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Deutsche Fans: Die Party-Macher in der Kurve

Sie sorgen für spektakuläre Bilder auf der Tribüne: Das "Choreo Team" vom Fanclub Nationalmannschaft organisiert auch bei dieser EM ausgefeilte Choreographien, wenn die deutsche Mannschaft aufläuft. Für das Spiel gegen die Türkei haben sich die Macher wieder etwas ganz Besonderes ausgedacht.

Von Felix Braun

Gänsehautstimmung: Beide Teams laufen in den St. Jakob-Park ein, aus den Lautsprechern ertönt der Ohrwurm "Seven Nations Army". Auf ein Kommando im deutschen Fanblock erheben sich 20.000 Hände mit 10.000 Pappen in den Baseler Nachthimmel - eine ganze Kurve erstrahlt in Schwarz-Rot-Gold. So war's beim Viertelfinale, so ähnlich wird's heute Abend beim Halbfinale sein.

In dem Moment, da dieses spektakuläre Bild in die ganze Welt übertragen wird, hat das "Choreo-Team" vom Fanclub Nationalmannschaft bereits viele Stunden Arbeit hinter sich. Wochen im Voraus besorgten sie sich die Sitzpläne der Stadien, überlegten Motive und kauften Materialien. Am Spieltag sind sie ab neun Uhr morgens am Spielort und bereiten die Choreographie vor.

Mit unabhängigem Fanclub würde die Uefa nicht zusammenarbeiten

Der Fanclub Nationalmannschaft hat über 50.000 Mitglieder, neben vielen Fans, die sich hauptsächlich Erleichterungen beim Ticketkauf erhoffen, gibt es eine Gruppe von einigen tausend aktiven Teilnehmern. Diese organisieren sich über das Internet und haben mehrere Untergruppen gebildet. Das "Choreo-Team" hat ca. 70 Mitglieder. Nachdem sie die Ideen für ihre Choreographie entwickelt haben, geben sie den Vorschlag an den DFB weiter. Dort ist Michael Kirchner, der Projektleiter Fanclub Nationalmannschaft, zuständig, den Kontakt zur Uefa herzustellen. Der Europäische Verband akkreditiert dann die Helfer, genehmigt die Motive der Kurvenshow und überprüft zusammen mit den örtlichen Ausrichtern die Einhaltung der brandschutzrechtlichen Bestimmungen. Durch die Einbindung des Fanclubs Nationalmannschaft in den DFB ist es leichter möglich, mit der Uefa zu kooperieren. "Mit einem unabhängigen Fanclub würde der Verband so nicht zusammenarbeiten", sagt Kirchner.

Die Genehmigung einer Choreographie ist nicht selbstverständlich: Vor dem Viertelfinale der Weltmeisterschaft 2006 gegen Argentinien wurde den deutschen Fans die Durchführung ihrer bereits geplanten Kurvenshow von der Fifa verboten. Laut Kirchner sahen die Offiziellen der Fifa darin einen ungerechtfertigten Heimvorteil. Dabei wird bei Länderspielen, im Gegensatz zu Motiven bei Bundesliga-Partien, immer nur das eigene Team unterstützt und nie der Gegner diffamiert. Zum Halbfinale gegen das italienische Team boten die deutschen Fans daher an, zusätzlich rot-weiß-grüne Pappen im Block der Italiener auszulegen. Die Fifa willigte ein und so verwandelten sich beide Fankurven in riesige Landesflaggen.

Feuerzeuge am Riesentrikot

Bei dieser Euro kann den deutschen Fans kein Heimvorteil vorgeworfen werden. Trotzdem müssen einige Hürden genommen werden, bevor eine Choreographie durchgeführt werden kann. "Als wir vor dem Österreichspiel ins Stadion kamen, haben Kollegen der Wiener Behörden ihre Feuerzeuge an unser Riesentrikot gehalten", sagt Kirchner. Hätte es sich dabei nicht als feuerfest bewiesen, wäre der Einsatz untersagt worden.

Um den Brandschutzvorgaben zu entsprechen, können teilweise keine umweltfreundlichen Stoffe verwendet werden. "Wir probieren den Widerspruch zu unserer Green Goal-Kampagne aber so gering wie möglich zu halten", sagt Kirchner. Auch die Kosten für eine Choreographie steigen durch die speziellen Materialien auf 5.000 bis 10.000 Euro an. Dieses Geld stammt zu gleichen Teilen vom DFB, den Fanclub-Mitgliedsbeiträgen und dem Sponsor Coca Cola. Die 30 Helfer die am Spieltag die Materialien verteilen, erhalten für ihren Einsatz keine finanzielle Entschädigung. Sie bekommen zwar auf jeden Fall ein Ticket für das Spiel, bezahlen müssen sie es jedoch selbst.

Helfer geben das Kommando

Auch wenn alle Zuschauer im Stadion sind, ist die Arbeit für das Choreo-Team noch nicht abgeschlossen. "Viele Fans würden es vergessen, ihre Pappen hochzuhalten, vor lauter Aufregung kurz vor dem Spiel", sagt Kirchner. Daher postiert der Fanclub in jedem Block einige Helfer, die den richtigen Einsatz zeigen. Auf ihr Kommando strecken die Zuschauer ihre Arme nach oben und lassen auf der ganzen Kurve das Motiv der Choreographie erstrahlen.

Heute beim Halbfinale gegen Türkei werden das erste Mal bei dieser Europameisterschaft große Planen zum Einsatz kommen. In einer Halle in der Nähe von Mannheim wurden diese seit Tagen bemalt. Das Thema: Das Finale, das zum Greifen nahe ist. Für das Endspiel ist übrigens noch keine Kurvenshow vorbereitet: "Fußballer sind abergläubisch", so Kirchner, "und das gilt auch für uns Fans."

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