "Das kann man den Leuten nicht antun. Dann würden sie ja den Sonnenuntergang verpassen. Und der ist hier fast genauso schön wie in der Karibik."

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