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Bernd Schneider: "Die Party ist längst vorbei"

Bayer Leverkusen, das Dream-Team des Vorjahrs, steckt in der Krise. Und Bernd Schneider muss grätschen. Deutschlands feinster Fußballer über den Rauswurf des Trainers und die Katerstimmung im Klub.

Herr Schneider, Sie haben immer gesagt: "Wir stehen zu Trainer Klaus Toppmöller." Warum hat Ihr Team ihn am vergangenen Samstag beim 1 : 2 gegen Rostock dann derart im Stich gelassen?

Weil wir verzweifelt sind. Wir versuchen alles, um wieder normal zu spielen. Aber es gelingt uns nicht. Gegen Rostock wollten wir es besonders gut machen, weil wir wussten, es geht um den Job des Trainers und die Existenz des Vereins. Diese Anspannung führte bei uns dazu, dass wir alle total verkrampften. Bei uns herrscht nur noch Angst und Krampf.

Toppmöller wurde entlassen, die Spieler aber dürfen bleiben. Haben Sie nun ein schlechtes Gewissen?

Natürlich fühlen wir uns schlecht. Klar, die Hauptschuld tragen wir Spieler. Aber leider ist der Trainer in diesem Geschäft das schwächste Glied - das können wir bedauern, nur wird das nichts daran ändern. Wir alle leiden mit Toppi, denn jeder von uns hat ihm sehr viel zu verdanken. Mich hat er zum Beispiel starkgeredet, ohne ihn wäre ich bestimmt nicht zur WM gefahren.

Nach der Pleite gegen Rostock waren Ihre Fans erbost wie nie zuvor. Sie vermissen die Kämpfer im Team; viele fürchten, Leverkusen sei verloren.

Das werden wir ja sehen. Jetzt muss jeder zeigen, ob er ein Mann ist oder nicht.

Toppmöller war 2002 "Trainer des Jahres", Leverkusen spielte den aufregendsten Fußball. Nun erleben Sie die Flüchtigkeit des Ruhms und den Zerfall einer Mannschaft. Kann man diesen Absturz verkraften?

Fußball ist manchmal brutal. Es ist noch nicht mal acht Monate her, da haben wir alle begeistert. Selbst die, die Leverkusen vorher verachtet haben. Dieser Tempofußball war auch für uns Spieler berauschend, ein solches Erlebnis, da bekomme ich noch heute eine Gänsehaut. Dieses irre Spiel gegen Liverpool, mein Gott! Da ging es hin und her, am Ende gewannen wir 4 : 2. Oder im Stadion Old Trafford, die zweite Halbzeit, wo wir Manchester United an die Wand gespielt haben. Manchester! So viele Spiele, die ich nie vergessen werde. Das war einfach Wahnsinn.

Ist das jetzt das größte Problem: dass die Spieler im Liga-Alltag den Galaauftritten der Champions League nachtrauern?

Keine Frage, es ist schwierig, sich davon zu lösen. Aber die Party ist längst vorbei. Damals spielten wir von Sieg zu Sieg, und nun kämpfen wir von Niederlage zu Niederlage.

Und ein feiner Fußballer wie Sie muss ständig grätschen. Wie sehr hat sich Ihr Spiel im Abstiegskampf verändert?

Schauen Sie sich doch mal die Statistik an: Ich habe bei uns die meisten gelben Karten. Sechs Stück schon - so viele wie in der gesamten letzten Saison. Alle wegen Foulspiels. Ich will Zeichen setzen, damit die Mannschaft richtig wach wird. Damit die Mitspieler denken: Wenn der Schneider, unser Techniker, so reingrätscht, müssen wir das erst recht.

Sie sagten mal: "Ich bin halt keiner für den Querpass über fünf Meter. Ein Schuss Risiko, das macht mich stark." Trauen Sie sich die gewagten Flanken, den scharf angeschnittenen Freistoß überhaupt noch zu?

Die Überdinger zu probieren kann ich mir kaum mehr erlauben. Die Truppe muss nun um jeden Ball kämpfen, da darf ich ihn nicht wieder leichtfertig verspielen, nur um zu glänzen. Da würden die anderen sich doch zu Recht fragen: "Sag mal, ist der Schneider noch ganz dicht?" Ich spiele jetzt kontrollierter. Jeder muss sein Ego hinter die Interessen des Teams stellen.

Das merken doch Ihre Gegenspieler. Haben die weniger Respekt?

Die hatten Muffensausen vor Leverkusen, nicht vor mir. Die kamen zu uns und hofften: "Hauptsache, die hauen uns nicht mit vier Toren vom Platz." Heute denken sich unsere Gegner: "In Leverkusen gewinnen wir." Das zeigt, wie viel wir an Respekt verloren haben.

Nach Ihrer großartigen WM und dem Weggang von Michael Ballack zum FC Bayern erwartete der Verein, dass Sie die Mannschaft führen, Chef des Teams sind. Gegen Rostock war davon nichts zu sehen.

Man wird in diese Position reingedrängt, die ich eigentlich so gar nicht will. Ich möchte lieber in eine Führungsrolle hineinwachsen, ohne dass ich dabei auftrete wie ein King. Aber natürlich übernehme ich mehr Verantwortung, erzähle den Jungen, wie sie mit dieser schwierigen Situation fertig werden müssen.

Jan Simak ist einer dieser jungen Spieler. Hoch begabt, teuer eingekauft, aber undiszipliniert, im Team sehr umstritten. Kann so ein Typ Leverkusen im Abstiegskampf überhaupt helfen?

Ich habe mit ihm gesprochen. Er ist ein Riesenfußballer. Er muss sich aber daran gewöhnen, auch nach hinten zu arbeiten. Ich musste das im ersten Jahr auch lernen.

Vorigen Sommer lagen Ihnen Anfragen von Top-Klubs wie dem FC Barcelona vor, Sie blieben aber in Leverkusen. Das muss Sie doch mächtig wurmen - oder nicht?

Angebote hin oder her, ich bin bei Leverkusen. Es macht keinen Sinn, über Wenn und Aber nachzudenken.

Vielleicht hätten Sie woanders den Lorbeer geerntet, der Ihnen zusteht: Sie gelten als der spielerisch beste Fußballer Deutschlands. Aber irgendwie gehen Sie bei dem ganzen Rummel um die Bayernspieler Oliver Kahn und Michael Ballack unter.

Mir ist das ganz recht so, dass ich nicht im Rampenlicht stehe. Ich fühle mich so ganz wohl. Ich bin kein Lautsprecher, keiner, der in jede Kamera hineinlächeln muss. Außerdem muss man doch ganz klar sagen, dass Oliver und Balla noch größere Leistungen gezeigt haben als ich. Ihre Leistungen waren entscheidender. Was der Oliver gehalten hat, das war nicht von dieser Welt. Und der Michael hat immer die Tore erzielt, die wir gebraucht haben, um zu gewinnen. Beide haben es absolut verdient, als Weltstars gefeiert zu werden.

Aber vor allem die ausländischen Beobachter schwärmen von Ihren frechen Dribblings und verblüffenden Flanken. Nach dem Finale gegen Brasilien schrieben Kollegen total verzückt: "Der einzige wahre Brasilianer auf dem Platz."

Ist ja auch klar, Italiener oder Spanier mögen mein Spiel, weil es so schön spektakulär aussieht. Aber bei uns hatte jeder eine Aufgabe, und jeder hat sie zu 100 Prozent erledigt. Bei mir ist das offensichtlicher als bei einem Abwehrmann wie Thomas Linke, der eine sehr gute WM gespielt hat. Wenn ich Haken schlage, mit dem Hintern wackle, ist das natürlich eher nach dem Geschmack der Zuschauer. Aber der Wert ist nicht höher als der einer Grätsche von Thomas Linke. Erst aus beiden Aktionen ergibt sich die Teamleistung, die über Sieg oder Niederlage entscheidet.

Sie geben sich bescheiden wie Zinédine Zidane. Ist der Franzose ein Vorbild für Sie?

Von seiner Einstellung und seinem Auftreten her auf jeden Fall. Aber, hey, machen wir uns nichts vor: Zidane ist mir um Klassen voraus. Er ist der beste Fußballer der Welt.

Zidanes Real Madrid gewann gegen Leverkusen im Finale der Champions League, eins von drei verlorenen Endspielen für Trainer Toppmöller in der Vorsaison. Und für Sie. Nun droht Ihnen gar das Trauma des Abstiegs. Macht Ihnen das Kicken eigentlich noch Spaß?

Klar, weil ich fest daran glaube, dass wir uns retten. Außerdem setze ich auf den DFB-Pokal. Wir spielen im Halbfinale beim FC Bayern. Da haben wir gar nichts zu verlieren. Letztes Jahr spielten wir grandios und holten keinen Titel. Dieses Mal spielen wir eine absolut katastrophale Saison, mal sehen, vielleicht holen wir ja jetzt einen Pokal - das wäre Fußball.

Interview: Giuseppe Di Grazia

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