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Bayern-Triumph in Turin: Eine magische Nacht

Es ist fast schon eine Fußballweisheit: Wenn es wirklich darauf ankommt, dann ist der FC Bayern hellwach. Selten haben die Münchner dies eindrucksvoller bestätigt als in der "magischen Nacht" von Turin. Das 4:1 bei Juventus war auch eine Kampfansage an die Bundesliga.

Von Michael Reis, Turin

Aufwändige Mosaike zieren die Wände des "Salone delle Feste", üppige Lüster lassen den Raum hell erstrahlen: Der Festsaal des Turiner Hotels Principi di Piemonti ist ein mehr als passender Rahmen für eine Rede des Vorstandsvorsitzenden des FC Bayern München. Um kurz nach Mitternacht ergriff Karl-Heinz Rummenigge auf dem traditionellen Bankett nach einem Champions-League-Match das Mikrofon. Schon so manches Mal hatten die Verantwortlichen des deutschen Rekordmeisters in dieser Situation Brandreden gehalten, den Spielern eindringlich ins Gewissen geredet. Doch diesmal gab es dafür wahrlich keinen Grund. Im Gegenteil: Rummenigge dankte der Mannschaft für "ein historisches Ereignis – eine magische Nacht".

Kurz zuvor hatten die Bayern das schier unmöglich Scheinende doch noch möglich gemacht - und zwar in beeindruckender Art und Weise. Mit 4:1 siegten sie beim italienischen Rekordmeister Juventus Turin. Ein Sieg bei der "Alten Dame" war den Münchnern zuvor noch nie gelungen. Von einem Wunder wollte Rummenigge aber trotzdem nicht sprechen. Vielmehr sei es die fantastische Leistung der gesamten Mannschaft gewesen, die den Einzug in das Achtelfinale der Champions League doch noch perfekt gemacht habe.

Van Gaal schon zur Pause sprachlos

Der Auftritt seiner Mannschaft machte selbst Trainer Louis van Gaal sprachlos. "In der Pause habe ich nichts gesagt, und das geschieht selten. Ich habe nur gesagt, dass wir super spielen und wir gewinnen werden, wenn wir so weitermachen. Und so war es dann auch", verriet er.

Van Gaals Engagement an der Isar wendet sich nun anscheinend zum Guten. Noch vor einem Monat stand der Niederländer schwer unter Beschuss. Nach einer 0:2-Heimniederlage gegen Girondins Bordeaux räumten nur noch die kühnsten Optimisten den Münchenern Chancen auf ein Weiterkommen in der Champions League ein. Und auch in der Bundesliga lief es nicht nach Plan. Dem deutschen Rekordmeister blieb auf Platz 8 nur die Rolle des schon leicht abgeschlagenen Verfolgers. Die Siege gegen Haifa in der "Königsklasse" sowie in der Liga gegen Hannover und Mönchengladbach gaben aber wieder Auftrieb. Mit einer solch dominanten Vorstellung wie in Turin hatte dennoch keiner gerechnet.

Ein Signal für die Bundesliga?

Oder vielleicht doch? "Irgendwie hatte jeder ein positives Gefühl und zu keiner Zeit Angst, dass wir ausscheiden würden", sagte Nationalstürmer Mario Gomez. Auch Torwart Hans-Jörg Butt hielt das Ergebnis nie für abwegig. "Für mich kam das nicht überraschend. Das hat sich in den letzten Spielen ja angedeutet", meinte er. Der 35-Jährige gehörte im Turiner Olympiastadion zu den Protagonisten einer einseitig geführten Partie. Zum dritten Mal gelang dem Routinier dabei in der Champions League gegen Juventus ein Treffer per Strafstoß. Schon mit dem Hamburger SV und Bayer Leverkusen war er auf diese Weise erfolgreich. Im leichten Trab legte Butt die 80 Meter von seinem Tor zum Elfmeterpunkt auf der anderen Seite des Platzes zurück. Dass die italienischen Fans ihn auf dem Weg dahin mit einem gellenden Pfeifkonzert bedachten und ihm übelste Beschimpfungen an den Kopf warfen, ließ Butt kalt. Er verzögerte beim Anlauf kurz und schickte sein Gegenüber Gianluigi Buffon - einen der besten Torhüter der Welt - in die falsche Ecke. "Der Puls war nach dem Elfmeter etwas höher als auf dem Weg dahin. In der Situation muss man einfach ausblenden, dass man daneben schießen könnte", sagte Butt nach dem Spiel.

Was danach zu sehen war, war ein FC Bayern in Höchstform. Die Turiner konnten einem leid tun. Sie wurden nach allen Regeln der Fußballkunst vorgeführt. "Wir haben Juve keine Zeit zum Atmen gelassen. Das Ergebnis hätte viel höher ausfallen können", analysierte Nationalstürmer Mario Gomez. Ein Schlag ins Gesicht für die Turiner. Aber auch ein Ausdruck des wieder erlangten Selbstbewusstseins des FC Bayern. Das "Mia san mia"-Bewusstsein, das die Bayern jahrelang ausgezeichnet und stark gemacht hatte, ist offenbar zurückgekehrt.

"Dieser Sieg war ein Signal für die Bundesliga", sagte Butt. VfL Bochum und Hertha BSC heißen dort die letzten beiden Gegner bis zur Winterpause. Manager Christian Nerlinger schaut schon einmal voraus. "Wenn wir diese zwei Spiele auch noch gewinnen, haben wir die Voraussetzungen für eine Rückrunde geschaffen, die hoffentlich den einen oder anderen Titel bringt. Unsere Konkurrenten straucheln, und da ist es umso wichtiger, dass die Bayern Stärke zeigen", so Nerlinger. Karl-Heinz Rummenigge blies zum Abschluss seiner Rede im Festsaal des Teamhotels noch einmal richtig zur Attacke: "Ich glaube, dass wir noch den ein oder anderen Punkt holen sollten, damit die da oben wissen, dass wir jetzt wirklich mit Volldampf kommen."

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