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Portugal - Deutschland: So ist der Sieg drin

Im Viertelfinale trifft Deutschland auf die Fußball-Großmacht Portugal (ab 20.45 Uhr im stern.de-Liveticker). Mit Ronaldo hat die Selecção den besten Spieler und mit Scolari den erfolgreichsten Trainer bei dieser EM. Schwachpunkte hat diese Klasse-Elf wenige - doch es gibt eine Chance, sie zu schlagen.

Von Nico Stankewitz

Mit insgesamt wenig überzeugenden Leistungen hat die deutsche Mannschaft die Vorrunde überstanden. Gegen Portugal wird eine ordentliche Leistungssteigerung nötig sein, denn im Viertelfinale trifft die DFB-Elf auf eine Klasse-Mannschaft. Die Portugiesen verfügen über eine gute Mischung aus alten und jungen Spielern, die vor allem in Mittelfeld und Abwehr kaum Schwächen hat.

Stabile Abwehr - winzige Schwächen

Portugals Abwehrblock ist im Laufe des Turniers bisher kaum gefordert worden. Mit Pepe und Ricardo Carvalho verfügt Portugal über das beste Innenverteidiger-Paar dieser EM. Schwächen bei diesen beiden zu finden, ist nicht einfach. Carvalho, der eminent zweikampfstark ist, hat mitunter leichte Probleme im Spielaufbau, der eingebürgerte Brasilianer Pepe von Real Madrid neigt manchmal zu Leichtsinn. Auch die Abstimmung der beiden ist nicht perfekt, Steilpässe in die Nahtstellen bleiben hier ein probates Mittel. Kopfballstark sind beide, bei der bisherigen Schwäche der Deutschen bei Standardsituationen und Flanken dürfen wir uns von hohen Flanken und Diagonalbällen nicht viel versprechen.

Viele Torchancen dürfte Portugal insgesamt nicht zulassen, da ist die Qualität der deutschen Angreifer wieder besonders gefragt. Mit Ricardo ist die Torwartposition der Scolari-Truppe nicht mit einem internationalen Klassemann besetzt, so dass Distanzschüsse ein probates Erfolgsrezept sind - wie von Schweinsteiger schon beim Spiel um den dritten Platz der WM 2006 erfolgreich praktiziert. Flügelangriffe dürften gegen die starken Außenverteidiger Bosingwa und Paulo Ferreira nicht im 1:1, sondern nur in Überzahlsituationen erfolgreich zu gestalten sein.

Keine One-Man-Show!

Obwohl die öffentliche Wahrnehmung dieser Mannschaft sich stark auf Cristiano Ronaldo fokussiert, ist Portugals mächtige Offensive nicht von dem 23-Jährigen Superstar abhängig, der als derzeit weltbester Spieler gilt. Ronaldo kann alles und hat sich in den vergangenen zwei Jahren zu einem Mannschaftsspieler entwickelt, der seine herausragenden Fähigkeiten auch zum Nutzen seiner Mitspieler anwendet. Für Ronaldos Position hat Scolari aber mit Ricardo Quaresma (Porto) und Nani (ManU) noch zwei herausragende Spieler auf der Bank, gemeinsam mit Simao (Benfica) sind das vier erstklassige Außenspieler - von diesem Kaliber und mit diesem Profil hat Deutschland keinen Spieler, auch Schweinsteiger ist ein etwas anderer Spielertyp. Ronaldo ist viel unterwegs, auf den Flügeln, im Mittelfeld, auch in der Spitze. Ihn in Manndeckung zu nehmen ist fast unmöglich, es kommt auf eine gut gestaffelte Raumdeckung an, wo Ronaldo schnell gedoppelt werden kann.

Aber auch der jeweils andere Außenspieler muss genau so effektiv bekämpft werden, denn auch Simao, Quaresma und Nani können jederzeit ein Spiel entscheiden und haben das schon häufig unter Beweis gestellt. Nur die Mittelstürmerposition beim Gegner bereitet aus deutscher Sicht keine großen Sorgen, denn Kapitän Nuno Gomes ist zwar schon lange dabei, braucht aber viele Chancen für ein Tor und sollte von Mertesacker und Metzelder in Schach gehalten werden können.

Schaltzentrale Deco lahmlegen

Schlüsselspieler im zentralen Bereich ist der zweite eingebürgerte Brasilianer, Deco. Der 30-Jährige vom FC Barcelona spielt hinter den Spitzen und verteilt Bälle, hat viele Ballkontakte und steuert das Spiel. Hier (und nicht bei Ronaldo) liegt die Schaltzentrale der portugiesischen Mannschaft, und hier muss das Passspiel lahmgelegt werden. Dabei muss Deco, ein kleiner, ballgewandter Spieler nicht unähnlich dem Bremer Diego, früh attackiert und gestört werden. Für Ballack und Frings eine wichtige, vielleicht entscheidende Aufgabe neben dem Aufbau des eigenen Offensivspiels. Der erfahrene Petit und der junge Joao Moutinho hängen in der Luft, wenn es gelingen sollte, Deco zu neutralisieren. Das Abfangen von Pässen in diesem Bereich könnte der Siegfaktor für Deutschland sein, wenn aus diesen Abspielfehlern resultierende Torchancen zwingend genutzt werden können. Gleichzeitig hält man den ganz großen Druck vom deutschen Tor weg.

Ob im deutschen Mittelfeld taktische Änderungen notwendig sind, um die portugiesische Zentrale effektiver zu stören, ist umstritten. Gerade im zentralen Bereich haben Löw und Flick mit Frings und Ballack aber die wenigsten Probleme, das erfahrenste (und älteste) zentrale Mittelfeld aller EM-Teilnehmer hat alle notwendigen Qualitäten, mit Borowski, Rolfes und Hitzlsperger stehen auch gute Leute im zweiten Glied bereit. Sehr wahrscheinlich fällt im zentralen Bereich die Entscheidung, aber gleichzeitig muss gewährleistet sein, dass Lahm und Friedrich auf den Außenbahnen entsprechend unterstützt werden.

Die Löw-Elf steht vor ihrer mit Abstand größten Bewährungsprobe, in Basel wird Deutschland das beste Spiel seit der WM 2006 brauchen, um bei dieser EM das Halbfinale zu erreichen - schwierig, aber nicht unmöglich!

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