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Experte zu Hitzlspergers Coming-out: Schwule und Lesben outen sich heute früher

Hitzlspergers Coming-out ist mutig, aber relativ spät. Junge Leute könnten heute früh zu ihrer Homosexualität stehen, sagt ein Vertreter des Lesben- und Schwulenvereins. Doch er sieht weiter Defizite.

Schwule und Lesben gehen mit ihrer sexuellen Identifikation heute in der Regel früher an die Öffentlichkeit, als das der frühere Fußballprofi Thomas Hitzlsperger (31) getan hat. Aber es gebe natürlich auch die Gruppe, die eine Zeit lang brauche, bis sie ihre Identifikation finde, sagt Axel Hochrein, Mitglied im Bundesvorstand des Lesben und Schwulenverbandes in Deutschland in einem Interview. Er bedauert, es werde vielfach immer noch nicht gesehen, dass die sexuelle Identifikation nichts mit dem Beruf etwa als Fußballer oder Baggerfahrer zu tun habe.

Herr Hochrein, entdecken viele Schwule und Lesben ihre Homosexualität erst verhältnismäßig spät?
Es gibt Menschen, die ihre sexuelle Identifikation früh entdecken, ihr Leben aber aus verschiedenen Gründen versteckt führen und sich erst zu einem späteren Zeitpunkt zu ihrer Homosexualität bekennen. Und es gibt, wie Hitzlsperger sagt, die Gruppe, die eine Zeit lang braucht, bis sie ihre Identifikation dann findet.

Ist der Weg Hitzlspergers für einen schwulen Mann typisch?
Genaues Zahlenmaterial gibt es darüber nicht. Ich glaube, dass der Weg, den Hitzlsperger geht, eigentlich für seine Altersgruppe heute auch nicht mehr typisch ist. Ich würde sagen, dass es heute eher typisch ist, dass junge Leute Gott sei Dank frühzeitig zu ihrer Homosexualität stehen können. Das ist natürlich auch immer abhängig vom sozialen Umfeld und von den familiären Verhältnissen, in denen sie aufwachsen. Bei Hitzlsperger war für sein spätes Coming-out ja doch schon der Zusammenhang maßgeblich zwischen vorhandener Homophobie - gerade im Fußball - und exponierter Position, die er als Nationalspieler hatte.

Gibt es da Unterschiede zwischen Schwulen und Lesben?
Es ist ja bekannt, dass es in der Frauennationalmannschaft schon einige Coming-outs von Spielerinnen gab. Das wurde zur Kenntnis genommen, hat aber bei weitem nicht so einen großen Hype gemacht, wie es jetzt bei Hitzlsperger ist. Das hat bestimmt damit zu tun, dass es gerade in unserer hetero geprägten Welt noch richtige Männerdomänen gibt. Ob es Fußball ist als Sportart oder der Baggerfahrer: Da bringt man das noch nicht zusammen, dass die sexuelle Identifikation überhaupt nichts mit der sonstigen Lebensweise zu tun hat.

Ist das bei Menschen anders, die nicht im Rampenlicht stehen?
Es ist heute einfacher als vielleicht vor 20 Jahren. Es spielen aber immer noch das soziale Umfeld und die familiären Verhältnisse eine Rolle. Seit 12 oder 13 Jahren haben wir die Möglichkeit der eingetragenen Lebenspartnerschaft mit der Möglichkeit, den gemeinsamen Namen zu nennen und damit nach außen auch zu zeigen, dass man einen Lebenspartner oder eine Lebenspartnerin hat, ehegleich. Aber es gibt es immer noch viele Fälle, wo der eigene Name behalten wird, um das nach außen nicht bekanntwerden zu lassen.

Ist es heute in den Familien leichter als früher, zu seiner Homosexualität zu stehen?
Ich glaube schon, dass der gesellschaftliche Wandel dazu beigetragen hat, dass es heute für junge Schwule oder Lesben nicht mehr so schwierig ist, sich zu outen. Da hat es einen Wandel gegeben. Aber grundsätzlich ist es natürlich immer noch ein zweischneidiges Schwert. Wenn es heißt, 80 Prozent der deutschen Bevölkerung haben nichts gegen Homosexualität, dann ist das so eine Grundauffassung. Ich glaube, wenn man mal fragen würde, ob die Leute was dagegen hätten, dass ihr Sohn schwul oder ihre Tochter lesbisch ist, würde man auf ganz andere Zahlen kommen. Weil natürlich die Eltern, manchmal auch gerechtfertigt, sehen, dass es nicht immer der einfachste Weg ist im Beruf und im weiteren sozialen Leben, wenn man sich als schwul oder lesbisch outet, auch heute noch.

Günter Wächter/DPA / DPA

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