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EM 1996: Nächtliche Razzia vorm Finale

England 1996: Nach dem Sieg im Halbfinale gegen Gastgeber England ist die Stimmung im DFB-Team zunächst euphorisch. Alle waren sich sicher: Im Finale haben die Tschechen keine Chance. Dann aber stieg die Nervosität doch, es kam zu merkwürdigen Maßnahmen seitens der Trainer.

Von Thomas Strunz

Oft wurde ich in den letzten Tagen an die Euro '96 in England erinnert. Bei Public-Viewing-Veranstaltungen, in Interview-Anfragen und bei vielen Gesprächen, die ich in den letzten Tagen führte, wurde mir eine Frage immer wieder gestellt: "Wie war das damals vor dem Finale im Londoner Wembley-Stadion? Wie war die Stimmung? Habt ihr an euren Sieg geglaubt?"

Nach unserem Sieg im Elfmeterschießen gegen England im Halbfinale schwebten wir alle auf Wolke sieben. In einem mitreißenden Spiel hatten wir die Engländer in ihrem Heiligtum bezwungen - im alten Wembley-Stadion. Wir waren gegen den Gastgeber in das Finale eingezogen. Ich war einer der Elfmeterschützen gewesen und erinnere mich noch sehr genau an meine Glücksgefühle, an die Stimmung in der Mannschaft und unter den Trainern.

Wir waren vollkommen euphorisiert, als wir ins Hotel zurückkamen. Wir wussten, wir standen kurz vor der Vollendung unseres Traums, Europameister zu werden! Und das Beste: Im Finale wartete mit den Tschechen genau die Mannschaft, die wir zum Auftakt des Turniers klar mit 2:0 besiegt hatten. Unser erster Gedanke war: "Wow, wieder gegen Tschechien, das bekommen wir hin."

Wir hatten so viele Ausfälle

Die Frage, wer im Finale spielen würde, hatte für uns keine Bedeutung. Spekulationen und Konkurrenzkämpfe gab es nicht. Wegen der vielen verletzten und gesperrten Spieler stellte sich die Mannschaft nahezu von selber auf. Wir hatten so viele Ausfälle, dass Berti Vogts sogar Jens Todt für das Finale nachnominieren durfte.

Ich hatte in diesen Stunden und Tagen keine Zweifel an unserer Sieg-Chance. Gleichzeitig war aber deutlich zu spüren, dass nach der Euphorie wegen des Finaleinzugs die Stimmung im Team angespannter wurde. Uns war allen klar, dass wir durch den Sieg gegen Tschechien in der Vorrunde als hoher Favorit galten (so sahen wie das ja auch). Wir spürten diesen enormen Druck sehr deutlich. Dennoch fieberten wir alle dem Finaltag entgegen.

Auch die Trainer wurden von Tag zu Tag nervöser. Für mich gipfelte das in einer Zimmer-Razzia. Co-Trainer Rainer Bonhof klopfte am Vorabend des Finales an meine Tür, um sicherzustellen, dass ich keinen Frauenbesuch habe. Das fand ich schon äußerst merkwürdig und ist mir in dieser Form auch niemals davor oder danach passiert.

In den letzten Besprechungen ging es dann um Stärken und Schwächen des Gegners. Natürlich kannten wir die Tschechen vom Vorrundenspiel und mussten keine ausführlichen Analysen mehr anstellen. Die Sitzungen liefen sehr entspannt ab.

Schon beim Rasentest von Fans gefeiert

Wenn man am Nachmittag des Spiels in den Bus steigt und zum Stadion fährt, verhält sich jeder anders. Der eine setzt sich Kopfhörer auf und hört laut Musik, ein anderer liest, einer schläft oder tut zumindest so. Im Stadion angekommen gingen wir sofort in die Kabine, die damals im alten Wembley-Stadion so alt und klein war, dass es sehr eng auf den Bänken zuging. Als wir zum üblichen Rasentest das erste Mal ins Stadion einliefen, wurden wir von den deutschen Fans gefeiert. Bereits lange vor dem Anpfiff war die ausgelassene Stimmung unter den deutschen Anhängern zu spüren. Es war klar, dass sie wie eine Wand hinter uns stehen würden.

Das war wichtig. Denn wir bekamen von der Unterstützung und der positiven Stimmung in Deutschland sehr wenig mit. Wir waren ziemlich abgeschottet, was ich im nach hinein als sehr schade empfunden habe. Die meiste Zeit verbrachten wir abgeschirmt in den Hotels in Manchester und London. Es gab kaum einmal eine Möglichkeit, mal allein auf Besichtigungstour zu gehen.

Nun standen wir also auf dem heiligen Rasen in Wembley. Ein Endspiel ist immer ein ganz besonderes Erlebnis. Vieles, was in so einem Match passiert, ist von Psychologie geprägt. Wir Spieler des FC Bayern hatten einige Wochen zuvor den Uefa-Cup gewonnen. Wir fühlten uns unglaublich stark. Und da war es sicherlich kein Nachteil, dass viele Spieler von Bayern München in der Startformation standen. Wir waren es gewohnt, unter Druck gewinnen zu müssen.

Der Rest ist Geschichte. Die Einwechslung von Oliver Bierhoff für Mehmet Scholl brachte die Entscheidung. Bierhoff köpfte den 1:1-Ausgleich, nachdem die Tschechen zuvor durch einen ungerechtfertigten Elfmeter in Führung gegangen waren. Und in der Verlängerung fiel das berühmte Golden Goal. Oliver Bierhoff war der Matchwinner, der uns den Europameistertitel bescherte. Er war der Held des Finales. Vielleicht haben wir heute in Wien gegen die Spanier ja wieder einen Spieler auf dem Platz, der den Unterschied macht. Hoffentlich.

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