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Dynamo-Pressesprecher: "Gewalt ist kein Ostproblem"

Im Osten der Republik kommt es derzeit regelmäßig zu Ausschreitungen gewaltbereiter "Fußballfans". Im Interview mit stern.de spricht der Pressesprecher des Traditionklubs Dynamo Dresden, Peter Tauber, über die neue Welle der Gewalt.

Wie schätzen Sie die derzeitige Situation gerade auch im Hinblick auf die WM ein? Im Moment gibt es fast jedes Wochenende neue Vorfälle, gerade auch bei Spielen mit Beteiligung bestimmter Ostvereine.
Ich glaube nicht, dass wir speziell vor der WM ein besonderes Problem haben. Man darf gedanklich diese Vorfälle auch nicht im ausschließlichen Zusammenhang mit Ostvereinen sehen. Jede Woche gibt es den einen oder anderen Vorfall auch in der Bundesliga, auch bei Klubs, die eigentlich als völlig unproblematisch gelten.

Wird das jetzt alles nur hochstilisiert, oder beobachten Sie auch bei Dynamo einen Anstieg der Gewaltbereitschaft des "harten Kerns"?
Da ist eher ein Abwärtstrend zu sehen. Zum Beispiel das Spiel gegen Hansa Rostock: Aus dem Rostocker Fanblock flogen zwei Leuchtraketen. Vor einigen Jahren hätten die Dresdner mit mindestens gleichen Mitteln geantwortet. So gab es nur Sprechchöre, die den Rostocker "Fans" deutlich machen sollten, dass das in Dresden nichts zu suchen hat. Ein Kompliment an unsere Fans, für dieses besonnene Verhalten.

Ihr Präsident hat gesagt, dass Dynamo von bestimmten rechten Gruppen missbraucht wird. Was tun Sie dagegen konkret von Vereinseite?


Missbrauch des Dynamo-Images entsteht immer da, wo eigentlich nicht zum Verein oder zu den Fußballfans zählende Leute die Plattform des Spieles nutzen, um Krawall zu machen. Eine rechte Szene unter unseren Fans haben wir derzeit nicht spürbar. Es gab in der letzten Zeit keinerlei Vorfälle dazu. Wir versuchen von Vereinsseite, mit präventiven Mitteln Aufklärungsarbeit zu leisten. Das beginnt in den Schulen und setzt sich über verschiedene Sozialprojekte fort. Die Problematik der rechten Tendenzen ist auch meiner Meinung nach nicht ein Problem des Fußballs, sondern leider eher ein Problem der momentanen Gesellschaft.

Holen Sie sich auch Hilfe von extern? Arbeiten Sie mit irgendwelchen Instituten zusammen?
Wir holen uns jegliche Hilfe, die wir bekommen können. Präventive Arbeit ist jedoch eine langfristige Aufgabe. Da hilft nicht die Brechstange, und Erziehung kann man nicht anweisen. Unser Fanprojekt ist da mittlerweile ganz gut aufgestellt und tut viel in diesem Bereich. Man muss sich allerdings eine solche Sozialarbeit auch leisten können und wollen. Vielen Vereinen fehlt es da auch am Geld.

Manche sagen, dass Gewalt und Rechtsradikalismus im Stadion ein typisches "Ostproblem" sei. Ist das nicht zu einfach?


Nein, eindeutig ist das kein Ostproblem. Viele Bundesligisten wie Eintracht Frankfurt oder Borussia Dortmund haben da leider auch ihre Erfahrungen machen müssen. Und gerade die Mainmetropole Frankfurt lässt sich auch nicht unbedingt mit Arbeits- und Perspektivlosigkeit assoziieren. Allerdings spielen sicher soziale Probleme eine große Rolle. Fußball ist für viele Fans aber auch das einzige bezahlbare Hobby. Sie leben für Ihren Verein und wollen Fußball in seiner ursprünglichsten Form. Mit Emotionen, Frust, Angst, Hoffnung und Freude. Sie wollen keine "Events", wo das Rahmenprogramm wichtiger ist als das Spiel.

Welchen Schaden richten die Chaoten bei Dynamo an? Nicht finanziell, sondern eher was das Image betrifft.


Der Imageschaden ist eigentlich das größte Problem. Eine Rakete im Spiel, eine Schlägerei am Bahnhof und beim dritten Mal interessiert es keinen, ob die nächsten zehn Spiele ohne jegliche Probleme verlaufen. Und so dreht sich die Spirale in der modernen Medienwelt weiter und gipfelt hier und da in Auswüchsen von erfundenen "Randalen", die ein DPA-Mitarbeiter aus dem Presseraum des Stadions gesehen haben will. Frei nach dem Motto: Wo Fußball und Dynamo sind, muss auch Randale sein. Man kann diesem Imageschaden auch wiederum nur durch hartnäckige und mühsame Aufbauarbeit begegnen.

Das Interview führte Klaus Bellstedt

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