HOME

Bundesliga: Erster Spieltag forderte viele Langzeitverletzte

So viele Schwerverletzte wie selten hatten die Vereine am ersten Spieltag zu beklagen. Gehen die Mediziner zuviel Risiko ein oder ist der verstärkte Leistungsdruck Grund für die Misere?

Für einige Fußball-Profis war der erste Bundesliga-Spieltag zugleich der letzte für viele Wochen - für Hany Ramzy möglicherweise sogar der letzte seiner Karriere. Die Genesungsaussichten des Abwehrspielers, der sich am vorgeschädigten rechten Knie einen Kreuzbandriss zugezogen hatte, werden selbst von seinem Kaiserslauterer Mannschaftsarzt Hans-Georg Schmalenbach skeptisch beurteilt. "Für ihn wird es sehr schwer, noch einmal den Anschluss zu finden", kommentierte der Mediziner den Ausfall des bereits 34-jährigen Ägypters, der nach einem Innenbandriss im Frühjahr sein erstes Pflichtspiel bestritten hatte.

Verletzung ohne Fremdeinwirkungen

Wie Ramzy zogen sich auch die Schalker Eduardo Alcides (Innenbandriss im Knie) und Gustavo Varela (Muskelfaserriss), Guy Demel von Borussia Dortmund (Meniskusschaden) sowie Hertha- Spielmacher Marcelinho (Mittelfußbruch) ohne Einwirkungen eines Gegenspielers schwere Verletzungen zu.

Risiko für Marcelinhos Einsatz war "gering"

Und zumindest bei Marcelinho drängt sich der Verdacht auf, dass die nun mindestens zweimonatige Zwangspause nicht allein mit Pech zu erklären ist. Bereits bei einer Kernspintomografie in der vergangenen Woche hatte Hertha-Teamarzt Ulrich Schleicher diagnostiziert, dass der betroffene Knochen durch eine schwere Prellung geschwächt war. Dennoch stimmte er dem Einsatz des nach eigenen Angaben schmerzfreien Brasilianers zu - und übernahm hinterher die Verantwortung: "Das Risiko war gering."

Leistungssport "immer an einer Grenzlinie"

Spekulationen, er habe sich mit dieser Entscheidung dem Wunsch der sportlichen Leitung gebeugt, weist Schleicher zurück: "Da gab es keinen Druck vom Trainer oder Manager." Doch er beschreibt auch den schmalen Grad, auf dem er und seine Kollegen bei der Abwägung medizinischer Notwendigkeiten und sportlicher Bedürfnisse permanent wandeln: "Leistungssport wird immer an einer Grenzlinie betrieben. Man versucht immer, an diese Grenze zu gehen."

Entscheidung für Mediziner eine Gratwanderung

Ob diese Grenzen immer häufiger überschritten werden, lässt sich wohl nicht nachweisen. Prof. Wilfried Kindermann, Chefarzt des deutschen Olympia-Teams und langjährige Arzt der Fußball- Nationalmannschaft, glaubt dies nicht. Er räumt allerdings ein, dass es "manchmal nicht so einfach ist" für die Mannschaftsärzte: "Sie stehen dazwischen und müssen versuchen, dem Druck stand zu halten und sich gegenüber Trainern und Managern Respekt zu verschaffen."

Kontinuierliche Steigerung der Verletzungen

Fakt ist, dass sich mit den Belastungen für die Spieler und mit dem zunehmenden Konkurrenzdruck in den Mannschaften auch die Verletzungen in den vergangenen Jahren permanent erhöht haben. Rund zehn Prozent der etwa 480 Bundesligaspieler sind derzeit nicht einsatzfähig, viele fallen auf Wochen oder gar Monate hinaus aus.

Verschärfter Konkurrenzdruck

Auch für Kindermann ist dies eine auffällig hohe Zahl, und er betont, dass sie sich nur in Ausnahmefällen wie bei Dortmunds Nationalspieler Christoph Metzelder (Achillessehnenreizung) mit dem Grundübel der chronischen Überbelastung erklären lässt. Stattdessen sieht er die Hauoptursache für die aktuelle Misere im Übereifer der Akteure. "Der Kampf um die Arbeitsplätze spielt eine Rolle. Die Spieler gehen nicht wie früher kalkulierend in eine Saison, sondern wollen sich sofort mit größtem Einsatz ihren Trainern beweisen", meint der Internist.

Der BVB von der Misere besonders betroffen

Hinzu kommt, dass bereits vor dem Saisonstart Wettbewerbe wie der Liga-Pokal oder der UI-Cup einer gezielten Vorbereitung im Weg stehen. So begann die Dortmunder Verletztenmisere mit den Kreuzbandrissen von Torsten Frings und Evanilson im Liga-Pokal. Inzwischen drohen dem BVB bald die Spieler auszugehen. "Fast täglich neue Hiobsbotschaften - es kotzt mich langsam an", sagte Sportmanager Michael Zorc. Immerhin zogen die Dortmunder beim Versuch um Schadensbegrenzung erste Konsequenzen: die für Dienstag und Mittwoch geplante Teilnahme am internationalen Turnier in Basel sagte Trainer Matthias Sammer ab.

Oliver Hartmann und Jens Mende / DPA

Wissenscommunity