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Formel-1-Boss Ecclestone wird 80 Imperator ohne Gnade


Er hat ein Faible für Diktatoren - weil er selber einer ist: Formel-1-Boss Bernie Ecclestone. Für den allmächtigen Manager ist jeder im Rennzirkus trotzdem ein Freund - so lange, bis er sich als Feind entpuppt hat. Dann gibt es keine Gnade.
Von Elmar Brümmer

Er hat Hitler gelobt. Und Saddam Hussein. Und er zeigt keinerlei Reue. Nicht mal Altersmilde. In seinem Büro findet sich eine Hand aus Porzellan, die eine Granate zündet. Er ist der größte Exzentriker der Formel 1, und zugleich der mit dem biedersten Aussehen. Ein Lebemann und auch ein Pfennigfuchser. Er wird Zampano genannt, ist aber in Wirklichkeit ein Autokrat. Seine Härte ist gefürchtet, sein Humor ist berühmt. Er spielt mit der Formel 1 als ob sie sein Spielzeug wäre. Dabei ist sie viel mehr: Sie ist sein Leben. Mit 80 auf die Bremse zu treten, das würde er sich nie verzeihen. Sein innerer Antrieb ist eine Art Hybrid, denn: "Meine Nationalität ist Geschäftsmann." Ohne ihn würde es weder das Milliarden-Rennen nicht (mehr) geben. Deshalb: Happy Birthday, Charles Bernard Ecclestone.

Kleiner persönlicher Einschub: Da Sie sich ohnehin nur an Ihr eigenes Limit halten, vergessen Sie Tempo 80. Bleiben Sie ruhig bei Ihren Gepflogenheiten. Die Formel 1 ist reich an Blendern und arm an echten Typen. Keine Sorge also, Sie werden noch gebraucht.

Das schönste Portrait dessen Mannes, der die Selbstvermarktung der Rennställe in den Siebziger Jahren erfunden hat, und damit eine Lizenz zum Gelddrucken entdeckte, ließe sich nur mit seinen Zitaten schreiben. Stichwort Diskretion: "Ein Gentleman spricht über zwei Dinge nicht - Geld und die letzte Nacht." Aber dann schiebt er noch einen Satz hinterher, der seine Management-Philosophie am besten ausdrückt, obwohl er nicht in solchen Kategorien denkt: "Ich habe irgendwann festgestellt, dass ich bestimmte Dinge im Leben brauche - und dass ich sie mir holen muss." Schon in der Schule, als er günstig Brötchen beim Bäcker kaufte, sie belegte und in der Pause an die Mitschüler verkaufte, mit einem satten Preisaufschlag versteht sich. Das ist keine hübsche nostalgische Episode, das ist der Anfang von allem. Bis heute prägt Ecclestone das Understatement: Schlichte graue Hose, weißes Hemd mit breitem Kragen, Lennon-Brille, Funkgerät in der Hand. Das ist verkörpertes Selbstbewusstsein pur - er kann sich sicher sein, dass nichts in der Renn-Welt ohne sein Wissen geschieht. Wenn Sebastian Vettel zu Ferrari wechseln sollte, wird er der erste sein, der es erfährt, vielleicht sogar noch vor dem Fahrer selbst. Dieses All-Wissen schafft die All-Macht, und ein feinmaschiges Netz von Informanten, Gefälligkeiten, Gegengeschäften sichert dieses System ab.

Ein Rollator für den Strippenzieher

Schmächtig, aber mächtig verkörpert er das E-Werk der Formel 1. Die Ausnahmestellung in der Formel 1, überhaupt im Weltsport - wer hält sich schon seit vier Jahrzehnten an der Macht - definiert sich schon beim ersten Blick aufs Fahrerlager. Alle Paläste der Teams sind fein säuberlich längs aufgereiht, nur ein doppelstöckiger grauer Bus steht quer: Derjenige, der sagt, wo's langgeht. Seinen runden Geburtstag würde er am liebsten übergehen. Zeitverschwendung. Was in diesem Geschäft gleichbedeutend ist mit: Geldverschwendung. Über seine Lebensleistung kann er in einem Satz referieren: "Ich bin immer noch da!" Ausgesorgt hat er ohnehin, auch nach der Scheidung von seiner Slavica im Frühjahr - für einen mittleren dreistelligen Millionenbetrag - schätzt ihn die Sunday Times immer noch auf ein Vermögen von 2,2 Milliarden britischen Pfund. "Mir gehört nichts" ist jedoch sein Standardsatz über das Formel-1-Imperium, seit er die Vermarktungsrechte an die Investorengruppe CVC verkauft hat. Diese wiederum hat dem Verkäufer sofort wieder die Geschäftsführung übertragen. Das Leben Ecclestones kann man sich als Kreisverkehr (des Geldes) vorstellen. Sebastian Vettel hat dem Strippenzieher am letzten Wochenende in Südkorea einen selbst gebastelten Rollator geschenkt. Der blaue Knopf an der Apparatur soll Viagra spenden. Ecclestone hat herzhaft gelacht, und ein bisschen gegrummelt, dass ihm Geldgeschenke eigentlich lieber gewesen wären. Von seiner 48 Jahre jüngeren Lebensgefährtin Fabiana Flosi ist kein Kommentar überliefert. Damit sich niemand täuscht: Britischer Humor läuft noch nicht als Majestätsbeleidigung. Aber die Welt außerhalb der Fangzäune kann kaum darüber lachen, wenn Ecclestone Diktatoren würdigt. Mit Demokratie, davon ist der Mann überzeugt, wäre ein so komplexes Interessengebilde wie die Formel 1 kaum auf Expansionskurs zu halten.

"Spiel mir das Lied vom Tod" als Handymelodie

Innerhalb des PS-Zirkels gilt sein Wort und ein Handschlag. Verlässlichkeit, dass ist mit das Wichtigste in seiner Weltanschauung. Für den Manager ist jeder in der Formel-1-Familie ein Freund - so lange, bis er sich als Feind entpuppt hat. Dann gibt es keine Gnade. Putschversuche hat es schon viele gegeben, sogar mit Unterstützung von EU-Kommissaren und der größten Automobilkonzerne der Welt. Sie sind alle gescheitert. Ecclestone hat ein feinmaschiges Netz von Beziehungen und Abhängigkeiten geschaffen. Bei aller Gnadenlosigkeit hofft er, dennoch Mensch geblieben zu sein. In seinem Büro liegt ein Feuerwehrhelm, den er als Symbol für alle Brände sieht, die er schon gelöscht habe: "Obwohl manche Menschen denken, ich würde sie legen..." Mit unkonventionellen und kompromisslosen Methoden hält er den Laden am Leben - weil es sein Leben ist, er sich kein anderes vorstellen kann. Wenn er keine Probleme mehr lösen könne, bekennt er in einem Anflug von Besinnlichkeit, dann sei das der Anfang vom Sterben. Und plötzlich ist bei dem Mann, der so viele Rennfahrer hat sterben sehen und der im allerersten Grand Prix 1950 im Rahmenprogramm gestartet ist, wirklich so etwas wie Angst zu spüren. Mit den Beinen voran möchte er nicht aus dem Fahrerlager getragen werden, hat er zu einem früheren Geburtstag bekannt - man möge ihn doch gleich hinter der Boxengasse beerdigen. Das mag sich in der Formel 1 mancher wünschen, aber niemand denkt wirklich daran. Einen Nachfolger gibt es nicht, auch wenn Flavio Briatore immer wieder angedient wird. Bernie erscheint unkopierbar, seine Handymelodie ist der pure Sarkasmus: "Spiel mir das Lied vom Tod."


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