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Uli Hoeneß: Die triumphale Rückkehr des Königs

Nach 21 Monaten Haft steht Uli Hoeneß nun da, wo er herkam: ganz oben. Am Freitag kürten die Mitglieder des FC Bayern München ihn wieder zum Präsidenten.

Uli Hoeneß ist der neue, alte Präsident des FC Bayern München

Uli Hoeneß ist der neue, alte Präsident des FC Bayern München

Er macht sich fit für seinen Triumph, schon eine ganze Weile, denn die letzte Etappe einer langen und dunklen Reise steht für Uli Hoeneß vor dem Abschluss. Also schwitzt er an einem Freitagnachmittag im November auf seinem Hometrainer. Er, der so herrlich schlemmen kann, hat sich diszipliniert. Wer ihn neuerdings genauer betrachtet, staunt nicht schlecht: Arme wie ein Möbelpacker, dazu ein stabiler Rumpf. Man könnte glauben, da trainiert einer für einen letzten großen Kampf. Doch genau genommen liegt der bereits hinter ihm. Was Uli Hoeneß noch fehlt, ist Befreiung.

Am Freitagabend war es soweit. Da lud der FC Bayern München zur Jahreshauptversammlung. Es war der Tag, an dem aus dem Steuersünder Uli Hoeneß, der 21 Monate lang in der Justizvollzugsanstalt Landsberg einsaß, wieder der Präsident Ulrich Hoeneß wurde, zweieinhalb Jahre nach der Verurteilung am 13. März 2014. Hoeneß hatte, wie Recherchen des stern ans Tageslicht förderten, mindestens 28,5 Millionen Euro Steuern hinterzogen. Die übergroße Verehrung der Figur Hoeneß im Verein und bei den Anhängern ist durch den Skandal nicht geschmälert worden.

Und so zweifelte am Votum der Präsidentenkür im Vorfeld kaum einer. Der Freistaat Bayern ist bekannt für politische Kontinuität, und bei seinem sportlichen Aushängeschild verfuhr man getreu nach Gerhard Polt: "Wir brauchen keine Opposition, weil wir sind schon Demokraten." Es stand nur Hoeneß zur Wahl. Spannend war allein die Frage, wie hauchdünn der Zuspruch für den neuen, alten Präsidenten an der 100-Prozent-Marke kratzt. Mehr als 97 Prozent der über 7000 Mitglieder votierten für ihn. 108 votierten mit nein. Dazu gab es 58 Enthaltungen.

Uli Hoeneß wieder ganz oben

Der FC Bayern hat einen seiner wohl pathetischsten Momente der vergangenen Jahre erlebt. Der erste große Schritt zur Rückkehr des Uli Hoeneß ist vollzogen. Der zweite wird nicht lange dauern: Dann nimmt Hoeneß auch den Posten des Aufsichtsratsvorsitzenden der FC Bayern München AG wieder ein. Er steht bei seinem Verein dann dort, wo er ein natürliches Bleiberecht zu genießen schien: ganz oben. Doch ist dieser FC Bayern auch noch sein Verein? Die Kompetenzen an der Säbener Straße haben sich hinter den Kulissen in der Abwesenheit des Patriarchen verschoben. Vor allem der Vorstandsvorsitzende Karl-Heinz Rummenigge, vor Hoeneß’ Fall über Jahrzehnte Seite an Seite mit ihm, hat sich zum unumschränkten Boss emporgeschwungen. Er allein hielt das Zepter. Endlich konnte er aus dem langen Schatten des Seniorpartners treten. Nun hat Rummenigge zwei Möglichkeiten: Entweder er bezieht den Rückkehrer von Beginn an in alle wichtigen Entscheidungen mit ein und stellt damit die alte Ordnung wieder her. Oder er riskiert, dass er vom Chef des Aufsichtsrats auch mal ein Veto verpasst bekommt, etwa bei Spielertransfers.

Von überschäumender Vorfreude auf den alten Weggefährten war bei Rummenigge vor Freitag wenig zu spüren. Ein öffentliches Bekenntnis wie der Satz "Ich freue mich, dass Uli zurückkommt" wollte ihm nicht über die Lippen kommen. Wenige Tage vor der Wahl ließ er lediglich verlauten: "Der FC Bayern wird Uli willkommen heißen." Nach der Wahl dann: "Ich gönne Dir von Herzen die verdiente Rückkehr in Dein Amt als Präsident." Rummenigge weiß: Hoeneß’ mediale Wirkung wie auch sein Drang zur Gestaltung sind unbestritten. Der Entscheider Rummenigge muss wieder teilen. Hoeneß will sein Lebenswerk zu Ende bringen. "Das war’s noch nicht", hatte er auf der außerordentlichen Mitgliederversammlung im Mai 2014 dem jubelnden Anhang vor seinem Gang hinter Gitter zugerufen.

Hoeneß braucht die Droge Fußball

Zu Hause herumzusitzen ist nie sein Ding gewesen. Hoeneß braucht die Droge Fußball, auch jetzt, da er im Januar 65 Jahre alt wird. Und er braucht die damit verbundene Macht. Er will diesen FC Bayern so gestalten, dass er in seinem Sinne auch nach ihm überdauert. Erst dann ist es gut. Die Fans sehen in Hoeneß einen, der dieser Entfremdung entgegenwirken soll, die sich zuletzt eingeschlichen hat. Peking statt Pasing, New York statt Nymphenburg, so stellte sich der Verein im Zuge des Leitmotivs "Internationalisierung" dar. Auch wenn Hoeneß die Notwendigkeit begreift, neue Märkte erschließen zu müssen, ist er vor allem ein Vertreter des volksnahen und hemdsärmeligen Typs. Dass die Bayern-Stars dieses Jahr zum Beispiel schon im November zu den traditionellen Weihnachtsbesuchen bei den Fanklubs ausschwärmen, findet er uncharmant. Weil er den Blick hat für die Bedürfnisse von jedermann, ist die Couch in seinem Büro schon immer ein beliebter Ort gewesen, um loszuwerden, was einen beschäftigt.

Wenn man die Vorgänge hinter den Kulissen richtig deutet, kristallisiert sich bereits ein Vertrauter heraus, der zum Chef der Zukunft aufgebaut werden soll. Sein Name: Philipp Lahm. Der Bayern-Kapitän plant, seine aktive Karriere trotz eines Vertrags bis 2018 schon nach dieser Saison zu beenden. Lahm, 33, möchte in die Klubführung integriert werden. Dass auch Rummenigge den Neuen gutheißt, vereinfacht vieles. Nach der Demission von Matthias Sammer im Sommer ist die Rolle des Sportvorstands vakant, und es wäre ärgerlich für Lahm, würde 2017 etwa der Mönchengladbacher Max Eberl verpflichtet.

Würstchenbraten mit Carlo Ancelotti

In der Mannschaft genießt Hoeneß eh das Ansehen einer Vaterfigur, und zu Hause am Tegernsee sind Exprofis ebenso regelmäßige Gäste wie etwa Franck Ribéry. Die Basketballer und die Frauenmannschaft des Vereins lud er neulich ins nächstgelegene Gasthaus, und auch Carlo Ancelotti hat ihn schon zu Hause besucht. Mit dem Chefcoach wurden genüsslich Würstel gebraten. Man kann sich vorstellen, dass sich da zwei Männer, die beide keine Kostverächter sind, schnell nahekamen.

Der FC Bayern mag heute eine Fußball AG sein, doch die Macht hält noch immer jener Mann in Händen, der die Basis für sich zu gewinnen weiß. Säckeweise Zuschriften erreichten Hoeneß während seiner Haft, nur sehr wenige Briefe mit Beleidigungen waren darunter. Hoeneß weiß um seinen Rückhalt, er hat in dieser Hinsicht das Eis in den vergangenen Wochen getestet, auch in Gesprächen mit der Belegschaft. Als Hoeneß intern alles wie gewünscht sortiert hatte, traf er im August seine Entscheidung.

Die Schlüsselmomente seiner Rückkehr kamen im Frühjahr im Viertelfinale in der Champions League bei Benfica Lissabon, als er erstmals wieder mit seinen Bayern verreisen durfte. "Uli, Uli" , schmetterten prompt selbst die mitgereisten VIPs, Sponsoren und Gönner beim Mitternachtsbankett. Und als die Bayern am letzten Spieltag der abgelaufenen Saison Klublegenden ehrten, marschierte Hoeneß zum Abschluss auf den Rasen der Allianz Arena. Das hatten seine Getreuen mit Bedacht inszeniert, und man registrierte sehr genau, dass er den meisten Beifall erhielt. Seinen potenziellen Gegenspielern war spätestens in diesem Moment klar: Es geht nur mit Uli Hoeneß. Niemals gegen ihn.

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