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Wellness: Und Tschüs, Mama

Im Urlaub wünschen sich Kinder Abenteuer. Schwierig, wenn die Mutter Ruhe und Wellness sucht. Eine Wohlfühlfarm in Portugal macht beide glücklich.

Wo, beim Himmel, geht es hier zur Wellness? Von Faro nach Monchique, dann zwei Stunden nordwestlich über Schotter, Stock und Stein. Endlich ein Schild: Reguengo. Wohlfühlfarm im Alentejo. Eine Hand voll Häuser hingeworfen ins Niemandsland. Vale d'Aguia, Adlertal, heißt dieser Flecken im tiefen Südwesten Portugals: 15 Kilometer Holperpiste zum nächsten Ort. 15 Kilometer bis zum Atlantik. Der Wagen ächzt, der Sohn auch.

Entspannung für alle?

"Willkommen. Ich bin Tarisha", die gertengleiche Gestalt führt uns zu unserem Zimmer. Nichts als Grün sieht das Auge, kluftige Hügel und braunen Stein. Schafsglocken bimmeln. Ein knorriger Feigenbaum steht still, dahinter gurgelt die Seixe. Diese Ruhe, denke ich. Na klasse, denkt mein Sohn. Mutter-mit-Kind-Entspannung soll hier stattfinden: Die Mutter lässt sich mal so richtig hängen, und der Spross ist mit dabei. Ein ehrgeiziges Vorhaben in dieser gottverlassenen Ecke, ohne die übliche Ablenkung, ohne Kinder-Animateure, ohne Clublife, ohne Pool.

Keine Hektik, kein Handy

Sieben Deutsche haben vor sieben Jahren die zwölf Hektar Land gekauft und auf den Ruinen der verlassenen Gehöfte Reguengo, "Königsland", aufgebaut. Vier von ihnen - Kali, die Körpertherapeutin, Thomas, Betriebswirt und Schreiner, Tarisha, die Erzieherin, und Margit, die Köchin - sind geblieben und leben davon, Menschen in ihr unfertiges Paradies einzulassen und es ihnen mit allem, was sie selbst gut finden, so schön wie möglich zu machen: ökologische Lebensweise, sanfte Bewegung, entspannende Massagen. Keine Hektik, kein Handynetz - wer unbedingt telefonieren will, muss dafür den Berg hochklettern.

Natur pur

Den Strom erzeugt die Sonne, das Wasser kommt aus eigenem Brunnen. Im großen Garten wachsen Kräuter, Obst und Gemüse. Lauschige Ecken locken unter südlichen Pergolen, Plätze zum Lesen, Klönen und in die Landschaft schauen, umwachsen von duftendem Gesträuch und wildem Wein. Pfauen und Hühner mit dicken Federfüßen wackeln umher. Der Esel guckt, Schwein Rudi grunzt in die Sonne. Wir grunzen mit.

Endlich ohne Eltern

Sogar der Sohn relaxt. Mit dem Fotoapparat strollt Felix durchs Gelände, hält hier und da sein Schwätzchen, holt sich bei der Margit einen Saft. Ich will am Morgen mit ihm streifen, den Gemüsegarten, den Esel, die Schweine begucken. Doch da schaut Lenny, 10, aus dem Nachbarzimmer. Tschüs, sagt mein Sohn und lässt mich stehen. Also gehe ich allein zum Schwein. Die Kinder? Brauchen plötzlich so wenig. Fühlen sich wohl, tauchen ab, fernab von Straßen, Computern und Fernsehern. Endlich ohne Eltern sein.

Zauberhände lockern Verspannungen

"Geht es den Kindern gut, werden die Eltern locker", ist das Motto von Kali, Thomas und ihren Freunden. Der Nachwuchs kann vormittags mit Tarisha losziehen, in den Hügeln herumkraxeln oder am Flussufer Flöße bauen. Kein Schild, kein Zaun hemmt die Entdeckerlust, und irgendwer ist immer zum Spielen da. Währenddessen haben die Eltern mit Wohlsein genug zu tun. Schon morgens um neun dehnen und strecken Frühaufsteherinnen im Gymnastikraum die morgensteifen Glieder, tanzen und hopsen, bis die Wangen glühen. Yoga, Tai-Chi, Rebalancing, Massagen von Stirn bis Fuß - geboten wird das alles zu fast jeder Tageszeit und, wenn das Kind sich überraschend trollt, auch schon mal spontan. Eine kleine Behandlung vor dem Nachmittagstee? Mit Zauberhänden rüttelt, drückt, streicht Tarisha mir die Verspannungen aus dem Körper. Wohlige Schwere breitet sich aus. So fühlt sich das also an, wenn die sonst stets verspannte Schulter locker liegt.

Kinderspass am Fluss

Warm und träge tappe ich nach draußen und blinzle in die Sonne. Suche mir ein Plätzchen und schaue vor mich hin. Und was macht der Sohn? Von fern höre ich seine Stimme, sehe ihn hinten am Fluss mit einem Trupp Jungs Bambus schneiden für ein Indianertipi. Er leitet die Kleinen an, führt die Säge. Kommt dann nach zwei Stunden verschwitzt zurück, holt seine Badehose und macht sich auf zur Badestelle am Fluss. Soll ich mit? Nee.

Frische, vegetarische Küche

Und weil wahre Wellness durch den Magen geht, ist abends auf Reguengo Prime Time. Wenn der Küchengong schlägt, finden sich Gäste, Bewohner, Kinder am großen Essplatz ein und stehen vor Margits Töpfen Schlange. Denn Margit, die Schwäbin, kocht, was die vegetarische Küche hergibt: duftende Aufläufe, Gemüsekuchen, grandiose Suppen, indische Dhals. Die Kräuter holt sie aus dem Garten, auch Salat, Tomaten, Artischocken.

Gespräche bei Öko-Wein

Die drei Helferinnen aus dem Dorf, Maria, Assuncao und Margarida, bringen aus ihren eigenen Gemüsegärten Paprika, Kartoffeln, Zwiebeln und Kürbis mit.
Man isst zusammen und schwatzt anschließend beim Öko-Wein. Anja und Sohn Leon aus Köln, Sony und Sonja, zwei wanderstramme Frauen aus Stuttgart, Lenny und seine Eltern aus dem Westfälischen. Verena, die mit Söhnchen Max schon zum siebten Mal hier ist. Man erzählt Witze, vom Marktbummel in Aljezur, vom Tag am Strand. "Wollen wir Donnerstag wandern?", fragt Sony. Gastvater Thomas überlegt: "Ja, Donnerstag ist okay."

Sterne gucken statt fernsehen

Das Kind ist schon im Bett, denkt die Mutter gegen Mitternacht und schleicht zum Haus. Da guckt er aus der Tür heraus, und wir sitzen noch ein bisschen. "Mama, ich habe Lust auf Schokolade." Und wir tasten uns im Dunkeln den Weg hoch zum Kiosk neben der Küche. "Schokoriegel? Lieber Kekse." Schnell zurück und wieder auf die Liege. Beim Knuspern sind die Sterne noch schöner. "Ich will nicht wieder weg", sagt der Sohn. "Ich auch nicht", sagt die Mutter.

Sabine Kartte
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